Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell und relativ mühelos Kinder sich ihre Mut-tersprache aneignen. Der Erwerb läuft nicht synchron mit der allgemeinen kognitiven Entwicklung. Daher ist es umso erstaunlicher, dass es Kleinkindern so viel leichter fällt eine oder sogar zwei Sprachen gleichzeitig zu erlernen, während erwachsene Fremd-sprachenlerner dabei stark gefordert sind.
Alle Kinder erlernen nach dem gleichen Prinzip die Sprache. Da unmöglich jeder Aus-druck und jedes Wort entsprechend flektiert im mentalen Lexikon abgespeichert werden kann, sind Kinder dazu gezwungen das linguistische Regelsystem zu erkennen. Aufgrund dieser Regeln kann Sprache, nach den Worten Humboldts, von endlichen Mitteln unendlichen Gebrauch machen. Um diese unendlichen Möglichkeiten der Sprache effektiv nutzen zu können, müssen die verschiedenen Systeme der Teilbereiche, wie Grammatik, Phonologie, Pragmatik und Lexis erlernt werden. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf dem Grammatikerwerb.
Wann und wie schnell ein Kind sprechen lernt, kann individuell unterschiedlich sein. Es lassen sich mehrere einheitliche Entwicklungsschritte, sogenannte Meilensteinem, her-ausstellen, die Kinder auf ihrem Weg zur korrekten Grammatik in der gleichen Reihen-folge durchlaufen.
In dem ersten Teil dieser Arbeit werden die Meilensteine des Syntaxerwerbs chronologisch erläutert und mit weiteren Untersuchungsergebnissen ergänzt. Das Wissen über den Ablauf des Grammatikerwerbs ist hinsichtlich der individuellen Förderung von großer Bedeutung. So kann der aktuelle Sprachstand des Kindes mit dem theoretischem Rahmen verglichen werden und Hinweise auf Entwicklungsstörungen geben.
Desweiteren steht die Frage im Vordergrund nach welchen Strategien Kinder beim Erwerb der Muttersprache vorgehen. Dies wird im zweiten Teil der Arbeit thematisiert. Darüber hinaus wird in diesem Kapitel veranschaulicht, welche Übergangslösungen Kinder anwenden, wenn sie sich aufgrund der Neuorganisation ihres grammatischen Wissens in Entwicklungskrisen befinden.
Der Fokus des letzten dritten Teils der Arbeit liegt auf dem Erwerb spezieller morphologischer Bereiche. Anhand der Bildung von Genus, Numerus und Kasus wird gezeigt wie Kinder grammatische Regelmäßigkeiten nach und nach erfassen.
Im Schlussteil werden die wichtigsten Forschungsergebnisse nochmals zusammengefasst erwähnt. Außerdem wird ein Ausblick auf sich anschließende Fragestellungen gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Meilensteine des Syntaxerwerb
2.1 Meilenstein I
2.2 Meilenstein II
2.3 Meilenstein III
2.4 Meilenstein IV
3 Lernerstrategien
3.1 Referentielle vs. expressive Vorgehensweise
3.2 Übergangslösungen
3.2.1 Stille Phasen
3.2.2 Selektive Auslassungen
3.2.3 Platzhalter
3.2.4 Doppelbesetzungen
3.2.5 Übergeneralisierungen
4 Erwerb spezieller grammatischer Bereiche
4.1 Numerus
4.2 Genus
4.3 Kasus
5 Schlussteil
6 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit den grundlegenden Prozessen und Stadien des kindlichen Grammatikerwerbs im Deutschen, wobei der Fokus auf der Identifikation systematischer Entwicklungsschritte und angewandter Lernstrategien liegt.
- Analyse der vier Meilensteine des Syntaxerwerbs nach Rosemarie Tracy.
- Unterscheidung zwischen referenziellen und expressiven Lernstrategien bei Kindern.
- Untersuchung von Übergangslösungen wie stillen Phasen und Übergeneralisierungen.
- Erwerb morphologischer Kategorien (Numerus, Genus, Kasus).
- Bedeutung der sprachlichen Umwelt für die individuelle Förderung.
