Ungeachtet ihrer Bedeutung für die Solvenz der Institute werden risikoorientierte Mindesteigenkapitalanforderungen durchaus kritisch diskutiert. Sie stehen, nicht zuletzt durch die jüngste weltweite Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, im Verdacht, die per se prozyklische Tendenz der Bankenbranche zu verstärken. Verschiedene, im Laufe der Ausführungen noch zu erarbeitende Determinanten wirken mit dem Zyklus auf das Eigenkapital der Bank. Dies führt im Abschwung unter Umständen zu einer starken Reduktion der Kapitalbasis, während es unter wirtschaftlich besseren Rahmenbedingungen gegebenenfalls zu einer Überschätzung der tatsächlich vorhandenen Risikodeckungsmasse kommt. Im Kontext dieser Master-Thesis monieren Literatur und Praxis folglich die mit den regulatorischen Kapitalanforderungen einhergehenden Anreize für Institute, in konjunkturellen Boomphasen die Kreditvergabe exzessiv auszuweiten, während in Rezessionsphasen aufgrund steigender Kreditausfälle und höherer Kapitalanforderungen für die bestehenden Risikopositionen eine Neigung zur übermäßig restriktiven Kreditvergabe vorherrscht. Es besteht somit die Gefahr, dass durch das beschriebene Bankverhalten negative Rückkopplungen auf die Realwirtschaft entstehen, etwa wenn es durch angebotsseitige Verknappung der Darlehen zu einer Kreditklemme kommt. Diese Reduzierung der Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen und Haushalte könnte ceteris paribus zu einer Beschleunigung der Abwärtsdynamik beitragen sowie im Allgemeinen aufgrund der Verstärkung der jeweiligen Konjunkturphase dem originären wirtschaftspolitischen Ziel eines stetigen Wachstums entgegenwirken. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht sieht in der prozyklischen Tendenz der Marktteilnehmer gar "… einen der stärksten destabilisierenden Einflüsse der Krise …".
Das Ziel der Arbeit ist es daher, neben einem Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Problemstellung auch den Status quo der Reformbemühungen zu erarbeiten. Insbesondere sollen die vom Baseler Ausschuss vorgestellten Maßnahmen analysiert und im Kern die Frage beantwortet werden, ob es Basel III besser gelingen kann, die Prozyklizität der Mindestkapitalanforderungen zu dämpfen, als dies bisher festzustellen war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Hintergründe der Prozyklizität von Mindestkapitalanforderungen
2.1 Risikosensitive Bankenregulierung unter Basel II
2.2 Aktuell potenziell prozyklisch wirkende Normen
2.2.1 Determinanten der Rechnungslegungsvorschriften
2.2.2 Determinanten der Bankenaufsicht
2.3 Lässt sich die Existenz der Prozyklizität empirisch belegen?
2.4 Zwischenfazit zu Auswirkungen und Bedeutung der Prozyklizität
3. Maßnahmen zur Dämpfung der Prozyklizität unter Basel III
3.1 Wesentliche Änderungen durch Basel III im Überblick
3.2 Die Maßnahmen des Baseler Ausschusses
3.2.1 Aufbau von Kapitalerhaltungspolstern
3.2.2 Anreize gegen eine exzessive Kreditausweitung
3.2.3 Reform der Risikovorsorge
3.2.4 Verringerung der Prozyklizität des IRB-Ansatzes
3.3 Zwischenfazit hinsichtlich der zu erwartenden Wirkungen
4. Dämpfung der Prozyklizität? – Kritische Würdigung ausgewählter Maßnahmen
4.1 Indikatoren zum Auf- und Abbau des antizyklischen Kapitalpuffers
4.1.1 Das Credit-to-GDP-Gap am Beispiel von Deutschland
4.1.2 Implikationen aus der Analyse bezüglich eines geeigneteren Indikators
4.2 Mögliche Folgen der Implementation der PD-Anpassung des CEBS
4.2.1 Die Auswirkungen am Beispiel eines Kreditportfolios
4.2.2 Begünstigt die PD-Anpassung risikoreichere Geschäfte?
4.3 Zwischenfazit zu den ausgewählten Maßnahmen
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Analyse der vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht vorgestellten Reformbemühungen im Rahmen von Basel III, insbesondere in Bezug auf die Frage, ob diese Maßnahmen die prozyklische Wirkung von Mindestkapitalanforderungen wirksamer dämpfen können als das vorherige Regulierungsregime. Dabei wird untersucht, inwiefern die neuen Instrumente zur Stabilisierung des Finanzsystems beitragen und gleichzeitig unerwünschte Nebeneffekte auf die Realwirtschaft begrenzen können.
