Bereits die erste Lektüre von Ingeborg Bachmanns Malina lässt den Leser die
Komplexität des Romans erahnen und zwingt ihn unweigerlich in die Position des
eigenständigen Interpreten. Je nach Rezeptionserfahrung und den aus dem Text
gewonnenen Erkenntnissen werden unterschiedliche Schwerpunkte und Zugangsweisen
zu einem Deutungsversuch gewählt. So lassen sich im Rahmen der Malina-Forschung
zahlreiche Herangehensweisen – unter anderem sprachphilosophische, psychoanalytische,
strukturalistische oder feministische – ausmachen. Der Hinweis auf die Vielschichtigkeit
von Malina soll das Unterfangen, einen weiteren Interpretationsansatz zu finden,
keinesfalls für sinnlos erklären, sondern lediglich darauf aufmerksam machen, dass eine
Auslegung eben nur eine unter vielen möglichen ist. Da sich Ingeborg Bachmanns Roman
nicht einfach als Geschichte einer äußeren Handlung lesen lässt, ist der Ausgangspunkt
einer jeden Interpretation in der eigensten Erfahrung im Umgang mit dem Text zu suchen:
„Man muß überhaupt ein Buch auf verschiedene Arten lesen können und es heute anders lesen als
morgen.“
Bei der Lektüre von Malina fallen als erstes die Erzählschwierigkeiten ins Auge. Mit eben
diesen wird die Arbeit sich zunächst beschäftigen und verdeutlichen, dass sie die
unausweichliche Folge der Verkettung von Identitäts- und Sprachproblematik darstellen.
Der Versuch die tiefgreifende Identitätsbeschädigung in Malina erzählerisch zu
rekonstruieren und den Prozess einer Identitätsfindung zu vermitteln, muss zwangsweise
an die Grenzen der Möglichkeiten des Erzählens stoßen, handelt es sich doch um den
Versuch „einer Artikulation von 'Unerzählbarem'“. Inwieweit es Ingeborg Bachmann mit
ihrem Roman letztlich aber doch gelingt, diese Grenze zu überschreiten und zu erzählen,
was nicht erzählbar ist, soll im Rahmen einer Strukturanalyse beleuchtet werden.[...]
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Sprache und Identität
1 Gesellschaft und Sprache
2 Die Rolle der Sprache bei der Bildung von Identität
3 Die Zuschreibung der Identität
4 Identitätsbehauptungen
5 Fazit
III Die (Un-)Möglichkeit des Erzählens: Eine Analyse der Erzählstruktur des Romans Malina
1 Die Personen
1.1 Ivan
1.2 Malina
1.3 Ich
2 Einheit von Zeit und Ort
2.1 Die Zeit
2.2 Der Ort
3 Die Montage
3.1 Die Telefongespräche
3.2 Die Briefe
3.3 Das Interview
3.4 Die Träume
3.5 Die Malina-Dialoge
3.6 Die Bezüge auf Literatur und Musik
IV Die sprachliche Zurichtung von Identität in Malina
1 Glücklich mit Ivan: Die Dokumentation eines zerstörten Ich
1.1 Liebesutopie oder Der Versuch eines Identitätsentwurfs
1.2 Die Sprachspiele zwischen Ich und Ivan
2 Der dritte Mann: Die Rekonstruktion der Identitätsdeformation
2.1 Die Sprache der Träume
2.2 Der sprachsymbolische Aufbau der Welt im Ich
3 Von letzten Dingen: Die Transformation als letzte Behauptung
3.1 Die Dialoge zwischen Ich und Malina
3.2 Das Verschwinden in der Wand oder Die Unhintergehbarkeit der symbolischen Ordnung
V Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den engen Zusammenhang von Sprache und Identitätsbildung im Roman "Malina" von Ingeborg Bachmann, wobei die zentrale Forschungsfrage darauf abzielt, wie die Konstitution von Identität durch Sprache thematisiert wird und wie die inhaltliche Identitätsproblematik in die Struktur des Erzählens umschlägt.
