Fragestellung:
Trotz der Reformen des psychiatrischen Versorgungssystems lebt weiterhin ein Großteil chronisch psychisch kranker Menschen in stationären Einrichtungen. In weite Ferne gerückt erscheint das gemeindepsychiatrische Ziel, auch Menschen mit chronisch rezidivierenden psychischen Erkrankungen zu befähigen, selbstbestimmt und normal im eigenen Lebensfeld zurechtzukommen. Im Bereich der Pflegeforschung ist die Situation psychisch kranker Menschen bislang relativ dethematisiert, in anderen Disziplinen wird sie wenig aktuell und dürftig behandelt, obendrein zumeist ausschließlich unter standardisierten Kriterien zur Lebensqualität. Mit Fokus auf die subjektive Sicht der Bewohner hat die Studie zum Ziel, die Einflüsse bzw. Einschränkungen, mit denen psychisch kranke Menschen in einem Wohnheim leben, sowie die Auswirkungen der institutionellen Lebensbedingungen auf die Persönlichkeit sowohl theoretisch als auch empirisch herauszuarbeiten und die pflegerischen Bedarfe und Bedürfnisse psychisch kranker Menschen in stationären Wohneinrichtungen zu identifizieren.
Methoden:
Die explorative Studie basiert auf fünf leitfadengestützten Interviews mit psychisch kranken Bewohnern eines Wohnheims, die inhaltsanalytisch mittels Qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden.
Ergebnisse:
Die Ergebnisse zeigen, dass das Leben der Bewohner durch die Unterbringung in einem Wohnheim entscheidend geprägt wird. Die Institution als Ort pflegerischer Versorgung von psychisch kranken Menschen ist durch ein hohes Maß an Fremdbestimmung gekennzeichnet. In zahlreichen Bereichen unterliegt das Leben der Interviewten erheblichen Restriktionen. Die Fremdbestimmung führt bei den Bewohnern zum Abbau von Fähigkeiten zur autonomen Lebensführung und zu Problemen beim Entwurf einer eigenständigen biographischen Konstruktion. Nach Einschätzung der Bewohner tragen die Pflegenden die fremdbestimmenden, institutionellen Strukturen mit und werden als nicht Autonomie fördernd wahrgenommen.
Schlussfolgerung:
Die Pflegenden unterliegen ebenso wie die Bewohner den institutionellen Bedingungen des Wohnheims; ihre Funktion im System Heim ist ihnen unbekannt. Im Bestreben um eine professionelle pflegerische Handlungskompetenz bestimmt der Beitrag die Befähigung zu verständigungsorientierter Interaktion mit den Bewohnern und zur Reflexion der Macht- und Abhängigkeitsstrukturen im Heim als zentrale Ausbildungsziele, um die Autonomie der Bewohner besser zu fördern.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Psychiatrische Versorgung
1.1 Die Psychiatriereform – ein historischer Abriss
1.2 Heutige Versorgungsstrukturen
1.3 Hilfen im Bereich Wohnen
1.4 Kritik
1.5 Zusammenfassung
2. Theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Das Konzept der totalen Institution
2.1.1 Begriffsbestimmung
2.1.2 Macht und Strategien der Anpassung
2.1.3 Kritik
2.2 Fremdwerden der eigenen Biographie
2.2.1 Prozesse des Sich-selbst-gegenüber-fremd-Werdens
2.2.2 Dimensionen der Verlusterfahrungen
2.3 Zusammenfassung
3. Entwicklungs- und Forschungsstand
4. Methodologische Grundannahmen der Untersuchung
5. Durchführung der Untersuchung
5.1 Ethische Überlegungen
5.2 Datenerhebung
5.3 Feldzugang und Sample
5.4 Datenauswertung
6. Ergebnisse
6.1 Positive Lebenserfahrungen
6.2 Negative Lebenserfahrungen
6.3 Erkrankungen
6.4 Folgen der psychischen Erkrankung
6.5 Einfluss psychiatrischer Behandlung
6.6 Autonomie
6.7 Fremdbestimmung
6.8 Privatsphäre
6.9 Folgen des institutionellen Wohnens
6.10 Hilfen
6.11 Zufriedenheit
6.12 Resignation
6.13 Veränderungswünsche im Wohnheim
6.14 Wünsche und konkrete Pläne für die Zukunft
7. Diskussion
8. Schlussfolgerungen für eine professionelle pflegerische Handlungskompetenz
9. Ausblick
10. Literatur
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, die subjektive Sichtweise chronisch psychisch kranker Menschen auf ihr Leben in einer vollstationären Wohneinrichtung zu untersuchen. Dabei sollen der Alltag, der biographische Werdegang und der Einfluss der Institution Heim auf die Persönlichkeit der Bewohner im Rahmen einer qualitativen Studie analysiert werden, um daraus Schlussfolgerungen für eine professionelle pflegerische Handlungskompetenz abzuleiten.
