Der israelisch-palästinensische Konflikt zwischen jüdischen Israelis und muslimischen Ara-bern ist tief verwurzelt. Die Fronten zwischen den Konfliktparteien sind so stark verhärtet, dass einige Autoren diesen Konflikt bereits als unlösbar eingestuft haben (vgl. Aharoni 2007, S. 264). Zahlreiche Versuche, den Konflikt zu befrieden, sind bislang gescheitert. Umso größer waren die Hoffnungen, die auf das Konfliktlösungspotenzial der Zivilgesellschaft gesetzt wurden. Durch die Osloer Friedensabkommen von 1993 und 1995 wurden Israelis und Palästinenser dazu ermuntert, einander kennenzulernen und Beziehungen zueinander aufzubauen. Die Hoffnung bestand darin, ein friedensförderndes und positives Grundklima in beiden Gesellschaften zu schaffen, das sich wiederum auf die politische Führungsebene niederschlagen sollte, um auf lange Sicht gesehen ein friedliches Miteinander zu ermöglichen.
Der Zivilgesellschaft wird in der Literatur eine nicht unbedeutende Rolle zugeschrieben, wenn es darum geht, tiefe Konflikte in eine positive Richtung zu transformieren (vgl. Kahanoff und Salem 2007, S. 10 -11. Doch Autoren, die sich mit dem Friedensprozess befassen, untersuchen oft nur die großen Meilensteine in Form offizieller Abkommen und weniger die Zivilgesellschaft (vgl. Beck 2003; Hassassian und Kaufmann o.J.; Shlaim 2005). In Anbetracht der Komplexität des Konflikts, die in der Vielschichtigkeit der Interessen, in der Dauer, in der Vielzahl der Akteure begründet liegt, ist bereits die Beantwortung der Frage nach Akteuren und Interessen eine Herausforderung und ist die Vernachlässigung der Zivilgesellschaft sehr wohl nachvollziehbar. Doch greifen Erläuterungen, die lediglich die politische Führungsebene einbeziehen, zu kurz, wenn es darum geht, einen Gesamtüberblick zu erhalten. Die vorliegende Arbeit widmet sich vor dem Hintergrund des Israel-Palästina-Konflikts der Beantwortung der Frage, welche Rolle die Zivilgesellschaft bei der Transformation des Konflikts zwischen Israel und Palästina gespielt hat. Mithilfe der Analyse des People-to-People-Dialogues soll die Untersuchung dazu beitragen, die beschriebene Forschungslücke wenn möglich zu verkleinern. Im Gegensatz zu Government-to-Government-Verhandlungen (Verhandlungen zwischen Regierungen) konzentriert sich der People-to-People-Ansatz auf die zivilgesellschaftliche Komponente in Konflikten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Einführung
1.2 Fragestellung und Ziel der Arbeit
1.3 Methode
1.4 Begründung des Untersuchungszeitraumes
2 Überblick über die theoretischen Konzepte des P2P
3 Zugrunde liegendes Konfliktverständnis
3.1 Allgemeine Begriffserklärung des Konfliktes
3.2 Verhältnis der Konfliktparteien zueinander
4 Zivilgesellschaft als theoretische Grundlage für den P2P
4.1 Normative Ausrichtung von Zivilgesellschaft
4.2 Bezugsrahmen von Zivilgesellschaft
4.3 Die nahöstliche Debatte von Zivilgesellschaft
4.4 P2P als Werkzeug der Zivilgesellschaft
5 P2P innerhalb ziviler Konfliktbearbeitung
5.1 Peacebuilding mittels des People-to-People-Dialogues
5.2 Bedeutung von Konflikttransformation für den P2P
5.3 Strategien der Konflikttransformation
5.4 Verständnis von Dialog als Methode für den P2P
6 Wirkungsebenen des zivilgesellschaftlichen Dialogs
7 P2P innerhalb der vorgestellten theoretischen Konzepte
8 Überblick
9 Kontext
9.1 Konflikt zwischen Israel und Palästina
9.2 Politische Meilensteine im Untersuchungszeitraum
9.3 Zivilgesellschaft Israel
9.3.1 Besonderheiten der israelischen Zivilgesellschaft in Israel
9.3.2 Gesellschaftsstruktur Israels
9.3.3 Entwicklung der israelischen Zivilgesellschaft
9.3.4 Einstellung der Zivilgesellschaft zum Friedensprozess
9.3.5 Akteure der israelischen Zivilgesellschaft
9.4 Zivilgesellschaft in Palästina
9.4.1 Besonderheiten der palästinensischen Zivilgesellschaft
9.4.2 Gesellschaftsstruktur Palästinas
9.4.3 Entwicklung der Zivilgesellschaft in Palästina
9.4.4 Akteure der palästinensischen Zivilgesellschaft
9.5 Zivilgesellschaftliche Akteure Israels und Palästinas im Vergleich
10 People-to-People-Dialogue zwischen Israel und Palästina
10.1 Rechtlicher Rahmen
10.2 Ziele des zivilgesellschaftlichen Dialogs
10.3 People-to-People-Aktivitäten im Zeitraum von 1993-2000
10.4 Beispiele für P2P-Aktivitäten
10.4.1 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Two
10.4.2 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Three
