Versucht ein Mensch sich an sein eigenes Leben zu erinnern, so ist davon auszugehen, dass ihm zunächst eine ungeordnete Flut von Bildern und Eindrücken in den Sinn kommt, welche es zu sortieren und chronologisch anzuordnen gilt, zumal wenn er sich das Ziel gesetzt hat, die eigenen Erinnerungen auch anderen Menschen zu übermitteln. Die Besonderheit der gattung liegt hierbei darin, dass sich aus der Erinnerung geschöpfte Informationen aufgrund ihrer geringen Exaktheit recht einfach (bewusst oder unbewusst) im Sinne bestimmter Absichten anordnen und interpretieren lassen. Da es nun zudem als Grundanliegen des Menschen zu gelten hat dem eigenen Leben einen wie auch immer gearteten Sinn zu verleihen, ist die bewusste Realisierung eines solchen unter Umständen wirklichkeitsverfälschenden Arrangements sogar als sehr wahrscheinlich anzusehen. Spätestens seit Beginn der Moderne jedenfalls wird Sinnstiftung zu einer der bedeutendsten individuellen Aufgaben jedes Einzelnen und fordert besonders im Ausnahmefall der Abfassung einer Autobiographie eine überlegte Darstellung der zur Verfügung stehenden Erinnerungen. Da die Voraussetzung jeder Sinngebung aber die Operation mit einem klaren Ich-Konzept ist, das in Form persönlicher Identität geschaffen und gefestigt werden muss, kann Identitätsstiftung somit gewissermaßen als anthropologische Konstante angesehen werden. Diese dient hierbei verschiedenen Anliegen: Sie soll dem eigenen Leben Beständigkeit verleihen, Entscheidungen legitimieren, eine Absicherung der Wahl des persönlichen Lebenswegs gewährleisten und so die Gewissheit liefern, die eigene Lebensführung gegenüber anderen behaupten und schützen zu können.
Die vorliegende Arbeit will es sich nun zur Aufgabe machen anhand der Autobiographie Johann Heinrich Jung-Stillings ein möglichst umfassendes Gesamtbild der Identitätsstiftung des Autors zu vermitteln, dessen Lebensgeschichte aufgrund ihrer Entstehungszeit und Ausführlichkeit in jeder Hinsicht als geradezu ideales Untersuchungsobjekt angesehen werden muss.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Bemerkungen und Darlegung der Vorgehensweise
2. Definition und Differenzierung der Begriffe Persönlichkeit, Identität und Individualität
2.1 Persönlichkeit
2.2 Identität
2.3 Individualität
3. Identitätsstiftung in Jung-Stillings Lebensgeschichte
3.1 Die Gattung Autobiographie
3.1.1 Allgemeines
3.1.2 Jung-Stillings autobiographische Texte
3.1.2.1 Formale Besonderheiten
3.1.2.2 Dialoge als Mittel der Identitätsstiftung
3.1.2.3 Erzählerreflexionen und –anmerkungen
3.2 Voraussetzungen
3.2.1 Historische Fakten
3.2.1.1 Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
3.2.1.2 Literatur und Philosophie
3.2.1.3 Die Entstehung des Bedürfnisses nach Identitätsstiftung
3.2.2 Jung-Stillings persönliche Voraussetzungen
3.2.2.1 Besonderheitsstatus und Aufstiegswillen
3.2.2.2 Jung-Stillings Außenseitertum: Probleme der Integration in soziale Umfelder
3.3 Identitätsfundamente
3.3.1 Natur
3.3.1.1 Gemütsverfassung und Natur
3.3.1.2 Naturbezüge auf stilistischer Ebene
3.3.2 Geistesgeschichtlicher und wissenschaftlicher Kontext
3.3.2.1 Literatur
3.3.2.2 Philosophie
3.3.2.3 Wissenschaft
3.3.3 Religion
3.3.3.1 Religiosität des Stillingschen Umfeldes
3.3.3.2 Ein Leben nach Gottes Führung
3.3.3.3 Darlegung religiöser Überzeugungen auf stilistischer Ebene und in Verknüpfung mit anderen Themen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Identitätsstiftung in der Lebensgeschichte von Johann Heinrich Jung-Stilling, um nachzuweisen, wie der Autor seinen außergewöhnlichen Lebensweg als gottgegebene Bestimmung legitimiert und dabei die Spannungen zwischen Pietismus und der Moderne des 18. Jahrhunderts verarbeitet.
- Identitätsstiftung als anthropologische Konstante in der Moderne
- Die Gattung der Autobiographie im 18. Jahrhundert
- Historische und persönliche Voraussetzungen Jung-Stillings
- Identitätsfundamente: Natur, Geistesgeschichte/Wissenschaft und Religion
- Legitimationsstrategien und die Rolle göttlicher Vorsehung
Auszug aus dem Buch
3.1.2.2 Dialoge als Mittel der Identitätsstiftung
Wie bereits angedeutet soll es in den nunmehr folgenden Ausführungen um die im Text vorhandenen Dialoge und Unterhaltungen gehen, deren Untersuchung gerade im Hinblick auf Identitätsstiftung bedeutsam scheint und deren reichliche Einbettung in das Jung-Stillingsche Werk als eine erzähltechnische Besonderheit verstanden werden muss, die eine Abweichung von der Gattungsnorm darstellt. Letzteres lässt sich durch den Umstand erklären, dass gerade wörtlich wiedergegebene Gespräche im Gegensatz zu anderen fiktiven Elementen vom Leser beinahe zweifelsfrei als fingiert erkannt werden können.