- Lebenssituation psychisch kranker Menschen in stationären Wohneinrichtungen
- Die Institution Heim und deren Einfluss auf die biographische Identität
- Wechselwirkung zwischen Individuum und institutionellen Rahmenbedingungen
- Anpassungsstrategien psychisch kranker Menschen an totale Institutionen
- Entwicklung pflegerischer Handlungskompetenz in der stationären Psychiatrie
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Begriffsbestimmung
Das menschliche Zusammenleben ist durch Institutionalisierungsprozesse geregelt, die aus Habitualisierung von Verhalten entstehen (vgl. Berger/Luckmann 2007, 61). Es gibt eine Vielzahl spezieller Institutionen, die gezielt verschiedene gesellschaftliche Aufgaben (z.B. Bildung von Kindern in Schulen) übernehmen, und innerhalb derer jedes einzelne Mitglied eine von seiner Position abhängige soziale Rolle übernimmt. Diese bietet eine Richtschnur für das Verhalten und beeinflusst das Selbsterleben jeder Person (vgl. Koch-Straube 1997, 339). Üblicherweise besteht in den westlichen Gesellschaften dabei eine Trennung von Arbeits-, Wohn- und Freizeitbereich (vgl. Hohmeier/Treiber 2007, 473). In diesen unterschiedlichen Lebensbereichen hat die/der Einzelne es mit anderen Menschen und verschiedenen Autoritäten zu tun, auch unterliegt ihr/sein Handeln keinem umfassenden rationalen Plan. An jedem Ort nimmt das Individuum andere soziale Rollen ein (vgl. Goffman 1973, 17). Dabei beansprucht jede Institution einen Teil seiner Zeit und Interessen. Sie stellt eine Welt für sich dar (vgl. Goffman 1973, 15). Obwohl von Menschen geschaffen, von ihnen aufrechterhalten oder verändert, stehen die Institutionen "dem Individuum als objektive Faktizitäten unabweisbar gegenüber. Sie sind da, außerhalb der Person, und beherrschen in ihrer Wirklichkeit, ob wir sie leiden mögen oder nicht. Sie widersetzen sich seinen Versuchen, sie zu verändern oder ihnen zu entschlüpfen. Sie haben durch ihre bloße Faktizität zwingende Macht über ihn, sowie auch durch die Kontrollmechanismen, die mindestens den wichtigsten Institutionen beigegeben sind" (Berger/Luckmann 2007, 64, Hervorhebung im Original).
Goffman betont, dass der Eintritt in eine totale Institution beträchtlich anders ist als das Hin und Herwechseln zwischen anderen Interaktionsrahmen, in denen Menschen einen Teil des Tages verbringen (vgl. Giddens 1992, 209). Im Unterschied hierzu symbolisieren die Beschränkungen des sozialen Verkehrs mit der Außenwelt und der Freizügigkeit den allumfassenden bzw. totalen Charakter einer Institution (vgl. Goffman 1973, 15f.). Anhand dieser grundsätzlichen Überlegungen definiert Goffman totale Institution wie folgt: "Eine totale Institution läßt sich als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen definieren, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen" (Goffman 1973, 11).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Psychiatrische Versorgung: Dieses Kapitel erläutert die historische Entwicklung der Psychiatriereform in Deutschland und beschreibt die komplexen heutigen Versorgungsstrukturen für psychisch kranke Menschen.
2. Theoretischer Bezugsrahmen: Hier werden Goffmans soziologisches Konzept der "totalen Institution" und Riemanns Studie zum "Fremdwerden der eigenen Biographie" als wissenschaftliche Basis für die Untersuchung dargelegt.
