Der Begriff der Armut ist inhaltlich nicht klar definiert. So wird Armut im alltäglichen
Gebrauch oftmals mit dem Elend in der dritten Welt in Zusammenhang gebracht. Die
UNO bezeichnet in diesem Zusammenhang Menschen als „arm“, welche weniger als
einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben. Nach dieser Definition ist es freilich
schwer vorstellbar, Armut in Deutschland vorzufinden. In der deutschen
Armutsforschung wird Armut jedoch anders definiert. Armut wird hier immer in
Relation zu dem als „normal“ angesehenen oder durchschnittlichen Lebensstandard
gemessen. Der Begriff wird so auch zur Beschreibung von Lebensverhältnissen in
Deutschland genutzt. Tatsächlich wurde Armut in Deutschland von Seiten der Politik
lange Zeit jedoch „nach Kräften verdrängt und geleugnet.“ Erst gegen Ende der 1990er
Jahre wird hier ein Umdenken deutlich, welches sich in den drei bisher erschienenen
offiziellen Armuts-und Reichtumsberichten manifestiert.
Anhand dieser offiziellen und der zuvor erschienenen inoffiziellen Berichte lässt sich
eine Wandlung der Definition von Armut herausstellen. Diese Wandlung wird seit dem
Jahr 2003 in der Öffentlichkeit eingehend thematisiert. Es ist die Rede von der
sogenannten „neuen Armut“. Die Diskussion um diese scheinbar neue Form von
Armut entwickelte sich zu einer großen Debatte, in deren Verlauf sich Vertreter aus
Politik, Wissenschaft und Medien unter beachtlicher Medienpräsenz zu Wort meldeten.
Im Folgenden werden die Entwicklungen dieser Debatte nachgezeichnet sowie deren
zentrale Aspekte dargestellt und erläutert. Um zu verdeutlichen, welche Elemente der
Armut als neu zu bezeichnen sind, wird zunächst ein kurzer Überblick über die
verschiedenen Definitionen von Armut gegeben. Daraufhin wird die Entwicklung des
Begriffs der Armut in der deutschen Armutsberichterstattung nachgezeichnet, bevor der
Fokus auf die oben angesprochene Debatte und deren zentrale Begriffe gerichtet wird.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen von Armut
3. Der Armutsbegriff in der deutschen Armutsberichterstattung
3.1 Der Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von 1989
3.2 Der Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und des Deutschen Gewerkschaftsbundes von 1994
3.3 Der Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von 2000
3.4 Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2001
3.5 Der zweite Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2005
Exkurs: Amartya Sens Konzept der Verwirklichungschancen und dessen Anwendung im zweiten Armutsbericht der Bundesregierung von 2005
3.6 Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2008
3.7 Die Entwicklung der Definition und Operationalisierung von Armut in der deutschen Armutsberichterstattung
4. Benennungen der „neuen Armut“
4.1 Die „neue Unterschicht“
4.1.1 Die „neue Unterschicht“ nach Paul Nolte
4.1.2 Die Unterschichten-Debatte in Politik und Medien
4.1.3 Wissenschaftliche Perspektiven auf die Unterschichten-Debatte
4.2. Prekarität und Prekarisierung
4.2.1 Prekarität nach Pierre Bourdieu
4.2.2 Die deutsche Prekarisierungsforschung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die inhaltliche Wandlung des Armutsbegriffs in der deutschen Sozialberichterstattung sowie die Entstehung und Bedeutung der medialen und politischen Debatte um die „neue Armut“ und Prekarität.
- Wandlung des Armutsverständnisses von materieller zu mehrdimensionaler Armut
- Rolle der Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung
- Kritische Diskursanalyse der „neuen Unterschicht“-Debatte
- Theoretische Fundierung von Prekarität und Prekarisierung
- Politische Instrumentalisierung soziologischer Fachbegriffe
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Die „neue Unterschicht“ nach Paul Nolte
Die ursprüngliche Intention, welche Paul Nolte mit seinem Buch verfolgte, war es aufzuzeigen, welche Reformen die deutsche Gesellschaft seiner Meinung nach benötige, um den Veränderungen der Moderne gewachsen zu sein. Hierzu analysiert er zunächst die aktuelle Lage der deutschen Gesellschaft. Wobei er sich ausführlich mit den „sozial Schwachen“ beschäftigt, für welche er den Begriff der „neuen Unterschicht“ gebraucht. Die Beschreibung dieser Personengruppe erzeugte großes Aufsehen in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit und führte dazu, dass der restliche Inhalt des Buches weitgehend unbeachtet blieb.