Das bedeutet: Ist es sowohl bei einfachen Landschaftsbeschreibungen als auch bei komplexeren Schilderungen von Ereignissen, Gefühlen oder Eindrücken durchaus strittig, ob der vorliegende Text fingiert ist oder, vereinfacht ausgedrückt, erinnerte Realität wiedergibt, darf doch die wortwörtliche Erinnerung an Unterhaltungen, zumal in einer solch enormen Zahl wie im Falle Jung-Stillings, kaum als plausible Gedächtnisleistung des Autobiographen angesehen werden, so dass also eine mehr oder minder freie literarische Schaffung der Dialoge als belegt angesehen werden kann. Entsprechend kann davon ausgegangen werden, dass der Autor sich hier von der realen Vergangenheit emanzipiert, um Geschehnisse auf bestimmte Art zu inszenieren, was bedeutet, dass die jeweils in Dialogform vorliegenden Textstellen in hohem Maße die Intentionen des Autors widerspiegeln, wodurch ihr Erscheinen in einem Text, welcher der Wahrheit verpflichtet ist, in ein besonderes Licht gerückt wird.
Hieraus lässt sich nun wiederum, wie bereits angedeutet, schlussfolgern, dass die Untersuchung von Dialogen für den Nachweis von Identitätsstiftung geradezu prädestiniert ist, weil letztere mit hoher Wahrscheinlichkeit gewollt hinsichtlich der Verfasserabsichten arrangiert wurden. Auf diesen Überlegungen basierend, die zusammenfassend und vereinfacht ausgedrückt zur Formulierung einer These der Dialogfiktionalität führen, welche auch Arhelger andeutet (ohne sie jedoch in seine Untersuchungen einzubeziehen), sollen im Folgenden nun einige wenige der in der Autobiographie wiedergegebenen Gespräche hinsichtlich ihrer Aussagekraft bezüglich der Jung-Stillingschen Identitätsstiftung untersucht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Bemerkungen und Darlegung der Vorgehensweise: Das Kapitel führt in das Thema ein, erläutert die Bedeutung der Autobiographie für die moderne Identitätsstiftung und legt das Ziel der Untersuchung des Werkes von Jung-Stilling dar.
2. Definition und Differenzierung der Begriffe Persönlichkeit, Identität und Individualität: Es werden grundlegende Begriffe definiert, um ein theoretisches Fundament für die Analyse der Identitätsbildung im autobiographischen Kontext zu schaffen.
3. Identitätsstiftung in Jung-Stillings Lebensgeschichte: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die Erzählweise, historische Hintergründe, persönliche Voraussetzungen sowie die zentralen Identitätsfundamente (Natur, Wissenschaft, Religion) des Autors.
4. Fazit: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Jung-Stilling durch die gezielte Nutzung verschiedener Identitätsfundamente seinen Lebensweg erfolgreich legitimiert.
Schlüsselwörter
Identitätsstiftung, Jung-Stilling, Autobiographie, Moderne, Pietismus, Aufklärung, Narrativität, Erzähltechniken, Religion, Vorsehung, Subjektivität, Individualität, Literatur, Naturverbundenheit, Legitimationsstrategien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Johann Heinrich Jung-Stilling in seinen autobiographischen Texten seine eigene Identität konstruiert und seinen ungewöhnlichen Lebensweg legitimiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Gattung der Autobiographie, die Identitätsstiftung in der Moderne, die Rolle religiöser Überzeugungen sowie das Verhältnis zwischen individueller Lebensgeschichte und gesellschaftlichen Umbrüchen des 18. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, wie Jung-Stilling seine Lebensgeschichte als ein Werk göttlicher Vorsehung inszeniert, um den Druck zwischen seinem einfachen Herkommen und seinem sozialen Aufstieg zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin oder der Autor verwendet eine detaillierte Textanalyse der Jung-Stillingschen Autobiographie in Verbindung mit literatur- und geistesgeschichtlichen Analysen der Epoche.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Erzählweise (Dialoge, Reflexionen), die historische Verortung und die Untersuchung der Identitätsfundamente wie Natur, Wissenschaft, Philosophie und vor allem Religion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Identitätsstiftung, Jung-Stilling, Autobiographie, Vorsehung, Pietismus und Moderne.
Wie geht die Arbeit mit dem Begriff der "fiktionalen Dialoge" um?
Die Arbeit stellt die These der "Dialogfiktionalität" auf, nach der Jung-Stilling wörtliche Gespräche konstruiert, um seine Intentionen und die göttliche Führung objektiver erscheinen zu lassen.
Warum spielt die Religion eine so entscheidende Rolle für Jung-Stilling?
Religion dient als "Panazee", die alle Widersprüche im Lebenslauf glättet und es dem Autor ermöglicht, seinen Aufstieg trotz der strengen gesellschaftlichen Ordnung als göttlich legitimiert darzustellen.
Welche Bedeutung kommt dem Großvater Eberhard in der Analyse zu?
Der Großvater fungiert als ideale Legitimationsfigur, die eine Brücke zwischen traditionellen religiösen Werten und modernem Interesse an Wissenschaft schlägt.
- Quote paper
- Nadine Schmenger (Author), 2007, Identitätsstiftung in den autobiographischen Texten Johann Heinrich Jung-Stillings, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/187911