„Staaten gehen nicht bankrott.“ Diesen historisch bedeutenden Satz äußerte Walter Wriston, ehemaliger CEO der einstigen Citibank (1967-1984) und zu seiner Zeit einer der mächtigsten Bankiers der Welt, im Jahr 1982. Wenig später gerieten mehrere latein-amerikanische Länder, darunter Argentinien, Brasilien und Mexiko, in eine tiefe Schuldenkrise, welche in der Geschichte deutliche Spuren hinterlassen hat.
Die Vorstellung, ein Staat könne nicht bankrottgehen, wird bis heute kontrovers diskutiert, obschon diese Vorstellung dem traditionellen Völkerrecht entspricht. Die Wirtschaftsgeschichte jedoch kennt zahlreiche Beispiele für Staatsbankrotte aus der Vergangenheit. Das wohl bedeutendste Beispiel stellt der Zahlungsausfall Argentiniens aus dem Jahr 2001/02 über 95 Mrd. USD dar (damals der größte Zahlungsausfall in der Ge-schichte), dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen. Es zeigt sich: Staaten können durchaus bankrottgehen.
Schien es bislang allerdings als feste Grundannahme, das Phänomen „Staatsbankrott“ sei ausschließlich für Entwicklungsländer bestimmt, belegen die jüngsten Erfahrungen innerhalb der Eurozone, dass sich diese als nicht haltbar erweist.
Nachdem die neugewählte griechische Regierung im Oktober 2009 das Haushaltsdefizit für das Jahr von 3,7 auf 12,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) nach oben revidieren musste, rückte der griechische Haushalt zunehmend in den Fokus der Betrach-tungen von Politik und den internationalen Kapitalmärkten. Zweifel an der Tragfähig-keit des Schuldenstandes ließen die Risikoprämien in den Folgemonaten auf ein noch nie dagewesenes Niveau seit Einführung der Gemeinschaftswährung im Jahre 1999 ansteigen. Am 27. April 2010 rentierten zehnjährige griechische Staatsanleihen trotz
ambitionierter Sparprogramme bei einer Marke von rund 12 Prozent. Zuvor hatte die Ratingagentur Standard & Poor’s Griechenland auf „Ramschstatus“ herabgestuft. Ein Staatsbankrott Griechenlands Anfang Mai 2010 konnte nur durch finanzielle Stüt-zungsmaßnahmen der Euro-Partnerländer in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) abgewendet werden.
Der Vertrauensverlust in die Tragfähigkeit des öffentlichen Haushaltes griff zunehmend auf andere europäische Staaten über. Ausgehend von einem drohenden Dominoeffekt und einer damit verbundenen Gefahr für die Stabilität des gesamten Währungsgebietes, beschlossen die politischen Entscheidungsträger der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Aufbau der Arbeit
2. Grundlagen zum Thema
2.1 Staatsanleihen
2.2 Der Staatsbankrott
2.2.1 Definition und Abgrenzung zur Unternehmensinsolvenz
2.2.2 Entstehung
2.2.3 Historische Betrachtung der Abwicklung
3. Einbindung privater Gläubiger in die Bewältigung staatlicher Verschuldungskrisen
3.1 Einbindung privater Gläubiger: Überblick ausgewählter Ansätze
3.2 Gründe für die Einbindung privater Gläubiger
3.3 Probleme bei der Einbindung privater Gläubiger bei der Schuldenrestrukturierung
3.3.1 Koordinationsprobleme zwischen den Gläubigern
3.3.1.1 Rush to the Exit
3.3.1.2 Rush to the Court House
3.3.1.3 Freerider- / Holdout-Problem
3.3.2 Koordinationsproblem zwischen Gläubigern und Schuldner
4. Collective Action Clauses
4.1 Majority Action Clause
4.2 Majority Enforcement Provision / Non-Acceleration Clause
4.3 Collective Representation Clause
4.4 Sharing Clause
4.5 Initiation Clause
4.6 Aggregation Clause
4.7 Bewertung der Collective Action Clauses
4.8 Verwendung und Verbreitung von Collective Action Clauses
4.9 Collective Action Clauses in der bisherigen Praxis staatlicher Umschuldungen
5. Die Staatsschuldenkrise in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
5.1 Der Weg in die Krise
5.2 Entwicklungen im Zuge der Finanzmarktkrise
5.3 Der Weg aus der Krise – Quo vadis?
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit analysiert die Wirkungsweise von Collective Action Clauses (CACs) als Instrument zur Einbindung privater Gläubiger in die Schuldenrestrukturierung von Staaten. Dabei wird untersucht, inwiefern diese Klauseln zur Bewältigung der Staatsschuldenkrise innerhalb der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion beitragen können.
