Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die gotisierenden Anteile der Jesuitenkirchen der niederhreinischen Provinz programmatischen Charakter für die Missionstätigkeit der Jesuiten hatten oder nicht. Dabei wird auch das weitere Tätigkeitsfeld der Jesuiten im 16. Jahrhundert wie Erziehung, Theater oder Musik beleuchtet. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Kölner Kirche St. Mariae Himmelfaht, die am Ende des 16. Jahrhunderts in unmittelbarer Nähe zum Dom, der erst seit circa 20 Jahren eine gotische Bauruine war, von den Jesuiten errichtet worden ist. Ist die Wahl des gotisierenden Baustils bei St. Mariae Himmelfahrt einer lokalen Kölner Bautradition geschuldet oder wollten die Jesuiten damit ein Zeugnis für ihre Katholizität ablegen, insofern der gotische Baustil als spezifisch mittelalterlich und damit katholisch aufgefasst worden ist?
Inhaltsverzeichnis
1. Darstellung
1.1 . Zur Aufgabenstellung
1.1.1. Zielsetzung der Arbeit
1.1.2. Architektur als Bedeutungsträger und Quelle
1.2. Geschichte und Stand der Forschung
1.3. Aufgaben und Zielsetzungen der Jesuiten
1.3.1. Geistliche und pädagogische Aufgaben
1.3.2. Engagement auf dem Gebiet der Kunst
1.4. Die konfessionelle Situation auf dem Gebiet der niederrheinischen Provinz nach 1555
2. Gotik, Nachgotik und Barock: Tradition oder Programmatik ?
2.1. Zur Verbreitung gotischer und nachgotischer Kirchen in der niederrheinischen Provinz
2.1.1. Gotische Kirchen in der niederrheinischen Provinz und die Theorie der Adaption
2.1.2. Nachgotische Kirchen in der niederrheinischen Provinz und ihre Bauherren
2.2. Zur Genese jesuitischer Kirchbauten: Auswahl, Entscheidungsprozesse und Förderer
2.3. Die Kirchen der Jesuiten in der niederrheinischen Provinz
2.3.1 Die Kirche St. Peter in Münster
2.3.2. St. Johann in Koblenz
2.3.3. Molsheim und St. Mariae Himmelfahrt in Köln
2.3.4. St. Michael in Aachen
2.3.5 St. Andreas in Düsseldorf
2.3.6. Coesfeld, Paderbom und Siegen
2.3.7. Die Gymnasialkirche in Bad Münstereifel
2.3.8. Die Namen-Jesu-Kirche in Bonn
2.4. Herkunft und Verlauf der jesuitischen Nachgotik
2.5. Zum Verhältnis von Spätgotik und Nachgotik
2.6. Programmatische Aspekte der frühbarocken Bauteile
2.6.1. Adaption an den Straßenverlauf
2.6.2. Die Fassade
2.6.3. Die Flankentürme von Köln und Bonn
2.6.4. Weiträumigkeit des Mittelschiffs
2.6.5. Rhythmik der Lichtführung
2.6.6. Die Kanzel
2.6.7. Der Chor und der Altar
2.6.8. Der Triumphbogen im Inneren
2.6.9 Der Apostel-Zyklus
2.6.10. Die Beichtstühle
3. Bewertung und Einordnung in die Epoche der Gegenreformation
3.1. Kunst im Dienst der Gegenreformation
3.1.1. Architektur, bildende Künste und Kunsthandwerk
3.1.2. Nutzen und Wirkung von Kunst in Katechese, Liturgie und Frömmigkeit
3.1.3. Gegenreformatorische Kunst als Verschmelzung des Raumes und ganzheitliches Erfassen des Menschen
3.2. Ergebnisse und Ausblick
3.2.1. Niederrheinische Jesuitenkirchen als Spiegel einer Krisen- und Reformzeit des Katholizismus
3.2.2. Zur Verbindung von Gotik und Barock: Eklektizismus, Symbiose und architektonische Sackgasse
3.2.3. Zusammenfassung und Ausblick: Die niederrheinischen Jesuitenkirchen als Synthese von historischer Bedingtheit, Tradition und Instrumentalisierung
Zielsetzung & Themen der Untersuchung
Die Arbeit untersucht, ob die nachgotischen Kirchenbauten der Jesuiten in der niederrheinischen Ordensprovinz einer bewussten programmatischen Absicht der Gegenreformation folgen oder aus einer fortbestehenden gotischen Bautradition resultieren. Dabei wird der historische Kontext der katholischen Erneuerung mit der architektonischen Gestaltung und der funktionalen Nutzung der Bauten in Beziehung gesetzt.
- Untersuchung der Bedeutung nachgotischer Architektur im Kontext der Gegenreformation.
- Analyse von Entscheidungsprozessen und dem Einfluss von Bauherren und Förderern auf das architektonische Erscheinungsbild.
- Beurteilung der konfessionellen Situation in der niederrheinischen Provinz als Hintergrund für den Kirchenbau.
- Dekodierung der programmatischen Funktion frühbarocker und nachgotischer Bauelemente.
- Bewertung von Jesuitenkirchen als „steinerne Emanation“ und historische Quelle.
