Granted that disorder spoils pattern; it also provides the materials of pattern. Order implies restriction; from all possible materials, a limited selection has been made and from all possible relations a limited set has been used. So disorder by implication is unlimited, no pattern has been realized in it, but its potential for patterning is indefinite. This is why, though we seek to create order, we do not simply condemn disorder. We recognize that it is destructive to existing patterns; also that it has potentiality. It symbolizes both danger and power. Mary Douglas
Im März des Jahres 1987 verließ ein riesiges Frachtschiff namens „Mobro 4000“ den New Yorker Hafen. An Bord: 3200 Tonnen Industrie- und Haushaltsabfälle, die auf eine Müllhalde in North Carolina verschifft werden sollten. Auf Grund ungenauer Absprachen jedoch wurde im Hafen von Morehead City, NC, die Entladung der unpopulären Fracht verweigert. Das Schiff fuhr weiter Richtung Süden, wurde dabei in sechs Staaten und drei Ländern abgelehnt und wendete schließlich bei Belize in Mittelamerika, um nach über acht Wochen auf See wieder New York anzusteuern. Weltweit brachte die Presse inzwischen täglich Berichte mit Horrorvisionen von Millionen von Insekten, gefährlichen medizinischen Abfällen, unerträgli-chem Gestank und angeblich austretenden hochgiftigen Gasen und Flüssigkeiten, und die mit dem Problem beschäftigten Politiker, die zu keiner Kompromisslösung bereit waren, verstärkten mit bürokratischer Blockadetaktik die abstruse Komik der Geschichte. Als Ende Juli schließlich der Müll auf New Yorks Fresh Kills landfill gebracht wurde, fand man weder Insekten noch gefährliche Stoffe in der Ladung der „barge heard around the world“ (vgl. Miller 3ff.), der einzige für die Medien interessante Fund war bezeichnenderweise ein Yo-Yo-Kinderspielzeug. Während Ökologen daraufhin das „Mobro 4000“-Disaster als Spitze des Eisberges einer furchtbaren garbage crisis sahen, verkauften findige Geschäftsleute kleine Portionen des berühmt gewordenen Mülls als Souvenir – eingeschweißt in Plexiglas.
Diese Episode – Don DeLillo beschreibt in Underworld eine ähnliche Irrfahrt des Abfalls auf dem Meer – verdeutlicht einige Aspekte des Abfalls, die ihn so interessant für die Literatur und Kunst machen.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Müll in der Literatur
3. Müll bei Don DeLillo
3.1 Abfallmotive in DeLillos Gesamtwerk
3.2 Underworld: „Waste – the best-kept secret in the world“
3.2.1 Die Konsum- und Mediengesellschaft und ihr (Realitäts-) Müll
3.2.2 „Underhistory“: Müll und Geschichte
3.2.3 Waste, Weapons & die Gefahren des Mülls
3.2.4 Religion und Müll
3.2.5 Die weltliche Faszination des Abfalls: Sammler, Touristen und Künstler
3.2.5.1 Sammler
3.2.5.2 Touristen
3.2.5.3 Künstler
3.2.6 Mensch und Müll
3.2.7 Sprache und Müll in Underworld
4. Müll bei Paul Auster
4.1 Abfallmotive in Austers Werken
4.2 In the Country of Last Things: Die Stadt, der Müll und der Tod
4.2.1 Abfall und Entropie: Allgegenwärtiger Zerfall
4.2.2 Müll und Kunst
4.2.3 Sprache und Müll in In the Country of Last Things
4.2.4 Die Apokalypse, der Müll und der Tod
5. Fazit: Abschließender Vergleich der beiden Romane
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung und Funktion von Müll als zentrales Leitmotiv in den Romanen Underworld (1997) von Don DeLillo und In the Country of Last Things (1987) von Paul Auster, um aufzuzeigen, wie Abfall als Symbol für gesellschaftliche Zustände, Geschichte und menschliche Identität in der zeitgenössischen Literatur fungiert.