Auszug aus dem Buch
2.1 Meilenstein I
Der erste Meilenstein wird zwischen dem zehnten und 18. Monat erreicht. Kinder fangen an sich in Einwortäußerungen zu artikulieren. Es werden vor allem Nomen und Partikel in das mentale Lexikon aufgenommen, z.B. nein, Mama, weg und ab. Die Wörter werden meistens sehr vereinfacht ausgesprochen, wie z.B. Ato für Auto oder Soss für Schoß. Um die Äußerung richtig zu interpretieren ist folglich die Kenntnis der Situation zwingend notwendig. Der Wortschatz wächst langsam an, bis ungefähr 50 Wörter erworben sind. Daraufhin tritt eine markante Beschleunigungsphase auf, der sogenannte vocabulary spurt. Dieser ist auf die Fortschritte in der phonetisch-phonologischen Entwicklung zurückzuführen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des kindlichen Grammatikerwerbs ein und erläutert die methodische Unterteilung in Meilensteine, Lernstrategien und den Erwerb spezifischer Bereiche.
2 Meilensteine des Syntaxerwerb: Dieses Kapitel stellt die vier aufeinanderfolgenden Stadien der kindlichen Satzstrukturentwicklung von der Einwortphase bis hin zu komplexen Parataxen dar.
3 Lernerstrategien: Hier werden unterschiedliche individuelle Ansätze beim Spracherwerb thematisiert sowie Phänomene beschrieben, die als vorübergehende Lösungsstrategien in Entwicklungskrisen dienen.
4 Erwerb spezieller grammatischer Bereiche: Dieses Kapitel widmet sich detailliert der Aneignung komplexer morphologischer Regeln bei der Pluralbildung, der Genuszuweisung und dem Kasussystem.
5 Schlussteil: Der Schlussteil fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und zeigt weiteren Forschungsbedarf auf, insbesondere hinsichtlich des Passiverwerbs und des Einflusses sozialer Faktoren.
6 Bibliographie: Dieses Kapitel führt die für die Arbeit verwendete wissenschaftliche Fachliteratur auf.
Schlüsselwörter
Spracherwerb, Grammatikerwerb, Syntaxentwicklung, Meilensteine, Kindersprache, Lernstrategien, Übergeneralisierung, Morphologie, Numerus, Genus, Kasus, Erstspracherwerb, Linguistik, Sprachförderung, Sprachentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Prozess des kindlichen Spracherwerbs im Deutschen und beleuchtet, wie Kinder schrittweise grammatische Strukturen erlernen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit gliedert sich in die Bereiche Syntaxentwicklung in Meilensteinen, individuelle Lernstrategien und den Erwerb morphologischer Kategorien wie Genus, Numerus und Kasus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, den chronologischen Ablauf des Grammatikerwerbs nachzuvollziehen und zu analysieren, welche Strategien Kinder nutzen, um ihr linguistisches Regelsystem aufzubauen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse und Literaturarbeit, wobei aktuelle Erkenntnisse aus der Spracherwerbsforschung, insbesondere von Rosemarie Tracy, synthetisiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Stufenfolge des Syntaxerwerbs, den verschiedenen Lerner-Typen (referenziell vs. expressiv) und den Mechanismen, mit denen Kinder grammatische Unregelmäßigkeiten verarbeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Spracherwerb, Syntaxentwicklung, Meilensteine, Übergeneralisierung, morphologische Kategorien und individuelle Lernstrategien.
Warum treten bei Kindern häufig „Übergeneralisierungen“ auf?
Kinder versuchen, ihre Sprache in ein übersichtliches Regelsystem zu bringen und wenden daher bekannte Regeln auch auf Bereiche an, in denen sie eigentlich nicht gelten, was zu Fehlern wie „getrinkt“ führt.
Wie unterscheiden sich referenzielle und expressive Lernstrategien?
Referenzielle Lerner fokussieren sich primär auf Substantive und Objektbezeichnungen, während expressive Lerner eher ganzheitliche Phrasen und soziale Interaktionsmuster imitieren.
- Arbeit zitieren
- Saskia Guckenburg (Autor:in), 2010, Kindlicher deutscher Grammatikerwerb, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/187468