Neunzig Jahre sind seit der gewaltsamen Vertreibung der Armenier aus dem Osmanischen Reich vergangen, doch nach wie vor bleiben wesentliche Fragen unbeantwortet. Dabei mangelt es nicht am öffentlichen Interesse, wie durch zahlreiche Zeitungsberichte und Veröffentlichungen zu belegen wäre. Die Aufarbeitung der Geschehnisse gestaltet sich nicht zuletzt deswegen problematisch, weil die Positionen unterschiedlicher kaum sein könnten: Während die Vertreibung im kollektiven Gedächtnis der Armenier als sayfo (das Jahr des Schwertes, 1915) oder mets jerern (der große Frevel/das große Verbrechen) einzog, wird in der Türkei von offizieller Seite nach wie vor jede Verantwortung für die Vertreibungen und den damit einhergehenden Massakern abgestritten. Außerhalb Kleinasiens hat sich weitestgehend die armenische Lesart durchsetzen können, wenngleich die historische Erschließung nach wie vor lückenhaft ist.
Bedauerlicherweise sind die Motive für eine Auseinandersetzung mit den Vertreibungen häufig nicht im Interesse der Aufklärung der historischen Ereignisse oder dem Gedenken an die Opfer begründet. So werden die armenischen Opfer instrumentalisiert, um einen befürchteten EU-Beitritt der Türkei zu verhindern, oder zumindest zu verzögern.
Die unterschiedliche Umgangsweise mit den Vertreibungen soll nun im Verlauf der vorliegenden Arbeit thematisiert werden. Dabei wird zunächst die Aufarbeitung in den betroffenen Nationen, der Türkei und Armenien, betrachtet und schließlich mit der vermeintlich objektiveren Sichtweise des westlichen Auslandes verglichen werden. Hierzu bietet sich ein Blick nach Deutschland besonders an, da dem Deutschen Reich, durch sein Bündnis mit dem Osmanischen Reich, eine Mitwisserschaft wenn nicht gar eine Mittäterschaft unterstellt werden kann. Die Betrachtungen zur öffentlichen und wissenschaftlichen Erinnerung sollen ferner zur Erörterung der Frage herangezogen werden, wie in der Gegenwart mit den Opfern und Tätern jener Zeit umgegangen wird.
(Anm.: Die hier abgebildete Einleitung enthält keine Fußnoten)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Forschungsstand und verwendete Literatur
2. Die Vertreibung der Armenier aus historischer Sicht
2.1 Die gesetzliche Gleichstellung und das Ende der Toleranz
2.2 Der Artikel 61 und das hamidische System
2.3 Die Pogrome von 1895 am Vorabend der Vertreibung
2.4 „La question armenienne n’existe plus“
2.5 Die Rekonstruktion des Genozids
3. Die Vertreibung der Armenier aus der Täterperspektive
3.1 Die Verdrängung des Genozids
4. Die Vergangenheitsbewältigung der Opfer
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die systematische Vertreibung der Armenier aus dem Osmanischen Reich im Jahr 1915 unter ethischen Gesichtspunkten. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich die Aufarbeitung des Völkermords in der Türkei und in Armenien gestaltet, wie die westliche Welt – insbesondere Deutschland – auf die Ereignisse blickt und wie in der Gegenwart mit den Opfern und Tätern jener Zeit umgegangen wird.
- Historische Analyse der Vertreibung und der Bedingungen im Osmanischen Reich
- Untersuchung der Täterperspektive und der staatlichen Motive
- Betrachtung der Vergangenheitsbewältigung durch die armenischen Opfer
- Kritische Auseinandersetzung mit der Genozid-Leugnung in der modernen Türkei
Auszug aus dem Buch
Die Pogrome von 1895 am Vorabend der Vertreibung
Die von Abdülhamîd II. erlassenen restriktiven Maßnahmen (Hamidische System) konnten die Zunahme von armenischen Aufständen in den kurdisch-armenischen Gebieten im Osten des Landes nicht verhindern. Die Aufstände entstanden aus mehreren Gründen heraus: Einerseits versuchten armenische Nationalisten die geschwächte Situation des Vielvölkerstaates auszunutzen und die vermeintlichen Schutzmächte der Christen zu einem Eingreifen zu bewegen, andererseits muss man sie als eine Reaktion auf muslimische Übergriffe, vor allem durch Kurden und Tscherkessen verstehen. Dass sich gerade Tscherkessen und Kurden bei den Übergriffen auf Armenier hervortaten ist kaum verwunderlich. Kurden, wie auch Tscherkessen waren soziale Randgruppen im Osmanischen Reich: Während die Kurden, ihrer traditionellen Lebensweise nachgingen und somit von gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen ausgeschlossen blieben, kamen die Tscherkessen entwurzelt und besitzlos ins Land.
