Das klassische Labyrinth wird von Dürrenmatt in ein Spiegellabyrinth umgewandelt, in dem Minotaurus dazu verdammt ist, immer nur sich selbst zu begegnen. Das Spiegellabyrinth, das den Raum des Labyrinths und das Bild des Minotaurus ad infinitum widerspiegelt, wird für den Schweizer Schriftsteller zu einem ästhetischen Ausdrucksmittel für die Erkenntnis- und Metaphysikkritik.
Damit entspricht Dürrenmatt einer Tendenz der Postmoderne, die die Sinnpluralität und das Paradoxon der Welt in der bildhaften Form eines rhizomatischen Labyrinths hervorhebt. Im Unterschied zu dem Platonischen Paradigma, in dem die Reflexivität eine indirekte Erkenntnisform der transzendenten Welt der Ideen vermittelt, funktioniert die Reflexivität in der Dürrenmattschen Ballade als eine tautologische Erkenntnisform, die den Zugang zu einer echten Alterität verwehrt und dadurch jede Erkenntnismöglichkeit annulliert. Der reflexive Blick in den Spiegel verdeckt das Fehlen von Transzendenz und verwandelt dadurch das Spiegellabyrinth in einen Raum der reinen Immanenz.
Demzufolge verknüpft das Dürrenmattsche Spiegellabyrinth-Motiv die Erkenntnisskepsis der Platonischen Philosophie mit der existentialistischen Weltanschauung.Das Spiegellabyrinth verwandelt sich in ein Paradoxon, und zwar in einen Raum ohne Räumlichkeit, in einen Unraum, der die reine Projektion der ontologischen Lage seines Bewohners, eines Unwesens, ist.
Dadurch annulliert Dürrenmatt die Rolle des klassischen Labyrinths als Initiationsraum, der den Helden zur Selbsterkenntnis führt. Denn das Spiegellabyrinth ermöglicht nur eine illusorische Erleuchtung, in Form der fragmentierten, ständig unterbrochenen Entwicklungsversuche.Minotaurus versucht seine ontologische Lage zu überschreiten, aber die Grenzen seiner Natur sind ihm nicht bewusst. Deshalb projiziert er sie nach außen, in das Bild eines Feindes, den aber - wie Narcis - als eine Ich-Projektion anerkennt, ein Zeichen dafür, dass die Rebellion nur gegen sich selbst möglich ist.
Demzufolge hebt das Spiegellabyrinth-Motiv die existentielle Lage des Menschen in der Welt hervor: als “eine irrationale Rationalität” (Dürrenmatt: WA36, S.180) modelliert jedes Individuum für sich selbst eine Welt, deren Grenzen die Grenzen seines Ich sind. Der Mensch lebt - wie Minotaurus - in einem Spiegellabyrinth bzw. in einem Labyrinth des Ich, in dem alle anderen möglichen Welten integriert werden.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Theoretische Grundlagen
I.1. Der Labyrinth-Mythos
I.2. Dürrenmatts ästhetisches Credo
II. Umdeutung des Mythos bei Dürrenmatt: Das Spiegellabyrinth
II.1. Widerspiegelungen
II.2. Indentitätsproblematik
II.3. Rebellion
II.4. Flucht aus dem Labyrinth
III Zusammenfassung/Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spiegellabyrinth-Motiv in Friedrich Dürrenmatts Ballade "Minotaurus". Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Dürrenmatt das klassische Labyrinth-Mythos in einen paradoxen, unüberwindbaren Raum umdeutet, um damit erkenntnis- und metaphysikkritische Fragen sowie die existenzielle Lage des modernen Menschen darzustellen.
- Analyse des Labyrinth-Mythos im Kontext der Postmoderne und Dürrenmatts ästhetischem Credo.
- Untersuchung der Rolle von Reflexivität und Identitätsproblematiken innerhalb des Spiegellabyrinths.
- Erforschung der Rebellion als notwendigem, aber paradoxem Stadium der Individuationsentwicklung.
- Diskussion der Unmöglichkeit der Flucht aus dem selbst geschaffenen Labyrinth des Ich.
- Synthese von Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunst zur Interpretation der Ballade.
Auszug aus dem Buch
II.1. Widerspiegelungen
Die Wörter des Apostels Paulus - übertragen von Eco ins Bereich der Semiotik illustrieren ein Erkenntnismittel, dessen Grundlage in der platonischen Ontologie zu finden ist, nämlich in der Ansicht, dass die menschliche Welt eine irreführende Reflexion der transzendenten Welt der Ideen, einer wahren, tieferen Wirklichkeit hinter dem Schein ist.
