Volksmärchen stellen eine traditionelle Form des Märchens dar. Sie basieren auf mündlich überlieferten Stoffen und haben im Gegensatz zum direkt niedergeschrie-benen Kunstmärchen keine feste Form, die sich auf einen einzelnen Verfasser zu-rückführen ließe. Die Kinder- und Hausmärchen, volkstümlich „Grimms Märchen“ genannt, sind eine berühmte Anthologie von Märchen, welche die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, bekannt als die „Brüder Grimm“, herausgegeben haben. Das Be-sondere an diesen Märchen sind die verschiedenen Motive, die darin vorkommen.
„Es gibt keine eigentlichen Märchenmotive, sondern jedes Motiv, sei es profan oder wunderhaft, wird zum Märchenmotiv, sobald es ins Märchen aufgenommen und vom Märchen märchenhaft gestaltet und nach Märchenweise gehandhabt wird.“ So äußert sich der schweizer Literaturwissenschaftler und Märcheninterpret Max Lüthi (Lüthi 1992) zu den Motiven im Märchen. Er geht davon aus, dass Märchenmotive ihren Ursprung in den Sagen und Mythen haben und manchmal auch aus der Wirk-lichkeit geschöpft werden. Jedoch werden diese Motive im Märchen zu einer ande-ren Form modifiziert. Das Märchen verwandelt sie in eine „Märchenform“. Stofflich bleiben sie zwar gleich, doch durch die entlehnte Form bekommen die Motive im Märchen einen anderen, einen märchenhaften Charakter. Königtum, Prinzessinnen, Stiefmütter, Stiefkinder, Waisen, Dümmlinge, Ratschläge, Gaben, Werbung, Hochzeit, Jenseits, Wanderung, Erlösung, Verwünschung,… – der-artige Motive, die dem Märchenstil besonders entsprechen, werden bevorzugt in Märchen verwendet und eingesetzt. Gewisse Gestalten und Handlungsabläufe wie-derholen sich immer wieder, weil sie dem Märchen angemessen sind. Zum einen greifen sie die Alltagssituationen des Menschen auf, zum anderen entsprechen sie dem abstrakt-isolierten Stil des Märchens.
Um einen Einblick in die Mannigfaltigkeit der Märchenmotive zu bekommen, sollen verschiedene Motive aus den drei Märchen „Die Nixe im Teich“ (KHM 181), „Das singende und springende Löweneckerchen“ (KHM 88) und „Die Wassernixe“ (KHM 79) miteinander verglichen werden.
Nach einer Inhaltsangabe der einzelnen Märchen im ersten Teil, werden im zweiten Teil verschiedene Motive aus den jeweiligen Märchen erläutert. Zuerst wird im All-gemeinen auf die Motive eingegangen, danach werden diese in Bezug auf die Mär-chen gesetzt. Anschließend werden die Motive in den verschiedenen Märchen mit-einander verglichen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Inhaltsangaben
1.2 Die Nixe im Teich (KHM 181)
2.1 Das singende und springende Löweneckerchen (KHM 88)
2.3 Die Wassernixe (KHM 79)
3 Motive
3.1 Nixe
3.2 Brunnen/Teich
3.3 Auslieferung des Kindes
3.4 Suchwanderung und Erlösung
3.5 Zaubergaben
3.6 Verwünschung/ Verwandlung
4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Struktur und Funktion von Motiven in ausgewählten Märchen der Brüder Grimm, um ein tieferes Verständnis für die "Märchenform" zu entwickeln. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie sich wiederkehrende Motive in unterschiedlichen Erzählungen manifestieren und welche symbolische Bedeutung sie im Kontext der Handlung entfalten.
- Analyse und Vergleich der Nixenmotive in drei Märchen.
- Die Bedeutung von Brunnen und Teichen als Übergangsorte zur Unterwelt.
- Untersuchung des Motivs der Suchwanderung als Reifeprozess.
- Funktion von Zaubergaben als Requisiten zur Problemlösung.
- Die Darstellung von Verwünschungen und Verwandlungen als Ausdruck von Schutz oder Daseinsform.
Auszug aus dem Buch
3.1 Nixe
Der Name „Nixe“ entstammt aus dem Althochdeutschen nihhus, niccus oder nich essa und bedeutet Wassergeist. Wir haben es sowohl in dem Märchen „Die Wassernixe“, als auch in dem Märchen „Die Nixe im Teich“ mit weiblichen Formen von Wasserwesen zu tun. Es gibt allerdings auch noch den männlichen „Nix“, der aber meistens „Wassermann“ genannt wird. Den frühesten Beleg von Nixen bieten die Sirenen aus Homers Epos Odyssee. Durch ihren todbringenden Gesang versuchten sie Odysseus und seine Begleiter von der Heimkehr nach Ithaka abzuhalten. Auch in verschiedenen Sagen wird von Nixen erzählt, z. B. in der Nibelungensage oder in der Loreley4. Nach dem schweizer Literaturwissenschaftler und Märcheninterpret Max Lüthi (Lüthi 1992) schöpfen Märchen ihre Motive aus Sagen und Mythen,5 so wurde auch das Motiv der Nixe aufgegriffen und bekam im Märchen eine neue Form.
