Beim Lesen von Minneliedern ist auffallend, dass einige Minnesänger in ihren Liedern gerne einleitend Bezug auf die Natur und deren Erscheinungen nehmen. Die literarische Einleitung mittels Natur- und Jahreszeitenbildern wurde bereits in der antiken Rhetorik verwendet. „Dabei werden Jahreszeiten oft als Folie für den Gemütszustand des lyrischen Ichs beschworen: gleichsinnig, etwa als Erwachen der Natur und der Lebens- und Liebesfreude (Sommerfreude-Minnefreude) […]. Die Jahreszeiten werden in dreifacher Weise eingesetzt: als Natureingang (bes. häufig im 13. Jh.), als Jahreszeitenapostrophe, oft im Natureingang […] und am häufigsten als kurzer Jahreszeitenbezug […].“
Verschiedene Phänomene und Vorkommnisse der Natur als Einleitungstopos werden dabei genutzt, um eine Stimmung zu etablieren. Bei Neidhart von Reuental haben diese Mittel allerdings eine viel weitreichendere Bedeutung: „Die ersten sommerlichen Natureingänge gestaltet Dietmar […], motivlich erweitert dann etwa Walther […]. Neidhart baut den […] Natureingang zum gattungsstiftenden Prinzip aus und erweitert diese Grundelemente nochmals […].“
Hier erscheinen besonders die Unterschiede zwischen Sommer- und Winterliedern interessant, da die Liebe in die Natur und in die Jahreszeit eingebettet ist.
Welche große Rolle der Natureingang in seinen Liedern spielt, soll in dieser Arbeit anhand zweier Lieder Neidharts, dem Sommerlied 19 und dem Winterlied 6, aufgezeigt werden.
In der Forschung wurde der Begriff der Naturlieder im Minnesang u.a. von Günther Schweikle ausgearbeitet. Intensiv beschäftigten sich mit dem Natureingang Anna Kathrin Bleuler, Barbara von Wulffen, Wolfgang Adam und Jessica Warning. Motive der Erotik bei Neidhart behandelte u.a. Bruno Fritsch; Richard Alewyn stellte Überlegungen zum Naturalismus bei Neidhart an. Eine neuhochdeutsche Übersetzung, die hier herangezogen wird, lieferte Siegfried Beyschlag. Auffallend ist, dass zum Natureingang der Sommerlieder weit mehr Forschungsliteratur vorhanden ist, als zu den Winterliedern.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Der Natureingang bei Neidhart
1. Sommerlied 19
1.1 Aufbau und inhaltlicher Überblick
1.2 Die bewirkte Stimmung
1.3 Der Handlungsraum
1.4 Die erzielte Vorausdeutung
2. Winterlied 6
2.1 Aufbau und inhaltlicher Überblick
2.2 Die bewirkte Stimmung
2.3 Der Handlungsraum
2.4 Die Vorausdeutung
III. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Funktion und Ausgestaltung des Natureingangs im Minnesang anhand zweier exemplarischer Lieder von Neidhart von Reuental. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich der Natureingang in Sommer- und Winterliedern unterscheidet und inwieweit er als Vorausdeutung für die nachfolgende Handlung und Stimmung innerhalb der Lieder fungiert.