- Analyse der theoretischen Hintergründe und Determinanten der Prozyklizität von Kapitalanforderungen.
- Kritische Untersuchung der Maßnahmen von Basel III wie Kapitalerhaltungspolster und antizyklische Puffer.
- Empirische Einordnung der Wirksamkeit von Indikatoren zum Auf- und Abbau antizyklischer Kapitalpuffer.
- Bewertung der Auswirkungen von PD-Anpassungsansätzen auf die Risikosensitivität und Eigenkapitalunterlegung.
- Kritische Würdigung des potenziellen Beitrags von Basel III zur Glättung der Kreditvergabe über den Konjunkturzyklus.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Determinanten der Rechnungslegungsvorschriften
Unabhängig von der Einschätzung der Bundesregierung sind die Rechnungslegungsvorschriften per se zu berücksichtigen. Bildet doch die Ermittlung des bilanziellen Eigenkapitals einen grundlegenden Schritt bei der Veranschlagung der regulatorischen Eigenmittel. Im Kontext der Arbeit sind zwei Aspekte der Rechnungslegung besonders interessant. Zum einen die Bilanzierung zu Zeitwerten, also die Fair-Value-Bewertung, und zum anderen das sogenannte "Incurred-Loss-Model" (ILM).
Durch die mit den "International Financial Reporting Standards" (IFRS) einhergehende verstärkt marktorientierte Bewertung wesentlicher Bilanzpositionen kommt es zu häufigeren Vermögenswertänderungen in der Bilanz. Dies führt zu einer höheren Volatilität der regulatorischen Eigenmittel und somit der Risikotragfähigkeit eines Kreditinstitutes. Diese Beobachtung bekommt eine höhere Relevanz insofern, als dass ab 2016 für börsennotierte Banken generell der IFRS-Abschluss zur Ermittlung der Eigenmittel verpflichtend sein wird. Gleichwohl ist die Aufsicht bemüht, den Effekt durch Nutzung prudenzieller Filter abzuschwächen.
Bereits heute wird die Bewertung zu Marktpreisen für wesentliche Positionen auf beiden Seiten der Bilanz genutzt (siehe Abbildung 2). Um den Wert eines Vermögensgegenstandes zu bestimmen, kann bei aktiven Märkten auf tatsächliche Transaktionen, etwa an einer Börse, zurückgegriffen werden. Für weniger liquide Positionen sind dagegen bestimmte Bewertungsmethoden zu nutzen. Hier setzt bereits erste Kritik an, da es an international einheitlichem Vorgehen mangelt. Dem Bilanzierenden werden vielmehr zahlreiche Ermessensspielräume zugestanden. Bei einem Anteil von circa 95 Prozent der Vermögensgegenstände, für die kein objektiv bestimmbarer Marktpreis vorliegt, ergeben sich daraus in der Praxis beträchtliche Effekte. Ferner kann das, was durch den Fair-Value-Ansatz suggeriert wird, nämlich den Ausweis des fairen objektiven Wertes, durch die Einräumung von umfangreichen Wahlrechten kaum geleistet werden.
Statt durch die vermeintlich höhere Transparenz des Ansatzes die Eigenkapitalkosten zu senken besteht die Gefahr, dass in wirtschaftlich guten Zeiten aufgrund von durch Marktpreissteigerungen entstehenden, nicht realisierten Buchgewinnen und dem somit höheren bilanziellen Eigenkapitalausweis, risikoreiche Investments begünstigt werden und es insgesamt zu einer Erhöhung des Leverage kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung der Bankenregulierung, die Grundidee von Eigenkapitalregimen sowie die Problematik der prozyklischen Wirkungen von Kapitalanforderungen in der Finanzkrise.
