„Aus dem neuesten Deutschland“, so überschrieb Siegfried Kracauer seine Studie über das Leben der Angestellten in der Weimarer Republik. Erstmals 1929 in Fortsetzungen im Feuilleton der Frankfurter Zeitung erschienen und im folgenden Jahr als Buch veröffentlicht, machte Kracauers Schrift sofort von sich Reden. Was aber war das eigentlich Neue an der deutschen Angestelltenschicht in den ausgehenden zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts? Und was verlieh Kracauers Analyse in den Augen seiner Zeitgenossen eine solche aktuelle Brisanz? Um diese Fragen zu beantworten, skizziert diese Arbeit zunächst den diskursiven Hintergrund, vor dem Kracauers Studie erschien. Zudem wird in einem Exkurs näher auf die sozialgeschichtliche Genese der Angestelltenschicht eingegangen. Dieser Exkurs bietet auch Anhaltspunkte für ein Verständnis des anschließend beschriebenen bürgerlichen Standesbewußtseins, welches für viele Angestellte damals charakteristisch war und von Zeitgenossen vielfach thematisiert wurde. Ob dieses elitäre Selbstverständnis berechtigt sei oder nicht, an der Beantwortung dieser Frage schieden sich die konkurrierenden Gewerkschaftsverbände wie auch die großen politischen Fraktionen. Eine Gegenüberstellung der verschiedenen Ansichten und ihrer Argumentationen vermittelt ein Bild von jener Auseinandersetzung, die Kracauer mit der Veröffentlichung von „Die Angestellten“ zum Brennpunkt seiner diskursiven Intervention machte. So wie es in dieser politischen Auseinandersetzung eigentlich um die Zukunft der Weimarer Republik insgesamt ging, weitete auch Kracauer seine Analyse der Angestelltenschicht zu einer umfassenden Gesellschaftskritik aus. Eine zusammenfassende Darstellung seiner Beobachtungen und Schlußfolgerungen sowie der Implikationen, die sich nach meiner Lesart daraus ergeben, bildet den Hauptteil der vorliegenden Arbeit. Abschließend soll diese Arbeit den Leser zum Nachdenken darüber anregen, inwieweit einige der von Kracauer aufgezeigten Aspekte für unser Verständnis der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands und auch noch der aktuellen Situation relevant sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Neuigkeiten? – Zur Einführung
2. Ein Zankapfel reift
Exkurs: Sozialgeschichtlicher Abriss
3. Sein, Bewusstsein, schöner Schein
4. Positionen, Visionen, Organisationen
5. Expedition in den Alltag
6. Ausblick: Massenkultur statt Klassenkampf
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das soziokulturelle Phänomen der Angestelltenschicht in der Weimarer Republik, wobei sie insbesondere Siegfried Kracauers Analyse als Grundlage nutzt, um das Spannungsfeld zwischen ökonomischer Proletarisierung und ideologischem Selbstverständnis aufzuzeigen.
- Die ökonomische Situation und Proletarisierung der Angestellten in den 1920er Jahren.
- Das bürgerliche Standesbewusstsein und die Identitätskonstruktion durch Illusion.
- Die Rolle der organisierten Angestelltenverbände und deren politische Positionen.
- Kracauers ethnographischer Ansatz zur Erforschung der Lebenswelt und Alltagskultur.
- Die Funktion der Massenkultur und Kulturindustrie als systemstabilisierende Mechanismen.
- Die psychologische Disposition der Angestellten für faschistoide Strukturen.
Auszug aus dem Buch
Expedition in den Alltag
Jenseits der oben skizzierten Positionen versuchten sozialpsychologisch orientierte Wissenschaftler wie Carl Dreyfuss, Ernst Bloch und auch Siegfried Kracauer, diese ideologisch eingeengten Perspektiven zu transzendieren und den Motiven und Ursachen des Angestelltenbewußtseins auf die Spur zu kommen. So untersuchte Kracauer als einer der ersten die Lebenswelt und Ideologie der Angestellten hinsichtlich ihrer Wechselwirkungen und Implikationen für die gesamte Gesellschaft der Weimarer Republik, die er in diesem Zusammenhang einer umfassenden Kulturkritik unterzog.
