Das Thema dieser Hausarbeit ist die Zwei-Reiche-Lehre des Dr. Martin Luther. Dabei ist der Begriff Lehre unscharf, da es sich nicht um eine Systematik im engeren Sinne handelt. Es handelt sich eher um die Summe vieler Schriften, die alle im Bezug zu Fragen der weltlichen Obrigkeit stehen. Zeitlich ist das Thema am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit einzuordnen. Eine allgemeine Emanzipation von göttlicher Ordnung, vor allem durch die aufkommenden Natur- und Geisteswissenschaften, ist zeittypisch. Im Mittelpunkt von Humanismus und Renaissance stand der Begriff der Vernunft. Es ging unter anderem darum, den Staat ohne Gott als weltliche Organisation reiner Zweckdienlichkeit zu legitimieren. In diesem Sinne kann man die Reformation folgerichtig als hermeneutischen Streit um die Auslegung der Bibel deuten. Glaubensfragen wurden nun mit Mitteln der Vernunft beantwortet. Ein Beispiel dafür ist nun die Zwei-Reiche-Lehre. Luthers Modell basiert auf der Erbsünde. Das Paradies war der Normalzustand, nach dem Sündenfall zerfiel die Welt in eine irdische und ein geistliche Ebene. Diese Ordnung ist vorläufig, da am Tage des jüngsten Gerichts die irdische Welt zerstört und die geistliche Welt von Christus an Gott übergeben wird. Es entsteht dann das regnum gloriae. Den Weg dorthin schildert Luther in seiner Zwei-Reiche-Lehre.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Themendarstellung
1.2 Martin Luther und seine Zeit
2. Entstehungsbedingungen der Zwei-Reiche-Lehre
2.1 Historischer Kontext
2.2 Luthers Obrigkeitsschrift
3. Die Systematik der Zwei-Reiche-Lehre
3.1 Augustin: Vom Gottesstaat
3.2 Die Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers
3.3 Der Staat in der Zwei-Reiche-Lehre
4. Luther und das Widerstandsrecht
5. Abschließende Betrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers vor dem Hintergrund ihrer historischen Entstehungsbedingungen und ihrer systematischen Ausgestaltung. Dabei wird insbesondere untersucht, wie Luthers Verständnis von weltlicher Obrigkeit und staatlicher Gewalt in Beziehung zu seiner Theologie steht und wie sich seine Position zum Widerstandsrecht im Verlauf der Reformation wandelte.
- Historischer Kontext der Reformation und Luthers Biographie
- Strukturelle Analyse der Zwei-Reiche-Lehre und der zwei Regimente
- Vergleich zwischen den Lehren Augustins und Luthers
- Luthers politisches Ethikverständnis und das Widerstandsrecht
- Das Verhältnis von Staat, Kirche und individueller Gewissensentscheidung
Auszug aus dem Buch
2.2 Luthers Obrigkeitsschrift
Der auch als Obrigkeitsschrift bekannte Text „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ stellt das Grundgerüst zur Interpretation Luthers Zwei-Reiche-Lehre und ihrer Systematik dar. Die Niederschrift ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste Teil beinhaltet zunächst die grundsätzliche Trennung der Menschen in zwei Teile. „Hier müssen wir Adams Kinder und alle Menschen in zwei Teile teilen: die ersten zum Reich Gottes, die anderen zum Reich der Welt. Die zum Reich Gottes gehören, das sind alle Rechtgläubigen in Christus und unter Christus. […] Diese Menschen bedürfen keines weltlichen Schwertes noch Rechts. […] Zum Reich der Welt oder unter das Gesetz gehören alle, die nicht Christen sind.“ Außerdem unterscheidet Luther zwei Regimente, also zwei Regierungsweisen Gottes. „Das geistliche, welches durch den heiligen Geist Christen und fromme Leute macht, unter Christus, und das weltliche, welches den Unchristen und Bösen wehrt, dass sie gegen ihren Willen äußerlich Frieden halten und still sein müssen“.