- Grundlagen von Staatsanleihen und Staatsbankrotten
- Herausforderungen bei der Koordination privater Gläubiger
- Funktionsweise und Zielsetzung verschiedener Einzelklauseln der CACs
- Die Entwicklung und Ausbreitung von CACs in der internationalen Marktpraxis
- Analyse der Staatsschuldenkrise in der EU als Lösungsansatz für zukünftige Restrukturierungen
Auszug aus dem Buch
3.3.1.1 Rush to the Exit
Mit dem Rush to the Exit wird jenes Verhalten beschrieben, wenn Gläubiger aus der Befürchtung heraus, dass der Schuldner in eine Verschuldungskrise gerät, versuchen, ihre Forderungen möglichst schnell zu veräußern.111
Haben viele Gläubiger diese Befürchtung und verkaufen in einer panikartigen Form ihre Anleihen, wird es als Folge dieses spekulativen Verhaltens zu einem Wertverlust der Anleihe insgesamt kommen und die auf dem Sekundärmarkt gehandelten Anleihen werden mit einem Preisabschlag bewertet. Dies führt wiederum zu einem Ansteigen der Risikoprämien und somit zu erhöhten Kreditfinanzierungskosten des Schuldners. Daneben führt auch das größere Angebot von Anleihen des Schuldners auf dem Markt zu einem negativen Preisdruck. Letzteres wird durch das Verhalten der Gläubiger bedingt, die ihre Forderungen so schnell wie möglich zu veräußern versuchen, wobei für den einzelnen Gläubiger dieses Verhalten rational ist, um einen Wertverlust der Anleihen vorzubeugen, wenn sie ihre Forderungen so früh wie möglich und noch vor den anderen Gläubigern veräußern.
Für den Schuldner können die steigenden Kreditkosten allerdings bedeuten, dass sich seine finanzielle Lage derart verschlechtert, dass der Betroffene in eine Schuldenfalle gerät und es im Falle von Staaten zu einer Verschuldungskrise kommt.112
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert die Problemstellung der Arbeit, skizziert die Ausgangslage der Staatsschuldenkrise und legt die Zielsetzung sowie den Aufbau der Arbeit dar.
2. Grundlagen zum Thema: Erläutert die Charakteristika von Staatsanleihen sowie die Definition und Entstehung von Staatsbankrotten im Gegensatz zur Unternehmensinsolvenz.
3. Einbindung privater Gläubiger in die Bewältigung staatlicher Verschuldungskrisen: Analysiert Gründe für die Einbindung privater Gläubiger, wie Lastenverteilung und Moral-Hazard-Probleme, sowie die Herausforderungen bei der Koordination der Gläubiger.
4. Collective Action Clauses: Bietet eine detaillierte Darstellung verschiedener Einzelklauseln, deren Bewertung und praktische Verwendung bei Umschuldungen weltweit.
5. Die Staatsschuldenkrise in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion: Untersucht die Ursachen der Krise, die Rolle der Finanzmarktkrise sowie Rettungsmaßnahmen der EU.
6. Fazit: Fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet das Potenzial sowie die Grenzen von CACs im Kontext der aktuellen europäischen Staatsschuldenkrise.
Schlüsselwörter
Staatsanleihen, Staatsbankrott, Collective Action Clauses, CACs, Gläubigerbeteiligung, Schuldenrestrukturierung, Europäische Wirtschafts- und Währungsunion, EWWU, Finanzmarktkrise, Moral Hazard, Umschuldung, Risikoprämien, Schuldentragfähigkeit, Rettungsschirm, Marktdisziplinierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Einbindung privater Gläubiger in staatliche Schuldenrestrukturierungsprozesse durch den Einsatz von sogenannten Collective Action Clauses (CACs) in Staatsanleihen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die theoretischen Grundlagen des Staatsbankrotts, die Problematik der Gläubigerkoordination und die Analyse der europäischen Staatsschuldenkrise.
Welches primäre Ziel verfolgt die Bachelorarbeit?
Das Ziel ist die Analyse der Wirkungsweise von CACs und deren Eignung als Instrument zur Bewältigung der aktuellen Staatsschuldenkrise.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deskriptive und analytische Literaturrecherche, um die ökonomischen und juristischen Rahmenbedingungen von Umschuldungsmechanismen aufzuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung der Gläubigerbeteiligung, die detaillierte Darstellung einzelner Vertragsklauseln und die praktische Anwendung bei Staatsanleihen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Staatsanleihen, Collective Action Clauses, Gläubiger-Moral-Hazard und Schuldenrestrukturierung.
Wie unterscheidet sich der Staatsbankrott von der Unternehmensinsolvenz laut Autorin?
Der Hauptunterschied liegt im Souveränitätsprinzip: Während bei Unternehmen das "Leistenmüssen" im Vordergrund steht, ist beim Staat das "Leistenkönnen und -wollen" entscheidend, da Staaten nicht liquidiert werden können.
Warum wird die Einführung von CACs in der EU kritisch betrachtet?
Kritisiert wird unter anderem, dass CACs in bestehenden Altschulden fehlen, was zu langen Übergangszeiten führt, und dass sie die zugrunde liegenden fundamentalen ökonomischen Probleme der betroffenen Länder nicht lösen können.
- Quote paper
- Julia Bodem (Author), 2011, Collective Action Clauses und die Einbindung privater Gläubiger zur Bewältigung der Staatsschuldenkrise in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/182105