Das wirklich Neue an Kracauers Beitrag ist also nicht sein Untersuchungsobjekt, sondern seine Fragestellung sowie der methodische Ansatz, mit dessen Hilfe er das Objekt zunächst seiner Vertrautheit, seiner scheinbaren Transparenz entkleidet:
„Es steht nicht alles in den Romanen, wie die Privatangestellte meint. Gerade über sie und ihresgleichen sind Auskünfte kaum zu erlangen. Hunderttausende von Angestellten bevölkern täglich die Straßen Berlins, und doch ist ihr Leben unbekannter als das der primitiven Völkerstämme, deren Sitten die Angestellten in den Filmen bewundern.“
Kracauer nähert sich den Angestellten gleichsam als ein Ethnograph, der sich von vertrauten Vorstellungen und etablierten kulturellen Kategorien zu distanzieren sucht, um eine fremde Kultur nicht nur in ihren Äußerungen, sondern auch die ihnen zugrundeliegenden Strukturen zu erforschen. So begibt er sich in der Haltung eines Entdeckers auf eine „kleine Expedition [...], die vielleicht abenteuerlicher als eine Filmreise nach Afrika ist.“ Die Reise führt direkt in die Großstadt, die auch Ort der Handlung vieler zeitgenössischer Angestelltenromane ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Neuigkeiten? – Zur Einführung: Einführung in Siegfried Kracauers Studie über das Leben der Angestellten und die Rezeption seiner Arbeit als Beitrag zur gesellschaftlichen Aufklärung.
2. Ein Zankapfel reift: Analyse der wachsenden Bedeutung der Angestelltenschicht und der konkurrierenden politischen Deutungen durch Marxisten und konservative Mittelstandstheoretiker.
Exkurs: Sozialgeschichtlicher Abriss: Darstellung der sozio-ökonomischen Entwicklung der Angestelltenberufe, der zunehmenden Rationalisierung und der damit einhergehenden Veränderung des sozialen Status.
3. Sein, Bewusstsein, schöner Schein: Untersuchung des Widerspruchs zwischen materieller Proletarisierung und dem Festhalten an einem illusionären bürgerlichen Selbstverständnis.
4. Positionen, Visionen, Organisationen: Gegenüberstellung der Zielsetzungen und Argumentationsweisen der verschiedenen Angestelltenverbände und deren politischer Einflussnahme.
5. Expedition in den Alltag: Analyse von Kracauers methodischem Ansatz, die Alltagskultur und die psychologischen Mechanismen der Angestellten als ethnographisches Feld zu erschließen.
6. Ausblick: Massenkultur statt Klassenkampf: Reflexion über die historische Entwicklung hin zum Nationalsozialismus und die Rolle der Massenkultur als Instrument der Entpolitisierung.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Angestellte, Proletarisierung, Siegfried Kracauer, Klassenkampf, Massenkultur, Kulturindustrie, Rationalisierung, Standesbewusstsein, Illusion, Entpolitisierung, Faschismus, Identität, Sozialgeschichte, Alltagskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziale und ideologische Lage der Angestellten in der Weimarer Republik, basierend auf Siegfried Kracauers zeitgenössischer Studie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die ökonomische Proletarisierung, das illusionäre Standesbewusstsein, die Rolle der Massenkultur und der Einfluss politischer Organisationen auf die Angestelltenschicht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Brisanz von Kracauers Beobachtungen im kulturgeschichtlichen Kontext einzuordnen und zu verstehen, wie das Selbstverständnis der Angestellten durch das System geformt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt eine kulturhistorische und sozialpsychologische Analyse sowie eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen soziologischen Diskursen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entwicklung der Angestellten vom gehobenen Bürgertum hin zum proletarisierten Angestelltentypus und deren Flucht in eine durch die Kulturindustrie geprägte Freizeitwelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Proletarisierung, Massenkultur, Standesbewusstsein, Entpolitisierung und Kracauers Analyse des "schönen Scheins" geprägt.
Inwiefern spielt der "Jugendkult" eine Rolle in Kracauers Argumentation?
Der Jugendkult dient laut Kracauer als Verdrängungsmechanismus gegenüber dem Tod und der sozialen Realität, um die unmenschlichen ökonomischen Bedingungen zu kaschieren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Massenkultur in der Freizeit der Angestellten?
Massenkultur wird als Instrument der sozialen Kontrolle interpretiert, das den Angestellten keine seelische Erfüllung bietet, sondern ihre Armseligkeit durch anästhesierende Unterhaltung erträglich macht.
- Quote paper
- Gundula E. Rommel (Author), 2001, Die Angestellten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/184710