Eine Trennung der beiden Regimente, die in den jeweiligen Reichen wirken, ist für Luther unablässig: „Deshalb muss man diese beiden Regimente mit Fleiß voneinander scheiden und beides bleiben lassen: eines, das fromm macht, das andere, das äußerlichen Frieden schaffe und bösen Werken wehret. Keines ist ohne das andere genug in der Welt.“ Aus der Notwendigkeit des Schwertes wird dann die Notwendigkeit der Obrigkeit als solcher abgeleitet. Luther zitiert hierfür Paulus, Röm. 13, 1: „Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott, wo aber Obrigkeit ist, ist die von Gott verordnet.“ Luther schränkt weiterhin das Nutzen des Schwertes ein. Er sagt, dass ein Christ dieses nicht „für sich und seine Sache führen noch anrufen [soll], sondern für einen anderen kann und soll ers führen und anrufen, damit der Bosheit gesteuert und die Rechtschaffenheit geschützt werde.“ Ein Christ soll also das eigene Dasein betreffend verzeihen, dulden und opfern können. Das Miteinander der Menschen wird aber durch Recht geregelt, indem Grenzen gegen das Böse gesetzt werden. Teil eins steht somit für die Begründung der Unterscheidung in zwei Reiche und zwei Regimente sowie die Legitimierung der weltlichen Obrigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und der Zielsetzung der Arbeit, Martin Luther in den Kontext des Übergangs von Mittelalter zur Neuzeit einzuordnen.
2. Entstehungsbedingungen der Zwei-Reiche-Lehre: Analyse des historischen Hintergrunds und der juristischen sowie theologischen Debatten, die zur Entstehung der Lehre führten.
3. Die Systematik der Zwei-Reiche-Lehre: Untersuchung der theoretischen Grundpfeiler, einschließlich des Rückgriffs auf Augustin und der Unterscheidung zwischen den Regimenten.
4. Luther und das Widerstandsrecht: Betrachtung der sich wandelnden Position Luthers gegenüber politischem Widerstand in Abhängigkeit von historischen Konflikten.
5. Abschließende Betrachtungen: Zusammenfassende Einordnung der Lehre und Reflexion über deren Bedeutung für die politische Theorie und heutige Rezeption.
Schlüsselwörter
Martin Luther, Zwei-Reiche-Lehre, Obrigkeitsschrift, Reformation, Weltliches Regiment, Geistliches Regiment, Widerstandsrecht, Augustin, Gottesstaat, politische Ethik, Gewissensentscheidung, Schwert, Glaube, Rechtfertigungslehre, Vernunft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der systematischen Untersuchung der Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers als zentralem Bestandteil seiner politischen Ethik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die historische Entstehung der Lehre, die Trennung von geistlichem und weltlichem Regiment sowie die Einstellung Luthers zum staatlichen Widerstandsrecht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Komplexität der Zwei-Reiche-Lehre darzulegen, zu interpretieren und in Luthers theologischen Gesamtkontext einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse von Luthers zentralen Schriften, wie der Obrigkeitsschrift, und einen systematischen Vergleich mit Augustin.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Struktur der Zwei-Reiche-Lehre, die Rolle des Staates, das Verhältnis zu Augustin und die Entwicklung der Haltung Luthers zum Widerstand.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Zwei-Reiche-Lehre, Widerstandsrecht, Obrigkeit, Glaube, Vernunft und Reformation charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Luthers Ansatz vom Gottesstaat bei Augustin?
Während Augustin einen stärker dualistischen und eschatologischen Kampf zwischen zwei Reichen sieht, konzipiert Luther die Reiche eher als zwei komplementäre Regierungsweisen Gottes.
Warum lehnte Luther den gewaltsamen Widerstand gegen den Kaiser zunächst ab?
Luther sah im Kaiser eine von Gott eingesetzte Instanz und fürchtete, dass durch einen gewaltsamen Umsturz lediglich Anarchie oder eine schlimmere Tyrannei entstehen würde.
Inwiefern hat sich Luthers Haltung zum Widerstand im Laufe der Zeit verändert?
Aufgrund des wachsenden Konflikts mit dem Papsttum und drohender Religionskriege verschärfte Luther seine Haltung und räumte unter bestimmten Bedingungen, insbesondere bei Tyrannei, ein Widerstandsrecht ein.
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- Heiko Suhr (Author), 2008, Martin Luther , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/183803