1. Einleitung
„Sprache ist der Papagei des Gedankens, und ein schwer gelehriger, nichts weiter.“
Friedrich Hebbel (1813 – 1863)
Es ist immer erstaunlich, einem heranwachsenden Kind zuzuschauen, wenn es seine ersten Worte spricht. Umso erstaunlicher ist es, einem Kind zuzuschauen, dessen Eltern verschiedene Sprachen sprechen. Welches Wort aus welcher Sprache wird es denn wohl als erstes aussprechen? Nicht immer entfalten sich die Sprachen aus der Familiensituation. Es ist genauso bemerkenswert, wenn Kinder, die sehr früh eine andere Sprache lernen, als die ihrer Familie, sie rasch und mühelos erwerben. Die Leistung, die diese Kinder beim Erlernen der Sprache hervorbringen, ist lobenswert. Die Gedanken sind zwar „schwer gelehrig“, die zunächst noch „fremde“ Sprache können sich die Kinder jedoch wie ihre Muttersprache erarbeiten. Auf dem (unbewussten) Weg zur kompetenten Beherrschung der Sprache hinterlassen sie eine Spur, die von Wissenschaftlern genau beobachtet, rekonstruiert und interpretiert werden kann. Die vorliegende Arbeit widmet sich einer solchen Beobachtung der Sprachentwicklung eines Grundschulkindes, das die deutsche Sprache erwirbt, nachdem es ihre Muttersprache, das Türkische, in Grundzügen erworben hat.
Es gibt insgesamt drei Typen des Erwerbs einer Sprache: Das Kind, das zum ersten Mal eine Sprache erwirbt, d. h. nach seiner Geburt, erwirbt es als eine Erstsprache. Beim Erwerb zweier Sprachen gleichzeitig, das sich meistens aus der Familienkonstellation ergibt, handelt es sich um den doppelten bzw. bilingualen Erstspracherwerb. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt auf dem Erwerb des Deutschen als frühe Zweitsprache. Dies bedeutet, der Erwerb des Deutschen beginnt, nachdem die Erstsprache im Wesentlichen abgeschlossen ist, jedoch im kindlichen Alter.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Die Spracherwerbstypen
2.2 Der frühe Zweitspracherwerb
2.2.1 Die Lernersprache
2.2.2 Die Entwicklungssequenzen
3. Der Lerngegenstand
3.1 Das Verbstellungsmuster des Deutschen
3.2 Die Verbstellung im Türkischen
3.3 Annahmen zum L1-Einfluss
4. Die Verbstellung im ESE und im frühen ZSE
5. Die Analyse
5.1 Die Probandin
5.2 Die Methode
5.2.1 Verfahren zur Datengewinnung
5.2.2 Transkriptionsverfahren
5.2.3 Die Beschreibungskategorien
5.3 Silas Lernersprache: Die Analyse
5.3.1 Verbzweitstellung und Vorfeldbesetzung
5.3.2 Verb-Erst-Sätze
5.3.3 Verb-End in Nebensätzen
6. Zusammenfassende Diskussion der Ergebnisse und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Erwerbsstand der Verbstellungsregularitäten des Deutschen bei einem türkischsprachigen Grundschulkind, um zu eruieren, ob der Prozess systematisch verläuft und wie das Kind dabei seine Erstsprache (L1) sowie intralinguale Strategien nutzt.
- Verbstellungsregularitäten im Deutschen und Türkischen
- Früher Zweitspracherwerb (ZSE) bei Grundschulkindern
- Systematik der Lernersprache und Entwicklungssequenzen
- Einfluss der Erstsprache auf den Zweitspracherwerb
- Analyse von Inversionsregeln und Verbendstellungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Verbstellungsmuster des Deutschen
Das Deutsche lässt im Allgemeinen vier Serialisierungsmöglichkeiten zu:
(1) Das Kind ist krank. SVX
(2) Krank ist das Kind. XVS
(3) Ist das Kind krank? VSX
(4) Zeig mir das kranke Kind! VSX
(5) Er sagte, dass das Kind krank sei. KonjSXV
Unter der Serialisierung wird sowohl Wort- als auch Satzgliedstellung verstanden. Trotz der Häufigkeit der synonymen Verwendung in der Forschung sind sie voneinander zu unterscheiden. Mit der Wortstellung ist die Reihenfolge innerhalb eines Satzglieds, z. B. eines Nominal- oder Adverbialkomplexes, gemeint, während die Satzgliedstellung die Anordnung der syntaktischen Einheiten wie Subjekt oder Adverbial innerhalb eines Satzes bezeichnet (vgl. Bußmann 2002:757). In der vorliegenden Arbeit geht es um die Verbstellung, deshalb liegt das Hauptaugenmerk im Folgenden auf der Positionierung des finiten Verbs.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des frühen Zweitspracherwerbs und Definition der Forschungsfragen zur Sprachentwicklung eines Grundschulkindes.
2. Theoretischer Hintergrund: Darstellung der Spracherwerbstypen, der Lernersprache und der Entwicklungssequenzen im kindlichen Spracherwerb.
3. Der Lerngegenstand: Analyse der Verbstellungsmuster im Deutschen und Türkischen sowie theoretische Annahmen zum Einfluss der Erstsprache auf das Deutsche.
4. Die Verbstellung im ESE und im frühen ZSE: Überblick über den Forschungsstand zum Erwerb der Verbstellung bei monolingualen und bilingualen Kindern.
5. Die Analyse: Empirische Untersuchung der Sprachdaten der Probandin Sila anhand verschiedener linguistischer Kategorien.
6. Zusammenfassende Diskussion der Ergebnisse und Ausblick: Diskussion der Erkenntnisse im Hinblick auf individuelle Erwerbsstrategien und den Einfluss der Inputsituation.
Schlüsselwörter
Zweitspracherwerb, Verbstellung, Lernersprache, Syntax, Erstsprache, Inversion, Satzklammer, V2-Stellung, Verbendstellung, Sprachproduktion, Interlanguage, Kindersprache, Türkisch, Deutsch, Erwerbsstrategien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den Erwerb der deutschen Verbstellungsregeln bei einem türkischsprachigen Grundschulkind im Rahmen des frühen Zweitspracherwerbs.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Verbstellung im Deutschen (V2, V1, VE), der Einfluss der Erstsprache (Türkisch) und die Strategien der Lernersprache.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Ziel ist es, das aktuelle Entwicklungsstadium der Probandin bezüglich syntaktischer Regeln und Strategien zur Bewältigung der Erwerbsaufgabe zu rekonstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine deskriptive Fallstudie, die auf elizitierten Sprachaufnahmen basiert und diese linguistisch nach dem CHAT-System auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst theoretische Grundlagen, kontrastive Analysen der Verbstellung sowie die empirische Auswertung des Korpus der Probandin Sila.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Zweitspracherwerb, Verbstellung, Lernersprache, Syntax, Inversion und Satzklammer.
Welche Rolle spielt die Erstsprache Türkisch im Erwerbsprozess?
Die Arbeit diskutiert, inwiefern die rigide SOV-Struktur des Türkischen als Transferquelle oder Erwerbshilfe für deutsche Nebensatzstrukturen dient.
Welche Bedeutung hat das "Platzhalterverb" für die Probandin?
Das Platzhalterverb "machen" fungiert als Erwerbsstrategie, um das Fehlen komplexerer Verbformen in der Lernersprache bei der Satzklammerbildung zu kompensieren.
- Quote paper
- Esra Hack (Author), 2010, Der Erwerb des Deutschen als frühe Zweitsprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/187116