Nixen sind Zwischenwesen, halb Mensch, halb Tier. Die obere Hälfte ihres Körpers ist von menschlicher Gestalt. Diese Hälfte ist für den Menschen sichtbar, wenn die Nixe zur Wasseroberfläche auftaucht. Die untere Hälfte der Nixe ist von fischhafter Gestalt und für den Menschen nicht sichtbar, denn diese befindet sich unterhalb der Wasseroberfläche. Im Gegensatz zu den Wasserwesen in der griechischen Mythologie, zu deren Lebensraum vor allem das Meer zählt, haben die Nixen der Grimmschen Märchen ihren Lebensraum in Gewässern wie Seen, Flüssen und Brunnen.
Vermutlich berücksichtigt die Sammlung mehr Beiträge aus dem bewaldeten Zentralgebiet. Ein charakteristisches Merkmal der Nixen ist, dass sie den Menschen Gefahr, Schaden oder Tod bringen können, zudem werden sie als Dämonen oder Wassergeister beschrieben. Doch manchmal treten sie auch als hilfreiche Wesen auf. Die Nixe wird oft als erotische, junge, schöne, reizvolle Verführerin dargestellt, welche die Männer in ihren Bann und mit sich in die Tiefe ziehen will.6 Auch in Goethes Ballade „Der Fischer“ lockt die Nixe den Fischer in ihr verborgenes Reich („Halb zog sie ihn, halb sank er hin“).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Welt der Volksmärchen ein und begründet die methodische Herangehensweise, Motive in Märchen als "entwirklichte" Elemente der Realität zu betrachten.
2 Inhaltsangaben: Hier werden die drei untersuchten Märchen „Die Nixe im Teich“, „Das singende und springende Löweneckerchen“ und „Die Wassernixe“ inhaltlich kurz zusammengefasst.
3 Motive: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die zentralen märchenhaften Motive wie Nixe, Brunnen, Suchwanderung, Zaubergaben und Verwandlung in Bezug auf die ausgewählten Primärtexte.
4 Schlussbetrachtung: Das Fazit bestätigt die These, dass die universelle Wiederkehr bestimmter Motive dem Märchenstil entspricht und eine Fülle menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten eröffnet.
Schlüsselwörter
Märchen, Brüder Grimm, Motivanalyse, Nixe, Brunnen, Suchwanderung, Zaubergaben, Verwandlung, Max Lüthi, Volksmärchen, Literaturwissenschaft, Unterwelt, Erlösung, Symbolik, Motivvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Vorkommen und die Funktion verschiedener Motive in ausgewählten Märchen der Brüder Grimm.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die symbolische Bedeutung von Wasserwesen, die Struktur von Suchwanderungen sowie die Rolle von Zaubergaben und Verwandlungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist der motivgeschichtliche Vergleich, um aufzuzeigen, wie Motive aus Mythen und Sagen in die spezifische "Märchenform" transformiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse und den komparativen Vergleich der Primärtexte unter Einbeziehung theoretischer Ansätze der Märchenforschung, insbesondere von Max Lüthi.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die inhaltliche Darstellung der drei ausgewählten Märchen sowie eine tiefgehende, motivbasierte Untersuchung derselben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Märchen, Motivanalyse, Nixe, Zaubergaben, Suchwanderung und Literaturwissenschaft.
Wie unterscheiden sich die Nixen in den behandelten Märchen?
Während die Nixe im Teich als ambivalentes, verführerisches Wesen auftritt, wird die Wassernixe als eher böse und gefängnisartig wirkende Figur charakterisiert.
Welche Bedeutung haben Zaubergaben für die Märchenhelden?
Zaubergaben fungieren als Instrumente, die dem Helden in extremen Notlagen zur Rettung dienen oder helfen, eine Konkurrentin zu übertrumpfen.
Warum wird der Brunnen als wichtiges Motiv hervorgehoben?
Der Brunnen dient als Grenze zur Unterwelt und als magischer Ort des Übergangs, der häufig mit Gefahr, aber auch mit dem Schicksal der Protagonisten verbunden ist.
- Arbeit zitieren
- Myriam Eichinger (Autor:in), 2011, Märchenmotive - Ein Vergleich zwischen "Die Nixe im Teich" (KHM 181), "Das singende und springende Löweneckerchen" (KHM 88) und "Die Wassernixe" (KHM 79), München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/184025