Das Forschungsfeld der frühislamischen Historiographie gilt vielen IslamwissenschaftlerInnen als eine Disziplin, deren Quellenlage so umstritten ist,dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Dokumenten, die aus der Zeit ab ca. dem 8./9. Jh. n.Chr. stammen, nur von vergleichsweise wenigen Wissenschaftlern in Angriff genommen wurde.
Dabei erschließt die Beschäftigung mit frühislamischen
Geschichtsbänden und besonders deren Verfassern weit tiefer greifende
Zusammenhänge als lediglich historische Ereignisse längst vergangener Zeiten – sie
zeichnet auch den Fortgang der islamischen Geistesgeschichte nach und gibt über die
Entwicklung wichtiger Felder wie Philosophie, Literatur und Politik Aufschluss. Um diese Wertigkeit soll es in dieser Arbeit gehen.
Um einen
tieferen Einblick in die beginnende Geschichtsschreibung und das intellektuelle
Milieu dieser Zeit zu erlangen, möchte ich mich nach einer zusammenfassenden
Einführung in die Entwicklung der frühislamischen Geschichtsschreibung mit zwei
Historikern dieser Zeit befassen: Auf der einen Seite soll es um Abū Ğ‘afar
Muhammad b. Ğarīr b. Yazīd at-Tabarī gehen, dessen unumstritten als herausragend
anerkanntes Werk ebenso wie eine kurze Biografie vorgestellt werden sollen.
Zweitens werde ich mich mit dem etwas weniger bekannten Abū ‘Alī Ahmad b.
Muhammad b. Ya‘qūb Miskawayh befassen, den ich, ebenso wie seinen Vorgänger
at-Tabarī, anhand seines Werkes und einer Biografie vorstellen werde. Anschließend
möchte ich die Konzeption der beiden Historiker vergleichen.
Geprüft werden soll in dieser Untersuchung auch die Ansicht, dass der
heilsgeschichtliche Ansatz das wissenschaftliche Interesse an Geschichte und der
Sammlung und Aufbereitung historischer Informationen in der frühislamischen Zeit
überwog.
Des Weiteren ist die europäische Wissenschaft größtenteils
sehr darum bemüht, islamische Historiographie in Kategorien wie „modern“,
„fortschrittlich“ oder „rückständig“ einzuordnen. Um nicht in das Muster dieses
Ansatzes zu verfallen, soll die vorliegende Arbeit auch einen Blick in die
Originalwerke der vorgestellten Autoren selbst werfen, statt sich gänzlich auf die
Kommentierung durch die zur Verfügung stehenden Standardwerke zu verlassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung: Die frühislamische Historiographie
2.1. Anfänge der frühislamischen Historiographie bis zum 11. Jh. n.Chr.
2.2. Leben und Wirken des at-Tabar
2.3. Leben und Wirken des Miskawayh
2.4. Gesellschaftliche Verortung beider Autoren
3. Quellenarbeit: Strukturen frühislamischer Geschichtswerke
3.1. Miskawayhs Vorwort zu Taǧārib al-umam
3.2. Miskawayhs Methodik
3.3. Aṭ-Ṭabarīs Vorwort zu Ta’rīh al-rusul wa’l-mulūk wa’l-ḥulafā’
3.4. Aṭ-Ṭabarīs Methodik
3.5. Schlussfolgerungen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die historiographischen Konzepte zweier bedeutender frühislamischer Historiker, aṭ-Ṭabarī und Miskawayh, vergleichend zu untersuchen, um tiefergehende Einsichten in das intellektuelle Milieu und die Beweggründe der beginnenden Geschichtsschreibung zu gewinnen.
- Vergleich der historiographischen Ansätze von aṭ-Ṭabarī und Miskawayh.
- Analyse des Einflusses gesellschaftlicher Faktoren auf die Geschichtsschreibung.
- Untersuchung der Rolle religiöser vs. säkularer Motive in der Überlieferung.
- Methodologische Betrachtung der Quellenarbeit und des Geschichtsverständnisses.
- Bedeutung der Vorworte für die Rekonstruktion des jeweiligen Geschichtskonzepts.
Auszug aus dem Buch
3.1. Miskawayhs Vorwort zu Taǧārib al-umam
Miskawayhs muqaddima beginnt mit der basmala, dem Ausspruch „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“. Darauf folgt die ḥamdala, die Lobpreisung Gottes, die sich in der vorliegenden, gedruckten Version über gut fünf Zeilen erstreckt und damit vergleichsweise kurz ist.
