„Wer weiß, was er zu tun hat, und tut es nicht,
der macht sich schuldig“.
Doch woher weiß man, was man zu tun hat? Diese Frage zu beantworten ist sicher nicht immer leicht und man muss sie individuell angehen. Doch gibt es manchmal nur eine Antwort - für die Evangelische Kirche zu der Zeit des Hitlerregimes hätte es nur eine geben dürfen, denn in Anbetracht der Tatsache, dass der Hitlerstaat ein Staat der Grausamkeiten war, hätte die Kirche hier eine Hilfe für diejenigen sein müssen, die von diesen Grausamkeiten betroffen waren. Kirche soll eine menschenwürdige und menschenliebende Institution sein, keine „menschenvernichtende“.
Auf die Frage, wieso die Kirche nicht geholfen hat, gibt es (bis heute) keine ausrei-chende Antwort, ebenso wenig wie es eine Erklärung für das gibt, was im Dritten Reich geschehen ist. Die evangelische Kirche hat jedoch, kurz nach Beendigung des zweiten Weltkrieges, eine Erklärung abgegeben, die Stuttgarter Schulderklärung, in der sie versuchte zu erklären, warum sie gehandelt hat, wie sie gehandelt hatte.
Inhaltsverzeichnis
1. >>Schuldbekenntnis ohne Schuldanerkennung<<
2. Die Stuttgarter Schulderklärung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Stuttgarter Schulderklärung der Evangelischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg und kontrastiert diese mit der theologischen Positionierung Dietrich Bonhoeffers, um die Tiefe und Glaubwürdigkeit des kirchlichen Schuldbekenntnisses zu hinterfragen.
- Analyse der Stuttgarter Schulderklärung als historisches Dokument
- Biografische Einordnung und theologisches Wirken Dietrich Bonhoeffers
- Konfrontation des kirchlichen Schuldbegriffs mit dem Prinzip der "stellvertretenden Schuld"
- Kritische Reflexion über die historische Aufarbeitung der NS-Zeit durch die Kirche
- Untersuchung der sprachlichen Präzision und der Ernsthaftigkeit von Reuebekundungen
Auszug aus dem Buch
Die Stuttgarter Schulderklärung
Die Kirche bekennt, ihre Verkündigung von dem einen Gott, der sich in Jesus Christus für alle Zeiten offenbart hat und der keine anderen Götter neben sich leidet, nicht offen und deutlich genug ausgerichtet zu haben. [...] Sie hat dadurch den Ausgestoßenen und Verachteten die schuldige Barmherzigkeit oftmals verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. [...] Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Hass und Mord gesehen zu haben, ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi. [...] Die Kirche bekennt, begehrt zu haben nach Sicherheit, Ruhe, Friede, Besitz, Ehre, auf die sie keinen Anspruch hatte, und so die Begierden der Menschen nicht gezügelt, sondern gefördert zu haben. Die Kirche bekennt sich schuldig des Bruchs aller zehn Gebote, sie bekennt darin ihren Abfall von Christus. [...] Durch ihr eigenes Verstummen ist die Kirche schuldig geworden an dem Verlust an verantwortlichem Handeln, an Tapferkeit des Einstehens und der Bereitschaft, für das als recht Erkannte zu leiden. Sie ist schuldig geworden an dem Abfall der Obrigkeit von Christus.
Zusammenfassung der Kapitel
>>Schuldbekenntnis ohne Schuldanerkennung<<: Einführung in die historische Problematik der Evangelischen Kirche nach 1945 und Vorstellung Dietrich Bonhoeffers als theologische Gegenfigur.
Die Stuttgarter Schulderklärung: Detaillierte kritische Exegese des Textes der Schulderklärung, wobei insbesondere die Unschärfe des Schuldbegriffs und das Fehlen einer konkreten Entschuldigung bemängelt werden.
Schlüsselwörter
Stuttgarter Schulderklärung, Dietrich Bonhoeffer, Evangelische Kirche, Nationalsozialismus, Schuld, Bekenntnis, Nachfolge, Arierparagraph, Kirchengeschichte, stellvertretende Schuld, Theologie, Verantwortung, Vergangenheitsbewältigung, Ethik, NS-Regime
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Auseinandersetzung der Evangelischen Kirche mit ihrer Rolle während der NS-Zeit, spezifisch anhand des Textes der Stuttgarter Schulderklärung von 1945.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das kirchliche Schuldbekenntnis, die moralische Haltung der Kirche im Dritten Reich, das theologische Konzept der stellvertretenden Schuld nach Bonhoeffer und die historische Aufarbeitung von Versäumnissen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Glaubwürdigkeit und die sprachliche Präzision der Stuttgarter Schulderklärung kritisch zu hinterfragen und aufzuzeigen, wo die Kirche ihrer Verantwortung gegenüber den Opfern des NS-Regimes nicht gerecht wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-theologische Analyse angewandt, die den Quellentext der Erklärung mit theologischen Schriften von Dietrich Bonhoeffer kontrastiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse der Stuttgarter Schulderklärung, der Biografie Bonhoeffers und einem Abgleich zwischen dem offiziellen kirchlichen Text und der radikalen Ethik Bonhoeffers.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "stellvertretendes Schuldbekenntnis", "Arierparagraph", "Kirchliches Verstummen" und "historische Verantwortung" definiert.
Wie bewertet der Autor die Stuttgarter Schulderklärung?
Der Autor bewertet das Dokument als historisch bedeutend, kritisiert jedoch scharf die mangelnde Konkretisierung der Schuld und das Fehlen eines echten Entschuldigungsgestus.
Warum wird Dietrich Bonhoeffer in diesem Kontext besonders hervorgehoben?
Bonhoeffer wird als Gegenbild zur offiziellen Kirche dargestellt, da er in der Lage war, die Schuld der Kirche klarer zu benennen und sein Leben für seine Überzeugungen und sein Eintreten gegen das Regime zu geben.
- Quote paper
- Tanja Hühne (Author), 2008, Schuldbekenntnis ohne Schuldanerkennung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/183427