- Vergleichende Analyse von Sommerlied 19 und Winterlied 6
- Die Funktion des Natureingangs als Stimmungsträger
- Verlagerung des Handlungsraums in das dörfliche Milieu
- Semantische und motivische Vorausdeutungen im Natureingang
- Die Rolle von Neidhart bei der Weiterentwicklung des Natureingangs
Auszug aus dem Buch
1.2 Die bewirkte Stimmung
„Wichtigste Funktion der Naturmotivik ist die Einführung in die Stimmungslage eines Liedes“9. Neidharts Sommerlied 19 beginnt mit den Worten Wol dem tage (I, 1), wodurch sofort deutlich wird, dass ein Tag gepriesen werden soll, weil er allen Menschen hôchgemüete, also überaus frohe Stimmung und vröide bringt (I, 2-3). Dabei steht auch die Zeiteinheit „Tag“ als Metapher für Liebeshoffung.10 Damit wird gleich zu Beginn des Liedes die Stimmung, die bewirkt wird, wörtlich benannt. Daraufhin wird der Grund für die Hochstimmung geliefert: Der Winter ist nun vorüber und hatte den Menschen ze leide die Blumen auf der Heide gepflückt (I, 5-6). Dadurch wird auch dem Gefühl, das unmittelbar mit der winterlichen Jahreszeit in Verbindung gebracht wird, ein Name gegeben: Kummer und Leid. Auffallend ist,
dass als Tempus für die Naturdarstellung des Winters das Präteritum verwendet wird. Umgekehrt erfolgt die Schilderung der Naturvorgänge des Sommers im Präsens. Dies betont nochmals, dass der Winter und die mit ihm verknüpfte Stimmung tatsächlich vergangen sind, der Sommer mit seinen positiven Effekten hingegen nun allgegenwärtig ist. „Den trüben Tagen des Winters wird der schöne Glanz der jetzigen Jahreszeit gegenübergestellt.“11 Es folgt eine detaillierte Beschreibung der frühsommerlichen Umgebung: [bluomen] stênt […] in liehter ougenweide (I,7).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des Natureingangs im Minnesang ein und erläutert die Bedeutung von Neidhart von Reuental für diesen Topos.
II. Der Natureingang bei Neidhart: In diesem Hauptteil wird der Natureingang anhand der zwei Lieder Sommerlied 19 und Winterlied 6 detailliert hinsichtlich Aufbau, Stimmung, Handlungsraum und Vorausdeutung analysiert.
III. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse des Vergleichs zusammen und unterstreicht die fundamentale Verschiedenheit von Sommer- und Winterliedern bei Neidhart.
Schlüsselwörter
Natureingang, Minnesang, Neidhart von Reuental, Sommerlied, Winterlied, Stimmung, Handlungsraum, Vorausdeutung, Dörper, Minneklage, Naturmotivik, Mittelalterliche Literatur, Liebeslyrik, Gattungsgeschichte, Dorfmilieu
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die spezifische Ausgestaltung des Natureingangs in der Lyrik von Neidhart von Reuental anhand von zwei gegensätzlichen Liedtypen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die Funktion der Natur als Stimmungsgeber, die Verschiebung des Handlungsraums in den dörflichen Bereich sowie die Rolle des Natureingangs für die Vorausdeutung der weiteren Liedhandlung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Neidhart den Natureingang nutzt, um Stimmungen zu etablieren und diese gezielt in die Handlung der Sommer- bzw. Winterlieder einzubetten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die philologische Untersuchungen mit motiven- und gattungsgeschichtlichen Ansätzen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Sommerliedes 19 und des Winterliedes 6, wobei jeweils Struktur, Stimmung, Handlungsort und Vorausdeutungsfunktion detailliert betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Natureingang, Minnesang, Neidhart von Reuental, Sommerlied, Winterlied und Dörperdichtung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der Natureingang zwischen Sommer- und Winterliedern?
Der Sommernatureingang ist meist ausführlicher und freudvoll, während der Winternatureingang verkürzt, oft negativ formuliert und als wehmütige Erinnerung an den Sommer oder Klage über das Verschwinden gestaltet ist.
Welche Bedeutung kommt dem Handlungsort in den analysierten Liedern zu?
Der Ort verlässt das höfische Ideal und wird in ein dörfliches Milieu verlagert, wobei der konkrete Ort oft unbestimmt bleibt, aber die dörfliche Atmosphäre für das Geschehen zentral ist.
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- Anonym (Autor:in), 2009, Der Natureingang am Beispiel eines Sommer- und Winterliedes von Neidhart, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/184919