2. Die Hintergründe der Prozyklizität von Mindestkapitalanforderungen: Dieses Kapitel analysiert die theoretischen Determinanten, die zur Prozyklizität beitragen, einschließlich Rechnungslegungsvorschriften, Ratingmigrationen und der Auswirkung des Baseler Rahmenwerks.
3. Maßnahmen zur Dämpfung der Prozyklizität unter Basel III: Hier werden die wesentlichen Reformmaßnahmen des Baseler Ausschusses vorgestellt, insbesondere Kapitalpuffer, die Risikovorsorgereform und der IRB-Ansatz, um der prozyklischen Dynamik entgegenzuwirken.
4. Dämpfung der Prozyklizität? – Kritische Würdigung ausgewählter Maßnahmen: In diesem Kapitel werden ausgewählte Instrumente einer detaillierten Analyse unterzogen, um ihre Praxistauglichkeit, insbesondere bei der Bestimmung von Zeitpunkten für Pufferanpassungen, zu bewerten.
5. Schlussbetrachtung: Das letzte Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und bewertet, ob Basel III die prozyklischen Tendenzen der Mindestkapitalanforderungen in der gewünschten Weise dämpfen kann.
Schlüsselwörter
Basel III, Prozyklizität, Kapitalanforderungen, Bankenregulierung, Risikosensitivität, Mindestkapital, Eigenkapitalpuffer, Credit-to-GDP-Gap, IRB-Ansatz, Risikovorsorge, Financial Stability, Finanzmarkt, Kreditvergabe, Leverage Ratio, Bankenaufsicht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit die regulatorischen Mindestkapitalanforderungen das Bankverhalten prozyklisch beeinflussen und ob die Reformvorschläge von Basel III geeignet sind, diese destabilisierenden Effekte zu dämpfen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die ökonomischen Hintergründe von Kapitalregulierungen, die Auswirkungen der IFRS-Rechnungslegung, die Funktion von Kapitalpuffern sowie Methoden zur Messung und Dämpfung prozyklischer Dynamiken im Bankensektor.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, ob Basel III eine wirksamere Regulierung ermöglicht, die sowohl die Finanzstabilität erhöht als auch die negativen Rückkopplungseffekte auf die Realwirtschaft in Abschwungphasen reduziert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine Literaturanalyse des aktuellen Forschungsstandes mit empirischen Datenauswertungen, einer Simulation mittels eines Praxisbeispiels für ein Kreditportfolio sowie Experteninterviews zur Einschätzung der Praxisrelevanz.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Prozyklizitätsquellen, eine Vorstellung der Basel-III-Maßnahmen und eine kritische quantitative Analyse der Instrumente zur Dämpfung, wie etwa den antizyklischen Puffer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Basel III, Prozyklizität, Eigenkapitalanforderungen, Bankenregulierung, Risikomanagement und antizyklische Kapitalpuffer.
Wie unterscheidet sich der antizyklische Kapitalpuffer vom Kapitalerhaltungspolster?
Während das Kapitalerhaltungspolster als fixe Anforderung zur Absicherung in normalen Konjunkturverläufen dient, ist der antizyklische Puffer variabel konzipiert und soll gezielt in Phasen exzessiven Kreditwachstums aufgebaut werden, um Blasenbildungen zu begrenzen.
Warum wird das Incurred-Loss-Model kritisch betrachtet?
Das Incurred-Loss-Model wird kritisiert, weil es die Bildung von Rückstellungen erst bei bereits eingetretenen Kreditausfällen erlaubt, was in Rezessionsphasen zu einem abrupten Kapitalverzehr führt, anstatt Verluste kontinuierlich über den Konjunkturzyklus zu glätten.
- Arbeit zitieren
- Stefan Walther (Autor:in), 2011, Dämpfung der prozyklischen Wirkung von Kapitalanforderungen in Basel III?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/187030