Die Entwicklung und die Terroraktionen der aus Japan stammenden Endzeitsekte Aum Shinrikyô sind aus Sicht zahlreicher Beobachter charakteristisch für die Entstehung eines Terrorismus "neuerer" Prägung. Insbesondere der Saringas-Anschlag auf die Tokyoter U-Bahn am 20. März 1995 wird als Wendepunkt in der Vorgehensweise international operierender Terrororganisationen betrachtet.
In der Wissenschaft und in der politischen Praxis führten die Aktivitäten der Aum-Sekte zu einem grundlegenden Umdenken in den Sicherheitsbeziehungen der westlichen Industrienationen, insbesondere in den USA. Neue und akute, bis dato allenfalls von der Theorie prognostizierte Bedrohungsszenarien taten sich auf, als die Fernsehbilder von erstickenden und schwer verletzten Passanten in Tokyo eindringlich dokumentierten, dass die Staatenwelt ihr Besitzmonopol bei Massenvernichtungswaffen (MVW) eingebüßt zu haben schien. Ein chemischer Kampfstoff war – erstmals für jedermann eindeutig nachvollziehbar – nun auch einer terroristischen Gruppierung in die Hände gefallen. Das bisherige "Tabu", solche Waffen unter keinen Umständen für terroristische Belange einzusetzen, war gebrochen.
Die Vermutung liegt nahe, dass die Terroraktionen der Aum-Sekte als Indikator für das Entstehen einer bisher unbekannten Form organisierter politischer Gewalt durch substaatliche Akteure gewertet werden könnten. Markieren sie gar einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die gesamte Entwicklung des internationalen Terrorismus nach dem Ende des Kalten Krieges?
Die vorliegende Analyse stellt zunächst die besonderen Merkmale der Aum-Sekte anhand ihrer historischen Entwicklung und Radikalisierung bis zum Beginn terroristischer Aktivitäten dar. Auf dieser Basis wird eine vorläufige Einschätzung abgegeben, ob von Aum Shinrikyô zukünftig weitere Terroraktivitäten erwartet werden können. Außerdem wird erörtert, inwiefern terroristische Anschläge mit Hilfe von MVW generell als Ausdruck einer neuen Form von Terrorismus aufgefasst werden müssen. Es folgen eine Erläuterung der Zusammensetzung und Wirkung der einzelnen Waffentypen, eine Abschätzung künftiger Risiken durch Terroraktionen mit Massenvernichtungsmitteln und eine Diskussion möglicher Gegenstrategien zur Abwehr von Terrorismus mit Nuklear-, Bio- oder Chemiewaffen. Abschließend wird die übergreifende Frage beantwortet, ob und inwieweit die Anschläge der Aum-Sekte als Präzedenzfall einer neuen Form groß angelegten Terrors mit Hilfe von MVW angesehen werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Fallbeispiel Aum Shinrikyô: apokalyptisch-religiös motivierte Terroranschläge als Ausdruck eines neuen terroristischen Paradigmas?
2.1 Zur Entstehungsgeschichte der Aum-Sekte
2.2 Hintergründe: Glaubensmotive, ideologische Ansichten und Ziele
2.3 Innere Struktur und äußere Expansion von Aum Shinrikyô
2.3.1 Mitgliederentwicklung und internationale Ausdehnung
2.3.2 Binnengliederung und Finanzierung
2.4 Radikalisierung und zunehmende Kriminalisierung
2.4.1 Wachsendes Misstrauen der japanischen Gesellschaft, soziale Abkapselung und steigendes Aggressionspotenzial der Sekte
2.4.2 Die Bewaffnung der Sekte: vom „Anrecht auf Selbstverteidigung“ zur „Beschleunigung des Armageddon“
2.4.3 Chronologie der Terroraktivitäten
2.5 Ausblick: Aum Shinrikyô – auch zukünftig eine Bedrohung?
3 Was ist das Neue am new terrorism? – Versuch einer Erläuterung und Abgrenzung
3.1 Kennzeichnung der klassischen Terrorismus
3.1.1 Die Zielebene
3.1.2 Die Akteursebene
3.1.3 Die Aktionsebene
3.1.4 Die Opferebene
3.2 Das neue terroristische Paradigma – Merkmale und Abgrenzung vom klassischen Terrorismus
3.2.1 Die Zielebene
3.2.2 Die Akteursebene
3.2.3 Die Aktionsebene
3.2.4 Die Opferebene
3.3 Der Neue Terrorismus im Widerstreit: Erfordert das erstmalige Auftreten von NBC-Terror eine grundsätzliche Neubestimmung des Terrorismusphänomens?