- Literarische Bedeutung von Abfall als Metapher für den Zivilisationszustand
- Vergleich der Müll-Problematik in Überflussgesellschaften versus Dystopien
- Die Rolle von Sprache, Erinnerung und Kunst im Umgang mit dem "Verdrängten"
- Das Potenzial von Abfall als Erkenntnisobjekt im postmodernen Kontext
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Die Konsum- und Mediengesellschaft und ihr (Realitäts-) Müll
Wie schon in White Noise ist auch in Underworld die Kritik an der heutigen Konsum- und Medienwelt ein wesentliches Anliegen DeLillos. Hier wird deren Entstehung zurückverfolgt bis in die 1950er-Jahre, als die unkritische Euphorie für die schöne, saubere neue Welt der Wegwerf-Gesellschaft – repräsentiert durch die archetypische Familie Deming – die Schattenseiten dieser Entwicklung verdrängte. Erst später wurden ernsthafte Gesundheitsgefahren einiger Produkte entdeckt (vgl. 3.2.3), und zum Ende des Jahrhunderts entwickelten sich die riesigen Müllberge zu einem enormen logistischen Problem. “Waste is the persistent afterimage of consumerism; waste remains when the urges to buy, own, and use have momentarily been satisfied” (Keskinen 70). In den letzten 50 Jahren war die Implementierung von Wegwerfartikeln auf den Markt und in das Bewusstsein der Konsumenten ein wesentlicher Faktor des Wirtschaftswachstums, denn in einem gesättigten Markt ist planned obsolescence von höchster Wichtigkeit für langfristige Verkaufserfolge. Das dem Markenprodukt vorherbestimmte Ende auf dem Müllplatz wird vom Hersteller zeitlich weit vor der produktionstechnisch bzw. durch Abnutzung bedingten Unbrauchbarkeit der Ware festgelegt, um Absatzmärkte für Nachfolgemodelle zu schaffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema Müll in der Literatur ein und stellt die zentrale Forschungsfrage sowie das Ziel der Arbeit vor.
2. Müll in der Literatur: Ein Überblick über die historische Thematisierung von Abfallphänomenen in der Literatur seit dem 19. Jahrhundert.
3. Müll bei Don DeLillo: Untersuchung der Abfallmotive in DeLillos Werk, mit Fokus auf Underworld als Collage-Roman über die Konsum- und Mediengesellschaft.
4. Müll bei Paul Auster: Analyse der Abfallmotive bei Auster, insbesondere wie der Roman In the Country of Last Things das Thema Entropie und gesellschaftlichen Zerfall verarbeitet.
5. Fazit: Abschließender Vergleich der beiden Romane: Zusammenführung der Ergebnisse und Vergleich der unterschiedlichen Ansätze der beiden Autoren zur Müllthematik.
Schlüsselwörter
Abfall, Müll, Don DeLillo, Paul Auster, Underworld, In the Country of Last Things, Konsumgesellschaft, Entropie, Literaturtheorie, Postmoderne, Mülltheorie, Wegwerfgesellschaft, Archäologie des Alltags, Erinnerung, Sprachkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung von Müll in den Werken von Don DeLillo und Paul Auster, wobei sie den Abfall als zentrales Leitmotiv betrachtet, das tiefere Einblicke in Gesellschaft, Kultur und Geschichte ermöglicht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themen umfassen die Konsumkritik, die Auswirkungen der Medienrealität, die Rolle von Abfall in der Geschichte, die Funktion von Sprache im Kontext von Verfall und die Bedeutung von Kunst als Mittel zur Auseinandersetzung mit dem Verdrängten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist ein Vergleich der Herangehensweisen beider Autoren, um aufzuzeigen, wie sie den Müll als wichtiges Zeichen der zeitgenössischen amerikanischen Literatur nutzen und welche Parallelen sowie Unterschiede in ihrem künstlerischen Schaffen bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert literaturwissenschaftliche Analysen der Primärtexte mit Fachtexten aus Soziologie, Anthropologie und Kunstwissenschaft, um ein interdisziplinäres Verständnis der Müllmotive zu erarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Analyseteile zu den Werken von DeLillo und Auster, in denen Themen wie "Underhistory", "Waste & Weapons", "Sprachmüll" und die Bedeutung von Recycling in Literatur und Kunst diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Abfall, Entropie, Konsumgesellschaft, Postmoderne, Mülltheorie und die literarische Auseinandersetzung mit dem "Verdrängten" und "Verfall".
Wie unterscheidet sich die Behandlung von Müll bei DeLillo im Vergleich zu Auster?
DeLillo fokussiert stärker auf die Dauerhaftigkeit von Müll in einer Überflussgesellschaft, während Auster in seinem dystopischen Szenario den Müll als Zeichen des totalen Verfalls und der Ressourcenknappheit beschreibt.
Welche Rolle spielt die Sprache im Umgang mit Müll in den analysierten Texten?
Die Sprache selbst wird oft als "Müll" (Sprachmüll) begriffen, der manipuliert oder durch Entropie und den Verlust von Referenzen an Bedeutung verliert, was die Romanfiguren vor erhebliche epistemologische Probleme stellt.
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- Stephan Orth (Author), 2004, Garbage as Literature – Abfallmotive in DeLillos "Underworld" und Austers "In the Country of Last Things", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/183744