- Soziologische Identitätstheorien (insbesondere G.H. Mead und Erving Goffman)
- Die Erzählstruktur und Kompositionsmethode des Romans "Malina"
- Die Funktion von Sprache und Kommunikation für das Ich
- Transformationen und Deformationen des Identitätsentwurfs
- Die Rolle der symbolischen Ordnung und des Erzählens
Auszug aus dem Buch
1 Gesellschaft und Sprache
Dass Gesellschaft und Sprache zusammenhängen, ist offensichtlich: Jede Gesellschaft besitzt ihre eigene Sprache. Doch wie sie zusammenhängen, lässt sich nicht so leicht klären. Bringt eine bestimmte Gesellschaft ihre eigene Sprache hervor, oder formt eine Sprache die Gesellschaft? Lassen sich Sprache und Gesellschaft überhaupt voneinander trennen oder sind sie gar untrennbar miteinander verwoben? Dies sind Fragen, die auch George Herbert Mead (1863 - 1931) sich so gestellt haben könnte, liefert er in seinem Werk Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus doch äußerst schlüssige Antworten.
Ausgehend von der Fragestellung, was „nun der grundlegende Mechanismus [sei], durch den der gesellschaftliche Prozeß angetrieben wird“, sucht Mead die Grundzüge menschlicher Sozialität aufzudecken, wobei deutlich wird, dass bei ihm nicht die Struktur von Gesellschaft, sondern ihr prozessualer Charakter im Vordergrund steht. Im Rahmen seiner Kommunikationstheorie gelangt er zu der Auffassung, dass „das Grundprinzip der gesellschaftlichen Organisation des Menschen die Kommunikation zu sein“ scheint.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Die Einleitung führt in die Komplexität von Bachmanns Roman ein und definiert den methodischen Rahmen der Untersuchung, welche Identitätsproblematik und Sprachstruktur verknüpft.
II Sprache und Identität: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen des Symbolischen Interaktionismus nach G.H. Mead sowie Aspekte der Selbstdarstellung und Identitätsarbeit nach Goffman.
III Die (Un-)Möglichkeit des Erzählens: Eine Analyse der Erzählstruktur des Romans Malina: Hier wird die spezifische Kompositionsweise des Romans, inklusive Figurenkonzeption, Zeit-Ort-Einheiten und die verschiedenen Textgattungen wie Telefonate, Briefe und Träume, detailliert analysiert.
IV Die sprachliche Zurichtung von Identität in Malina: In diesem Hauptteil wird die Identitätsentwicklung des Ichs entlang der drei Romanabschnitte als Prozess der sprachlichen Konstruktion und Dekonstruktion untersucht.
V Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese, die den unauflösbaren Zusammenhang von Identität und sprachlicher Organisation im Roman bestätigt.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Malina, Identität, Sprache, Erzählstruktur, Symbolischer Interaktionismus, G.H. Mead, Erving Goffman, Identitätsdeformation, Selbstdarstellung, Ich-Erzählung, symbolische Ordnung, Rollenübernahme, Sprachspiel, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen Identitätsbildung und sprachlicher Struktur in Ingeborg Bachmanns Roman "Malina".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf soziologischen Identitätstheorien, der Analyse der komplexen Erzählstruktur des Romans und der Untersuchung, wie Sprache Identität sowohl konstituiert als auch deformiert.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwieweit die Identitätskonstitution im Roman durch Sprache thematisiert wird und wie die inhaltliche Identitätsproblematik in die Erzählstruktur übergeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine strukturanalytische Vorgehensweise gewählt, die durch den Rückgriff auf sozialphilosophische und psychologische Identitätstheorien (Mead, Goffman) untermauert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die spezifische Erzählstruktur (Montage von Briefen, Telefonaten, Träumen) und untersucht die Identitätsentwürfe des Ichs im Kontext seiner Interaktionen mit den Figuren Ivan und Malina.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identität, Sprache, Malina, Erzählstruktur, Interaktionismus und Sprachspiel.
Inwiefern spielt die Figur Ivan für die Identität des Ichs eine Rolle?
Ivan fungiert als Ziel eines utopischen Identitätsentwurfs, dessen Scheitern das Ich erst zur schmerzhaften Auseinandersetzung mit der eigenen Identitätsdeformation zwingt.
Warum wird Malina als eine "Spaltung" des Ichs interpretiert?
Malina wird als rationale, objektivierende Komponente des Ichs verstanden, die das emotionale, leidende Ich bei der sprachlichen Bewältigung seiner Existenzkrise begleitet.
Welche Bedeutung hat das "Verschwinden in der Wand"?
Das Verschwinden symbolisiert das endgültige Aufgehen des Ichs in der sprachsymbolischen Ordnung, womit die Möglichkeit einer individuellen Identität jenseits der gesellschaftlich vorgegebenen Strukturen endet.
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- B.A. Vivien Wolff (Author), 2010, Die sprachliche Zurichtung von Identität in Ingeborg Bachmanns 'Malina', Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/183212