4 Die Proliferation von Massenvernichtungswaffen an substaatliche Akteure: reale Bedrohung für Frieden und Sicherheit?
4.1 Kategorisierung der Massenvernichtungswaffen und Folgenabschätzung eines möglichen Anschlages
4.1.1 Nuklearwaffen
4.1.2 Biologische Waffen
4.1.3 Chemische Waffen
4.1.4 Exkurs: Folgen eines Einsatzes von NBC-Waffen
4.2 Einschätzung künftiger Risiken durch den NBC-Terrorismus
4.2.1 Nuklearwaffen
4.2.2 Biologische Waffen
4.2.3 Chemische Waffen
4.3 Gegenstrategien
5 Fazit: Aum Shinrikyô als empirischer Präzedenzfall der New-terrorism-Konzeptionen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Terroranschläge der japanischen Endzeitsekte Aum Shinrikyô, insbesondere der Saringas-Anschlag in der Tokyoter U-Bahn 1995, als ein signifikanter Indikator für die Entstehung eines „neuen Terrorismus“ (new terrorism) gewertet werden können. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob diese Ereignisse einen Paradigmenwechsel in der internationalen terroristischen Vorgehensweise markieren, insbesondere durch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen (MVW).
- Historische und ideologische Entwicklung der Aum-Sekte zur terroristischen Organisation.
- Theoretische Abgrenzung zwischen klassischem Terrorismus und dem Phänomen des new terrorism.
- Analyse der Proliferation und Anwendung von Massenvernichtungswaffen (NBC-Waffen) durch substaatliche Akteure.
- Bewertung künftiger Risiken durch NBC-Terrorismus und Diskussion internationaler Gegenstrategien.
Auszug aus dem Buch
2.4.3 Chronologie der Terroraktivitäten
Wenden wir uns nun der Frage zu, welchen konkreten Gebrauch die Aum-Sekte von ihren Waffenbeständen gemacht hat und welche Anschläge durch sie verübt wurden.
Im Zeitraum von 1990 bis 1995 war Aum Shinrikyô für mindestens 20 Attentate verantwortlich – darunter zehn mit biologischen und weitere zehn mit chemischen Kampfstoffen (vgl. Kaplan 2000: 207). Hierunter fallen vor allem zahlreiche Mordversuche, so etwa Anschläge auf den japanischen Generalstaatsanwalt und auf den Präfekten der Region Tokyo (vgl. US Senate [Hrsg.] 1995). Im April 1990 versprühten Sektenmitglieder von einem Lastwagen aus gasförmiges Botulinum-Toxin in der Region Tokyo sowie vor US-amerikanischen Militärbasen (vgl. hierzu und zum Nachfolgenden Kaplan 2000: 216-220; Olson 2002; Stern 2000: 207-210; Thränert 1999: 11; Tucker 1996: 167-169). Im Sommer 1993 setzten Aum-Angehörige Anthrax-Sporen vom Dach eines sekteneigenen Gebäudes im Zentrum von Tokyo frei. Im Dezember desselben Jahres folgte ein Mordanschlag auf Daisaku Ikeda – einen religiösen Rivalen Asaharas – mit Hilfe einer Sarin-gefüllten Zerstäuberspritze, deren Inhalt in das Gesicht des Opfers gesprüht wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle von Aum Shinrikyô als wegweisendes Beispiel für einen Terrorismus neuer Prägung und führt in die zentrale Fragestellung der Arbeit ein.