Die Ballade Minotaurus von Dürrenmatt - um das Spiegellabyrinthmotiv ausgerichtet - stellt das Thema der reflexiven Erkenntnis zur Diskussion bzw. inwieweit die Reflexivität (heute noch) ihre Gültigkeit für die Erkenntnis der Welt und für die Selbsterkenntnis beanspruchen kann.
Um das abstrakte philosophische Denken in literarischer Form zu verkleiden, assoziierte Dürrenmatt die Metapher des Spiegels als Instrument zum Erkennen und Offenbaren der tieferen Wahrheit mit der des Labyrinths als Sinnbild der Orientierungslosigkeit und der Selbstsuche. Demgemäß übernimmt das Spiegellabyrinth, in dem der Minotaurus eingeschlossen ist, die Rolle eines ästhetischen Ausdrucksmittels von Erkenntnis- und Metaphysikkrtitik.
Als Reflexion des antiken Mythos stellt die Dürrenmattsche Ballade einen Versuch dar, die Existenz des Menschen in seiner immer mehr komplexeren Welt in Form eines Gleichnisses neu zu denken, die Grenzen der menschlichen Erkenntnisformen zu berichtigen und die Monstrosität des Minotaurus bzw. des Menschen aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einführung in die zentrale Bedeutung des Labyrinth-Motivs bei Dürrenmatt und die interdisziplinäre Herangehensweise an die Untersuchung der Ballade "Minotaurus".
I. Theoretische Grundlagen: Erläuterung des Labyrinth-Mythos in der Postmoderne und Darstellung von Dürrenmatts ästhetischem Credo, das Literatur, Philosophie und Wissenschaft verbindet.
II. Umdeutung des Mythos bei Dürrenmatt: Das Spiegellabyrinth: Detaillierte Analyse des Hauptteils, in dem die Umwandlung des Labyrinths in einen reflexiven Raum untersucht wird, inklusive Identität, Rebellion und Fluchtmöglichkeiten.
III Zusammenfassung/Ausblick: Zusammenführung der Ergebnisse, welche die Komplexität der Ballade als philosophischen Text und deren Bedeutung für die moderne Erkenntniskritik unterstreichen.
Schlüsselwörter
Friedrich Dürrenmatt, Minotaurus, Spiegellabyrinth, Labyrinth-Mythos, Postmoderne, Erkenntniskritik, Metaphysikkritik, Identitätsproblematik, Existentialismus, Kierkegaard, Platon, Reflexivität, Alterität, Welt-Gegenwelt, Groteske.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit analysiert das Spiegellabyrinth-Motiv in Friedrich Dürrenmatts Text "Minotaurus. Eine Ballade" als eine philosophische Weiterentwicklung des klassischen Labyrinth-Mythos.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Erkenntnis- und Metaphysikkritik, die Konstruktion von Identität, das Verhältnis von Mensch und Tier sowie das Scheitern von Flucht- und Erkenntnisversuchen in einer als Labyrinth empfundenen Welt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, welche neuen Facetten des Mythos Dürrenmatts Verwandlung des Labyrinths in ein Spiegellabyrinth hervorbringt und inwieweit das Motiv am Ende des 20. Jahrhunderts noch Aktualität besitzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt eine interdisziplinäre Methode, die Literaturwissenschaft mit Philosophie (insbesondere Platon und Kierkegaard), Semiotik und bildender Kunst verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird das Spiegellabyrinth in vier Unterkapiteln analysiert: Widerspiegelungen, Identitätsproblematik, Rebellion und die Frage nach der Fluchtmöglichkeit aus dem Labyrinth.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Spiegellabyrinth, Erkenntniskritik, Existentialismus, Identitätskonstruktion, Paradoxon und "der Einzelne" nach Kierkegaard charakterisieren.
Warum wird der Minotaurus als "Unwesen" bezeichnet?
Der Minotaurus gilt als Unwesen, weil er sich in einer ontologischen Zwischenstellung befindet – weder Mensch, noch Tier, noch Gott –, was ihn zur Unfähigkeit verurteilt, sich als stabile Identität zu begreifen.
Welche Rolle spielt die Maske des Theseus?
Die Maske symbolisiert die Identität zwischen Theseus und Minotaurus. Da Theseus zur Tötung des Minotaurus dessen Rolle/Maske übernehmen muss, zeigt dies das Scheitern der klassischen Opposition zwischen Held und Monster auf.
- Arbeit zitieren
- Stela Avram (Autor:in), 2011, Das Labyrinth des Ich, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/184929