Was, wenn Bildung zum Abbild fremden Wollens verkommt? Wenn Wittgensteins „Gefangen in einem Bild“ in „Malen nach Zahlen“ gipfelt und im Tuschekasten lediglich die Farben Schwarz und Weiß vorhanden sind? Dann wird Peter Singer entweder zum Heilsbringer gemacht oder als Teufel stilisiert. Dass Kritik an Peter Singer und seinem ethischen Modell selten auf eigene Denkleistung zurückführbar ist, sondern sich sogenannte Kritiker zumeist auf zweifelhafte Argumentationen Anderer stützen, wird diese Arbeit aufzeigen.
Die Arbeit befasst sich mit der an Singer geübten Kritik. In ihr werden beispielhaft erfundene Zitate der Kritiker entlarvt und sinnentstellende Interpretationen aufgedeckt. Dabei geht es jedoch nicht um eine Verteidigung Singers. Diese Arbeit wird ebenso auf argumentative Ungereimtheiten in Singers ethischem Modell hinweisen, sowie auf eine irreführende Verteidigung seitens der Giordano-Bruno-Stiftung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die leitenden Prinzipien der Ethik Peter Singers
3 Die Kritiker
3.1 Die Kritiker: drei Fachbereiche, drei Professoren – ein Duktus
3.2 Beispiele reproduzierter Meinung
4 Inhaltliche Auseinandersetzung mit der Ethik Singers
4.1 Traditionelle Gerechtigkeitsvorstellungen und Singers Konzept im Vergleich
4.2 Interessen und Personen:
4.3 Affen und Menschen: Selbstbewusstsein bei Tieren
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Vorwürfe, die Peter Singers ethische Positionen im deutschsprachigen Raum – insbesondere im Kontext der Sozialen Arbeit – erfahren haben, und setzt diese in eine material- und meta-ethische Analyse, um die Validität der Kritik zu hinterfragen.
- Deskription der zentralen Prinzipien der Ethik Peter Singers
- Analyse und Dekonstruktion der Kritik durch prominente Fachvertreter
- Gegenüberstellung von traditionellen Gerechtigkeitsvorstellungen und utilitaristischen Ansätzen
- Untersuchung des Personenbegriffs sowie des Selbstbewusstseins bei Tieren
- Reflexion über die Rolle von Bildung und Selbstbestimmung in der Sozialen Arbeit
Auszug aus dem Buch
§ Deontologie und Konsequentialismus im Vergleich:
Nach traditioneller Moralvorstellung gilt Singer zufolge ein Mord oder eine Lüge, auch wenn das Ergebnis wünschenswert ist, als falsch, weil nach einer deontologischen Theorie (traditionelle Moralvorstellung) nicht das Ergebnis einer Tat, sondern nur die Handlung selbst beurteilt wird. Immanuel Kant wird von Singer als ein bekannter Vertreter einer deontologischen Ethik angeführt (vgl. Singer 1994, 26f.). Dessen Formel: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“ (vgl. Singer 1994, 27), verursacht Singer zufolge durch seinen Absolutismus Leid und Schmerz. Konsequentialisten hingegen werten nicht die Tat selbst, sondern fragen, ob das Ergebnis der Tat wünschenswert für viele ist. Ein Konsequentialist bewertet zwei Situationen mit identischer Handlung möglicherweise unterschiedlich. Zwei Beispiele zur Veranschaulichung einer konsequentialistischen Haltung: 1) Wenn wenige Unschuldige sterben müssen, um das Überleben vieler zu sichern, könnten die in Kauf genommenen Opfer moralisch gerechtfertigt sein. 2) Wenn die Gestapo klingelt und fragt, ob man Juden versteckt halte, ist eine Lüge gerechtfertigt. Das Ergebnis der Handlung (Lüge) ist wünschenswert für die so geretteten Menschenleben. Fragt hingegen das Finanzamt an, ob man denn keine Steuern zahlen müsse, dann wäre eine Lüge nicht wünschenswert für viele, sondern nur für einen selbst. Die Handlung (Lügen) ist daher unangebracht (vgl. Singer 1994, 24ff). Diesem ethischen Konzept, welches eine Handlung anhand der Konsequenzen als gut oder schlecht bewertet, fühlt sich Singer zugehörig (vgl. Singer 1994, 25ff).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Relevanz der Debatte um Peter Singer und die PID in Deutschland sowie Definition der persönlichen Motivation des Autors aus Sicht der Sozialen Arbeit.
2 Die leitenden Prinzipien der Ethik Peter Singers: Einführung in die utilitaristischen Kernprinzipien, den Konsequentialismus und das Prinzip der gleichen Interessenabwägung.
3 Die Kritiker: Darstellung und Analyse von neun konkreten Kritikbeispielen aus der Fachwelt, um aufzuzeigen, wie Singers Thesen in der Debatte häufig verzerrt oder ideologisch interpretiert werden.
4 Inhaltliche Auseinandersetzung mit der Ethik Singers: Eine tiefergehende philosophische Analyse, in der das Modell der gleichen Interessenabwägung und der Personenbegriff kritisch auf ihre Konsistenz und Anwendbarkeit geprüft werden.
5 Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass die radikale Kritik an Singer oft auf mangelndem Fachwissen oder einer bewussten Verzerrung seiner Texte beruht, und Plädoyer für einen sachlichen Diskurs.
Schlüsselwörter
Peter Singer, Ethik, Utilitarismus, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Soziale Arbeit, PID, Interessenabwägung, Personenbegriff, Euthanasie, Behindertenpädagogik, Lebensrecht, Konsequentialismus, Moral, Diskurskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Kritik, die Peter Singer im deutschsprachigen Raum – speziell durch Vertreter der Behindertenpädagogik und Sozialen Arbeit – entgegengebracht wird, und prüft deren inhaltliche Stichhaltigkeit.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Felder sind der utilitaristische Ethikansatz, die Frage nach dem Lebensrecht von behinderten Menschen und Säuglingen sowie die Rolle von Bildung und Selbstbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuklären, ob Singers Thesen tatsächlich die Selbstbestimmung behinderter Menschen gefährden oder ob die vorgetragene Kritik auf Fehlinterpretationen basiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt eine material- und meta-ethische Analyse, indem er die Primärquellen Singers den von ihm identifizierten kritischen Texten gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine deskriptive Einführung in Singers Ethik, eine kritische Analyse spezifischer Kritikbeispiele und eine tiefere philosophische Auseinandersetzung mit Begriffen wie "Person" und "Gerechtigkeit".
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Utilitarismus, Interessenabwägung, Selbstbestimmung, Soziale Arbeit, PID und Behindertenethik maßgeblich geprägt.
Wie bewertet der Autor die Kritik von Georg Feuser und Monika Vernooij?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass viele Vorwürfe dieser Kritiker auf ungenauen Zitaten oder dem Rückgriff auf veraltete, von Singer inzwischen revidierte Fassungen seiner Bücher beruhen.
Welchen Stellenwert nimmt die Frage der Selbstbestimmung ein?
Selbstbestimmung ist für den Autor ein zentraler Begriff der Sozialen Arbeit, den er in Abgrenzung zu fremdbestimmten Paternalismen untersucht und in den Kontext von Singers Interessenabwägung stellt.
- Arbeit zitieren
- Jan Wulf (Autor:in), 2011, Peter Singer und seine Kritiker - Eine Material- und meta-ethische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/183390