10.4.3 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Four
10.4.4 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Five
10.4.5 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Six
10.4.6 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Seven
10.4.7 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Eight
10.4.8 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Nine
10.5 Finanzierung der People-to-People-Dialogue-Projekte
10.5.1 Allgemeines
10.5.2 Kontraproduktiver Einfluss der Geldgeber
11 Warum der P2P als gescheitert gilt
12 Politische und strukturelle Beeinträchtigungen des P2P
12.1 Grundproblematik
12.2 Fehlende Unterstützung durch die politische Führungsebene
12.3 Fehlende übergeordnete Strategie
12.4 Negative Auswirkungen der Besatzung auf P2P-Aktivitäten
12.4.1 Auswirkungen der Besatzung auf den P2P am Beispiel der Bewegungsfreiheit
12.5 Die Folgen asymmetrischer Machtverhältnisse für den P2P
12.5.1 Der Einfluss asymmetrischer Verhältnisse auf die Umsetzung des P2P
12.5.2 Einfluss asymmetrischer Verhältnisse auf P2P-Teilnehmer
12.5.3 Einfluss asymmetrischer Verhältnisse auf die Motivation der Akteure
13 Blockierung des P2P durch die Zivilgesellschaft
13.1 Unterschiedliche Erwartungen und Motivation
13.1.1 Palästinensische Erwartungen und Motivationen für die Teilnahme am P2P
13.1.2 Israelische Erwartungen und Motivationen für die Teilnahme am P2P
13.2 Beeinträchtigung des P2P durch mangelhafte Dialogkultur
13.3 Sprachbarrieren
13.4 Unüberwindbare Konfliktnarrative
13.4.1 Exkurs: Konträre Narrative am Beispiel der Staatsgründung Israels
13.5 Kontraproduktive Auswirkung des sozialen Umfeldes auf P2P
13.5.1 Einfluss des sozialen Umfeldes auf palästinensische P2P-Aktivisten
13.5.2 Einfluss des sozialen Umfeldes auf israelische P2P-Aktivisten
13.6 Fehlende Breitenwirkung des P2P
13.7 Fehlende Nachhaltigkeit der P2P-Projekte
13.8 Fehlende mediale Öffentlichkeit
14 Teilerfolge des People-to-People-Dialogues
15 Gründe für das Scheitern des P2P
15.1 Fazit der Auswertung
15.2 Ausblick auf die künftige Entwicklung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit analysiert die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Konflikttransformation im Israel-Palästina-Konflikt im Zeitraum von 1993 bis 2000. Das primäre Ziel besteht darin zu untersuchen, welche Handlungsmöglichkeiten zivilgesellschaftliche Akteure hatten, welche Hürden den "People-to-People-Dialogue" (P2P) prägten und warum dieser Dialog trotz hoher Erwartungen als gescheitert betrachtet wird.
- Die theoretische Verortung von Zivilgesellschaft und Peacebuilding im P2P-Kontext.
- Die Analyse der politischen und strukturellen Rahmenbedingungen im Israel-Palästina-Konflikt.
- Die Charakterisierung der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft als heterogene Akteure.
- Die Untersuchung konkreter P2P-Projekte und deren Finanzierung sowie Hindernisse.
- Die kritische Auswertung von Teilerfolgen und strukturellen Blockaden des Dialogs.
Auszug aus dem Buch
10.4.1 Zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf Ebene von Track Two
Auf der Ebene von Track Two befinden sich Organisationen, die sich professionell mit Peacebuilding auseinandersetzen. Besonders aktiv sind im konkreten Fall des Israel-Palästina-Konflikts schon immer Frauengruppen gewesen. Als Beispiel für Aktivitäten im Bereich von Track Two wird daher die Kooperation zwischen den beiden unabhängigen Frauenorganisationen Bat-Shalom – The Jerusalem Women’s Action Center in West Jerusalem (israelisch) und der palästinensischen Frauenorganisation Marcaz al-Quds la l-Nissah – The Jerusalem Center for Women in Ost Jerusalem angeführt. Aus dieser bis heute bestehenden Kooperation, auch als The Jerusalem Link bekannt, sind nicht nur Aktivitäten entstanden, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen (diese Aktivitäten wären eher auf Ebene von Track Four anzusiedeln), sondern auch zahlreiche Aktivitäten im Bereich von Track Two: „The activities include dialogues, professional training workshops and political activism such as demonstrations and civil disobedience actions“ (Maoz 2004, S. 569). Die Mitglieder des Jerusalem Links haben eine konkrete Deklaration herausgegeben, in der ihre zivilgesellschaftlichen und politischen Ziele verankert sind (vgl. Kaufman et al. 2006a, S. 200).