2 Das Fallbeispiel Aum Shinrikyô: apokalyptisch-religiös motivierte Terroranschläge als Ausdruck eines neuen terroristischen Paradigmas?: Dieses Kapitel analysiert die Entstehung, Ideologie, Struktur und die Radikalisierung der Aum-Sekte bis hin zur konkreten Durchführung terroristischer Aktivitäten.
3 Was ist das Neue am new terrorism? – Versuch einer Erläuterung und Abgrenzung: Hier erfolgt eine theoretische Einordnung, indem der klassische Terrorismus dem neuen terroristischen Paradigma gegenübergestellt und auf verschiedene Analyseebenen untersucht wird.
4 Die Proliferation von Massenvernichtungswaffen an substaatliche Akteure: reale Bedrohung für Frieden und Sicherheit?: Das Kapitel kategorisiert NBC-Waffen, bewertet das Risiko ihrer Beschaffung durch substaatliche Akteure und diskutiert internationale Gegenstrategien.
5 Fazit: Aum Shinrikyô als empirischer Präzedenzfall der New-terrorism-Konzeptionen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet, inwieweit die Aum-Sekte tatsächlich als empirischer Beleg für eine neue Form des Terrorismus dienen kann.
Schlüsselwörter
Aum Shinrikyô, Terrorismus, new terrorism, Massenvernichtungswaffen, MVW, NBC-Terrorismus, Radikalisierung, Ideologie, Endzeitsekte, Proliferation, Shôkô Asahara, Saringas-Anschlag, Sicherheitspolitik, Bedrohungsszenarien, Terrorismusprävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Terroranschläge der japanischen Sekte Aum Shinrikyô und bewertet diese als Beispiel für eine neue Form des internationalen Terrorismus, die durch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen gekennzeichnet ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Entwicklung einer religiösen Sekte zur terroristischen Organisation, die theoretische Unterscheidung zwischen klassischem und neuem Terrorismus sowie die Gefahren durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen an substaatliche Akteure.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die Anschläge von Aum Shinrikyô einen Paradigmenwechsel im internationalen Terrorismus markieren oder ob sie als singuläre Ereignisse zu bewerten sind.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine politikwissenschaftliche Analyse durch, die auf der Auswertung aktueller Fachliteratur, Berichten von Untersuchungsausschüssen und einschlägigen Sicherheitskonzepten basiert, um das Terrorismusphänomen in verschiedenen Dimensionen (Ziel, Akteur, Aktion, Opfer) zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung des Fallbeispiels Aum Shinrikyô, eine theoretische Abgrenzung des „neuen Terrorismus“ vom klassischen Modell sowie eine technische und strategische Analyse der Gefahren durch den Einsatz chemischer, biologischer und nuklearer Waffen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Aum Shinrikyô, NBC-Terrorismus, Massenvernichtungswaffen, Paradigmenwechsel im Terrorismus und Proliferation charakterisiert.
Wie begründete Aum Shinrikyô ihre gewaltsamen Aktionen gegen die Außenwelt?
Die Sekte sah sich als „Vorreiter eines apokalyptischen Reinigungsprozesses“. Asahara nutzte Endzeitprophezeiungen und ein Feindbild der japanischen Gesellschaft, um die Gewalt als Mittel zur Beschleunigung des Armageddon und zur Selbstverteidigung zu legitimieren.
Warum wird das Handeln von Aum Shinrikyô als ein „neuer“ Typ von Terrorismus diskutiert?
Die Diskussion entzündet sich an der Kombination aus fanatischer, oft apokalyptischer Ideologie, einer hohen Bereitschaft zur massenhaften Tötung durch unkonventionelle Waffen und der diffusen, nicht rein politisch-rationalen Motivlage der Akteure.
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- Dipl.-Pol., MSc (IR) Jan-Henrik Petermann (Author), 2002, Terrorismus im Wandel: die Weltuntergangssekte Aum Shinrikyô als Fallbeispiel und Wegbereiter eines neuen terroristischen Paradigmas?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/182608