Im darauffolgenden Absatz, der mit einem einschneidenden „wa inna“ beginnt, gibt der Autor Auskunft über seine Vorgehensweise und von ihm gewählte Inhalte: Er habe „die Nachrichten der Völker und die Biografien der Könige studiert, die Nachrichten der Länder und Geschichtsbücher gelesen und in ihnen gefunden, woraus Erfahrungen gewonnen werden können für Angelegenheiten, die sich so oder ähnlich immer noch ereignen.“ Dabei bezieht sich Miskawayh auf die „Staatsprinzipien“ und die „Entfaltung der Königreiche“ und erwähnt ebenso den „Einzug des Fehlers“ bzw. Makels in diese Staatsform. Immer noch mit Politik beschäftigt, weist er darauf hin, dass eben jene Fehler in der Staatsregierung - abhängig vom Herrscher – behoben werden können, um „zu besseren Umständen zurückzukehren“, oder sie verschlimmern sich, weil sie vernachlässigt werden, bis dies „zum Untergang“ führt. Miskawayh erörtert im weiteren Verlauf des Vorworts die Inhalte seines Werkes, wobei er unter anderem die Abhandlung von „Heeresreformen“ und „Kriegsführung“ sowie des „tadelnswerten Endes Mahmūds I.“ ankündigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsfeld der frühislamischen Historiographie, benennt die untersuchten Historiker aṭ-Ṭabarī und Miskawayh und erläutert die Zielsetzung sowie die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Einführung: Die frühislamische Historiographie: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Entstehung der frühislamischen Geschichtsschreibung und bietet biographische sowie soziologische Hintergründe zu den beiden Autoren aṭ-Ṭabarī und Miskawayh.
3. Quellenarbeit: Strukturen frühislamischer Geschichtswerke: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die Vorworte der Werke beider Autoren, um deren spezifische Geschichtskonzepte, methodische Ansätze und den Einfluss von Religiosität oder Säkularität auf ihre Arbeit zu untersuchen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Relevanz der Untersuchung für das Verständnis der islamischen Geistesgeschichte und unterstreicht die methodische und inhaltliche Differenz zwischen dem religiös geprägten Ansatz aṭ-Ṭabarīs und dem säkularen Ansatz Miskawayhs.
Schlüsselwörter
Frühislamische Historiographie, Miskawayh, aṭ-Ṭabarī, Geschichtskonzept, Quellenarbeit, ḥamdala, isrād-Methode, Taǧārib al-umam, Überlieferung, Tradition, Gesellschaftlicher Wandel, Säkularität, Islamwissenschaft, Politische Geschichte, Historiographische Methode.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Methoden und Konzepte frühislamischer Historiker anhand der Werke von aṭ-Ṭabarī und Miskawayh im Kontext des gesellschaftlichen Wandels.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die frühislamische Historiographie, die Biographien der beiden Autoren, deren methodisches Vorgehen bei der Quellenarbeit sowie deren unterschiedliche Ansätze in der Geschichtsinterpretation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch einen Vergleich der historiographischen Ansätze von aṭ-Ṭabarī und Miskawayh ein tieferes Verständnis für die Geschichtsschreibung und das intellektuelle Milieu dieser Periode zu erlangen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt einen quellenkritischen Ansatz, indem sie insbesondere die Vorworte (muqaddima) der Originalwerke analysiert und diese mit biographischen Daten und sekundärwissenschaftlichen Diskursen in Verbindung bringt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse der Strukturen frühislamischer Geschichtswerke, unterteilt in die Vorworte und methodischen Ansätze von Miskawayh und aṭ-Ṭabarī.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen zählen: Frühislamische Historiographie, aṭ-Ṭabarī, Miskawayh, Quellenkritik, Überlieferung, isrād-Methode, säkulare und religiöse Geschichtskonzepte.
Worin liegt der Hauptunterschied zwischen aṭ-Ṭabarī und Miskawayh laut der Autorin?
Der Hauptunterschied liegt laut der Autorin in der säkularen und pragmatischen Ausrichtung Miskawayhs im Gegensatz zur deutlich religiös geprägten, gottzentrierten Historiographie aṭ-Ṭabarīs.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der isrād-Methode bei aṭ-Ṭabarī?
Die isrād-Methode wird bei aṭ-Ṭabarī als grundlegend für seine Autorität und seine akribische Quellenarbeit angesehen, die stark an der Tradition der Hadith-Wissenschaften orientiert ist.
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- Marina Schmidt (Autor:in), 2010, Methoden und Konzepte frühislamischer Historiker im gesellschaftlichen Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/183253