Ein weiteres Beispiel für P2P-Aktivitäten auf Ebene von Track Two ist das 1996 von Shimon Peres gegründete Peres Center for Peace. Wie bei vielen Projekten, die im Bereich von Track Two aktiv sind, ist auch das Peres Center for Peace in mehreren Bereichen tätig. Die Hauptaktivitäten des Peres Center for Peace liegen in den folgenden Bereichen: „People-to-People-Dialogue and Interaction, Capacity-Building through Cooperation, Humanitarian Responses“ (vgl. Mihelidze 2008; S. 47).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage und der methodischen Herangehensweise an die Analyse des P2P-Prozesses.
2 Überblick über die theoretischen Konzepte des P2P: Erläuterung der theoretischen Grundlagen, die für das Verständnis des P2P als Teil von Peacebuilding notwendig sind.
3 Zugrunde liegendes Konfliktverständnis: Definition des Konfliktbegriffs und Analyse der asymmetrischen Beziehungen der Konfliktparteien.
4 Zivilgesellschaft als theoretische Grundlage für den P2P: Einordnung der Zivilgesellschaft als Akteur zwischen Staat und Markt mit normativen Aufgaben im Transformationsprozess.
5 P2P innerhalb ziviler Konfliktbearbeitung: Untersuchung der Verbindung von P2P, Peacebuilding und Konflikttransformation.
6 Wirkungsebenen des zivilgesellschaftlichen Dialogs: Darstellung der verschiedenen Ebenen (Track-Modelle), auf denen zivilgesellschaftliche Akteure wirken können.
7 P2P innerhalb der vorgestellten theoretischen Konzepte: Synthese der theoretischen Ansätze zur Einordnung des P2P-Dialogs.
8 Überblick: Strukturierte Überleitung zur praktischen Analyse des Israel-Palästina-Falls.
9 Kontext: Analyse der politischen Realitäten und der soziopolitischen Struktur der Zivilgesellschaften in Israel und Palästina.
10 People-to-People-Dialogue zwischen Israel und Palästina: Detaillierte Betrachtung der Rahmenbedingungen, Ziele und konkreten Projektaktivitäten zwischen 1993 und 2000.
11 Warum der P2P als gescheitert gilt: Einleitung in die kritische Würdigung des P2P-Prozesses unter Berücksichtigung der Gesamtzielsetzung.
12 Politische und strukturelle Beeinträchtigungen des P2P: Analyse externer Faktoren wie politischer Führungslosigkeit und Asymmetrien.
13 Blockierung des P2P durch die Zivilgesellschaft: Untersuchung interner Hindernisse wie Konfliktnarrative, Sprachbarrieren und fehlende Nachhaltigkeit.
14 Teilerfolge des People-to-People-Dialogues: Würdigung der positiven Impulse und des Potenzials, das trotz des Scheiterns existiert.
15 Gründe für das Scheitern des P2P: Synthese der Ergebnisse und Ausblick auf künftige Forschungsnotwendigkeiten.
Schlüsselwörter
P2P, Zivilgesellschaft, Israel-Palästina-Konflikt, Konflikttransformation, Peacebuilding, Track-Two-Diplomacy, Oslo-Prozess, Friedensprozess, Asymmetrie, Dialog, Interkulturelle Kooperation, Konfliktnarrative, NGO, Nicht-staatliche Akteure, Transformationsprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Effektivität zivilgesellschaftlicher Friedensdialoge (People-to-People-Dialogues) im Israel-Palästina-Konflikt zwischen 1993 und 2000.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der theoretischen Fundierung des P2P, der Analyse der soziopolitischen Kontexte in Israel und Palästina sowie der Identifikation struktureller und politischer Hindernisse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu erklären, warum die umfangreichen zivilgesellschaftlichen Bemühungen trotz des politischen Friedensprozesses in Oslo letztlich nicht zu einer nachhaltigen Befriedung des Konflikts führen konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Literaturanalyse, die verschiedene Studien und Ansätze (u.a. das CIPP-Modell und das Multi-Track-Diplomacy-Modell) zusammenführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffs- und Modellbildung, die Kontextualisierung des Nahostkonflikts und eine detaillierte Analyse der P2P-Aktivitäten inklusive deren Beeinträchtigungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind P2P (People-to-People-Dialogue), Konflikttransformation, Zivilgesellschaft, asymmetrische Machtverhältnisse und Peacebuilding.
Inwiefern hat die israelische Besatzung den Dialog behindert?
Die Besatzung schränkte insbesondere die Bewegungsfreiheit palästinensischer Akteure massiv ein, was eine gleichberechtigte Teilnahme an Treffen und eine nachhaltige Projektumsetzung oft unmöglich machte.
Welche Rolle spielten die unterschiedlichen Konfliktnarrative?
Unvereinbare Narrative, insbesondere hinsichtlich der Staatsgründung (Unabhängigkeit vs. Al-Naqba), verhinderten oft einen echten Dialog und ließen Treffen häufig in Konfrontationen über die Deutungshoheit der Geschichte abgleiten.
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- Katalin Valeš (Author), 2011, Die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Konflikttransformation im Israel-Palästina-Konflikt, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/182426