3. Entwicklungs- und Forschungsstand: Das Kapitel bietet einen Überblick über aktuelle Daten zur Heimversorgung und kritisiert die lückenhafte Informationslage sowie die bestehende "Umhospitalisierung" in Heime.
4. Methodologische Grundannahmen der Untersuchung: Hier wird der qualitative Forschungsansatz begründet, der darauf abzielt, das Erleben der Bewohner aus ihrer subjektiven Perspektive zu erfassen.
5. Durchführung der Untersuchung: Dieses Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen, ethische Erwägungen, den Feldzugang sowie die Auswahl der Probanden und die Datenauswertung mittels qualitativer Inhaltsanalyse.
6. Ergebnisse: Der Hauptteil präsentiert die 14 identifizierten Kategorien, die das Erleben der Bewohner im Wohnheim prägen, von positiven Erfahrungen bis hin zu Resignation und Zukunftsplänen.
7. Diskussion: Hier werden die Forschungsergebnisse in den theoretischen Bezugsrahmen eingebettet und die Einflussnahme der stationären Wohneinrichtung auf die Bewohner kritisch hinterfragt.
8. Schlussfolgerungen für eine professionelle pflegerische Handlungskompetenz: Dieses Kapitel entwickelt Anforderungen an eine professionelle Pflege, die den rehabilitativen Aspekt betont und eine expertokratische Kommunikation durch eine interaktionsorientierte ersetzen soll.
9. Ausblick: Der Ausblick zeigt Chancen für Pflegende auf, durch Beratung und Nutzung sozialrechtlicher Potentiale zur Autonomie und Inklusion der Bewohner beizutragen.
Schlüsselwörter
Psychiatrische Versorgung, totale Institution, Heimbewohner, Fremdbestimmung, Lebensqualität, Biographiearbeit, psychiatrische Pflege, Handlungskompetenz, Gemeindepsychiatrie, stationäre Wohneinrichtung, Autonomie, qualitative Forschung, psychiatrische Reform, Lebenswelt, Enthospitalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Lebenssituation und die subjektiven Erfahrungen von psychisch kranken Menschen, die in einer vollstationären Wohneinrichtung (Wohnheim) leben, und analysiert, wie diese Institution auf die Bewohner wirkt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die psychiatrische Versorgungslandschaft, die Auswirkungen institutioneller Lebensbedingungen auf die Persönlichkeit, die Fremdbestimmung im Heimalltag sowie der Umgang der Bewohner mit ihrer biographischen Identität.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist es, ein besseres Verständnis für den Einfluss institutioneller Bedingungen im Wohnheim auf die Persönlichkeit der Bewohner zu entwickeln und daraus Handlungsempfehlungen für die professionelle pflegerische Handlungskompetenz abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt. Die Datenerhebung erfolgte mittels halbstrukturierter Interviews mit Bewohnern, die anschließend durch eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung durch Goffman und Riemann, die Darstellung der aktuellen Versorgungssituation sowie die detaillierte Ergebnispräsentation der Interviews, unterteilt in Kategorien wie Autonomie, Fremdbestimmung, Hilfen und Zukunftspläne.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind totale Institution, Fremdbestimmung, psychiatrische Pflege, Lebenswelt Wohnheim, Autonomie, biographische Identität und professionelle Handlungskompetenz.
Wie verändert das Leben im Wohnheim das Selbstbild der Betroffenen?
Laut den Interviews führt das Leben im Heim oft zu Fremdbestimmung und einer Reduktion des eigenen Lebens auf psychiatrische Erfahrungen, was die biographische Identität schwächen und zu Resignation führen kann.
Welche Rolle spielt das Personal bei der Förderung der Autonomie?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Personal oft in einer Kontrollfunktion gefangen ist, anstatt Autonomie zu fördern. Es wird eine expertokratische Kommunikation kritisiert und ein interaktionsorientiertes Pflegeverständnis gefordert, das die Bewohner als Partner auf Augenhöhe anerkennt.
- Arbeit zitieren
- Nicole Duveneck (Autor:in), 2010, „Ich hab mich jetzt so abgefunden. Muss ich ja…“. Das Leben psychisch kranker Menschen im Wohnheim, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/188013