Auszug aus dem Buch
1.1.2. Architektur als Bedeutungsträger und Quelle
Kunstwerke und Architektur als Quelle anzusehen, ist noch immer ein ungewöhnliches Verfahren für Historiker. Der geschriebene oder gedruckte Buchstabe besitzt deutliche Priorität. Wenngleich er diese nie verlieren wird, so ist es doch wertvoll zu versuchen, vermehrt auch Sachüberreste als Quellen gleichsam zu lesen. Für gewöhnlich jedoch wird „die Kunstgeschichte vom Historiker außerordentlich häufig als Hilfswissenschaft“ herangezogen, oder aber der „Historiker sieht Kunstwerke als Illustration politischer Geschichte [...].“
Betrachtet man allerdings Kunstwerke und Architektur unter dem Gesichtspunkt ihres Aussagewertes über historische Zustände zur Zeit ihrer Entstehung, kommt der Ikonographie eine gewichtige Bedeutung zu: „Die Ikonographie wandelt sich in dem Moment von einer Hilfswissenschaft zu einer Hauptdisziplin [...].“ Mit ihrer Hilfe vermag es der Historiker, nicht schriftliche Kunstwerke zum Sprechen zu bringen, ähnlich wie es von schriftlichen Quellen her bekannt ist.
Während der Kunsthistoriker Zusammenhänge zwischen einzelnen Kunstwerken, ihre stilistischen und wegweisenden Qualitäten kunsthistorischer Natur im Blick hat kann der Historiker über die ikonologische Bedeutung der Kunstwerke Rückschlüsse ziehen auf die Ziele, Machtansprüche oder Erfolge der Auftraggeber oder Bauherren, denn „Menschen, die unter anderen religiösen, sozialen und politischen Verhältnissen lebten, haben es [sc. das Kunstwerk] geschaffen; geschichtliche Bedingungen, die wir nur rekonstruieren können, haben es hervorgerufen und bewirkt, dass es überhaupt da ist. Von allen diesen vergangenen Verhältnissen ist etwas in das Kunstwerk eingegangen und sozusagen versteinert auf uns gekommen. Insofern ist das Kunstwerk eine erstrangige Quelle für die allgemeine Geschichte, nicht nur der politischen, sondern der Menschheitsgeschichte überhaupt."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Darstellung: Einführung in die Zielsetzung der Arbeit, die Forschungsfrage nach der Programmatik jesuitischer Kirchenbauten und die methodische Herangehensweise an Architektur als historische Quelle.
2. Gotik, Nachgotik und Barock: Tradition oder Programmatik ?: Umfassende Untersuchung der nachgotischen und barocken Bausubstanz der Jesuiten in der niederrheinischen Provinz unter Berücksichtigung spezifischer Kirchenbeispiele.
3. Bewertung und Einordnung in die Epoche der Gegenreformation: Einordnung der untersuchten Kirchen in den kunsthistorischen und konfessionellen Kontext der Gegenreformation sowie Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der programmatischen Funktion.
4. Quellen und Literatur: Auflistung der verwendeten Primärquellen und der wissenschaftlichen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Jesuiten, Jesuitenkirchen, Niederrheinische Ordensprovinz, Gegenreformation, Nachgotik, Frühbarock, Kirchenbau, Architektur, Programmatik, Liturgie, Eucharistiefrömmigkeit, Konfessionalisierung, Gesamtkunstwerk, Sakralarchitektur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der nachgotischen Jesuitenkirchen in der niederrheinischen Provinz während der Zeit der Gegenreformation und analysiert, inwieweit diese Architektur programmatisch eingesetzt wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Bautradition der Jesuiten, die konfessionelle Situation im 16. und 17. Jahrhundert, die Rolle der Architektur als Bedeutungsträger sowie die Verbindung von Spätgotik und Barock.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob die nachgotischen Bauformen der Jesuiten absichtlich als "Programm" gewählt wurden, um den Katholizismus zu stärken, oder ob sie eher einer fortbestehenden gotischen Tradition geschuldet sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine kunsthistorisch-historische Analyse, bei der Baubeschreibungen einzelner Kirchen mit dem historischen Kontext, den Zielsetzungen des Ordens und zeitgenössischen Baustilen in Beziehung gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Bestandsaufnahme der Kirchen (z.B. in Köln, Münster, Bonn), der Analyse der Genese ihrer Bauten sowie der Untersuchung frühbarocker programmatischer Elemente wie dem Triumphbogen oder der Raumgestaltung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Jesuitischer Barock, Nachgotik, Konfessionalisierung, Gegenreformation, Instrumentalisierung und Gesamtkunstwerk geprägt.
Welche Rolle spielt die „Achatius-Kapelle“ für die Argumentation des Autors?
Die Achatius-Kapelle in Köln wird als „Keimzelle“ der jesuitischen Nachgotik identifiziert, da hier erstmals gotische Bauformen in einem nachgotischen, jesuitischen Kontext erhalten und erweitert wurden.
Wie bewertet der Autor die Rolle der nachgotischen Fenster an barocken Fassaden?
Er betrachtet sie primär als architektonische Details, die sich in ein größeres, vom Barock geprägtes Schema einfügen, und weist deren direkte programmatische "Wirkung" auf konfessionelle Gegner weitgehend zurück.
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- Rudolf Otten (Author), 2000, Architektur als Programm, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/187627