Folgt man Noltes Beschreibung, so haben sich die „Unterschichten in allen westlichen Gesellschaften fundamental verändert und von dem entfernt, was wir als Proletarier der klassischen Industriegesellschaft kannten.“ So sei die Kultur der unteren Schichten lange Zeit vom Leitbild der bürgerlichen Kultur geprägt gewesen, welche Werte wie „Leistung und Disziplin, Bildung und Benehmen, Höflichkeit und Toleranz“ vertrat. Die Aneignung dieser bürgerlichen Werte hatte zur Folge, dass die unteren Schichten „ganz bewusst an den Sog der bürgerlichen Kultur angeschlossen“ wurden. Der Lebensstil der Arbeiterschicht sei geprägt gewesen von der Nachahmung des Lebensstils der oberen Schichten, so dass die Arbeiterschaft auch in die politische Nation und Gesellschaft einbezogen und ein aktiver Teil der Demokratie wurde. Die „Zielvision einer universellen bürgerlichen Gesellschaft“ erschien zu dieser Zeit als nahe Realität.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Problematik einer uneinheitlichen Armutsdefinition und beschreibt das Ziel der Arbeit, die Debatte um die „neue Armut“ in Deutschland nachzuzeichnen.
2. Definitionen von Armut: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze, Armut als freiwillige, absolute oder relative Form zu konzipieren.
3. Der Armutsbegriff in der deutschen Armutsberichterstattung: Das Kapitel analysiert chronologisch die Entwicklung amtlicher und inoffizieller Armutsberichte in Deutschland und deren Einfluss auf die Definitionspolitik.
4. Benennungen der „neuen Armut“: Dieser Hauptteil untersucht die begriffliche Konstruktion der „neuen Unterschicht“ durch Paul Nolte und die soziologische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Prekarität.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, dass Armut ein mehrdimensionales Phänomen ist und warnt vor einer synonymen Gleichsetzung von Armut und Prekarität.
Schlüsselwörter
Armut, neue Armut, Armutsberichterstattung, soziale Ungleichheit, neue Unterschicht, Prekarität, Prekarisierung, Amartya Sen, Verwirklichungschancen, Lebenslagenkonzept, Paul Nolte, soziale Ausgrenzung, Sozialstaat, Bildungsarmut, Erwerbslosigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich der Begriff der Armut in der deutschen Politik und Wissenschaft im Laufe der Zeit verändert hat und welche Rolle Begriffe wie „neue Unterschicht“ und „Prekariat“ dabei spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die deutsche Armutsberichterstattung, die Debatte um kulturelle versus materielle Armut sowie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Prekarisierungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der Armutsdefinitionen aufzuzeigen und die mediale sowie politische Debatte um die sogenannte „neue Armut“ kritisch einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Diskursanalyse, die auf Armutsberichten, soziologischen Studien und medialen Debattenbeiträgen fußt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse der „Unterschichtendebatte“, den Ansätzen von Paul Nolte sowie der soziologischen Prekarisierungsforschung nach Pierre Bourdieu und Klaus Kraemer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Armut, Prekarität, neue Unterschicht, Verwirklichungschancen und soziale Ungleichheit charakterisiert.
Warum wird Paul Noltes „neue Unterschicht“ kritisiert?
Kritiker werfen Nolte vor, eine „kulturelle Verwahrlosung“ als Ursache für Armut zu konstruieren und damit soziale Ursachen wie Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit auszublenden.
Ist Prekarität laut der Untersuchung ein Synonym für Armut?
Nein, die Untersuchung zeigt klar, dass Prekarität eine „soziale Schwebelage“ beschreibt, die in allen gesellschaftlichen Schichten auftreten kann, während Armut spezifisch mit Unterversorgung assoziiert wird.
- Arbeit zitieren
- Joscha Dick (Autor:in), 2009, Benennungen der „neuen Armut“ im wissenschaftlichen und politischen Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/186978