Die Armenier waren hingegen wirtschaftlich meist gut gestellt, armenische Kaufleute konnten auf weit verstrickte Handelsnetze zurückgreifen, die armenischen Handwerker waren die Antriebskraft der regionalen Wirtschaft. Auch politisch hatten die Armenier Einfluss gewinnen können. Dennoch lassen sich die Ursachen für die Übergriffe auf die Armenier nicht ausschließlich auf den sozialen Neid reduzieren. Die wirtschaftliche Unterlegenheit wurde für viele Kurden und Tscherkessen erst dadurch schmerzhaft, dass diejenigen welche nicht nach den Gesetzen des Propheten lebten, deutlich besser gestellt waren. Die Auseinandersetzungen zwischen den Bevölkerungsgruppen wurden durch kulturelle Verschiedenheit und vermeintlich religiöse Motive erst ermöglicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Vertreibung der Armenier und Diskussion des Forschungsstandes sowie der Quellensituation.
2. Die Vertreibung der Armenier aus historischer Sicht: Detaillierte historische Analyse der sozialen und politischen Entwicklungen im Osmanischen Reich, die zu den Pogromen und schließlich zum Genozid führten.
3. Die Vertreibung der Armenier aus der Täterperspektive: Untersuchung der Motive und der Gruppendynamik auf Täterseite sowie Analyse der systematischen Verdrängung und Leugnung des Völkermords.
4. Die Vergangenheitsbewältigung der Opfer: Betrachtung der traumatischen Folgen für die Überlebenden und der Schwierigkeiten einer angemessenen gesellschaftlichen Aufarbeitung.
5. Schluss: Resümee über die Notwendigkeit einer historischen Aufklärung und die anhaltende Bedeutung des Themas in den internationalen Beziehungen.
Schlüsselwörter
Genozid, Armenien, Osmanisches Reich, Vertreibung, Völkermord, Jungtürken, Erinnerungskultur, Aufarbeitung, Menschenrechte, 1915, Hamidisches System, Täterschaft, Opfer, Diaspora, Geschichtspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Vertreibung der Armenier aus dem Osmanischen Reich 1915 aus einer ethischen Perspektive und untersucht dabei sowohl die historischen Abläufe als auch die heutige politische Erinnerungskultur.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die historische Genese des Konflikts, die Rolle der Täter, die Bewältigungsstrategien der Opfer und die anhaltende Leugnung des Völkermords in der modernen Türkei.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Aufarbeitung der Ereignisse in den beteiligten Nationen zu vergleichen und zu erörtern, wie heute mit der Verantwortung für das begangene Unrecht umgegangen wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse, der Auswertung historischer Quellensammlungen sowie der Kontextualisierung zeitgenössischer Berichte und wissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Ereignisse bis 1915, eine Untersuchung der Täterperspektive und eine Analyse der Reaktionen der Nachfolgegesellschaften auf das historische Erbe.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Genozid, Vertreibung, historische Verantwortung, Erinnerungskultur und die politische Rolle der Türkei als Rechtsnachfolgerin definiert.
Inwiefern spielt der "Artikel 61" eine Rolle in der Argumentation?
Der Artikel 61 wird als Instrument behandelt, das die Sicherheit der Armenier garantieren sollte, dessen faktische Wirkungslosigkeit jedoch die Enttäuschung der armenischen Bevölkerung und die Eskalation der Spannungen mit befeuerte.
Warum wird die "Leugnung" in der Türkei als zentraler Punkt für die heutige Situation gesehen?
Die Leugnung wird als Hindernis für eine notwendige Aussöhnung und als Verletzung der Würde der Opfer dargestellt, da sie dem türkischen Volk das Recht auf eine aufrichtige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit vorenthält.
- Arbeit zitieren
- M. A. Aaron Faßbender (Autor:in), 2005, »La question armenienne n’existe plus« - Die Vertreibung der Armenier aus ethischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/182518