Puccinis Opern gehören zu den beliebtesten und meistgespielten der Welt. Seine vier Opern La Bohème, Tosca, Madama Butterfly und Turandot gehören zu den bekanntesten der heutigen Zeit. Trotzdem stand Puccini seit den Uraufführungen seiner Werke unter Kitsch-Verdacht: seine Musik wird als schmalzig empfunden, seine Opern als „Einsteiger-Opern“ bezeichnet, die für wahre Musikkenner und –liebhaber nicht von Bedeutung sind. Dennoch scheinen die seit über hundert Jahren anhaltenden Besucherzahlen und der Beliebtheitsgrad der Opern dem Kitsch-Verdacht entgegen zu stehen. Wissenschaftler haben Puccini lange Zeit ignoriert und erst seit den letzten 30 Jahren gibt es Bemühungen ihn zu rechtfertigen und zu rehabilitieren. Die große Debatte um Puccini entbrennt an der Frage, ob seine Musik nun Kitsch oder Kunst sei. Oder am Ende etwa beides?
Um sich dieser Fragestellung zu nähern, werden in dieser Arbeit zunächst valide Kitsch-Aspekte, die auf Puccinis Oper angewendet werden können, zusammengetragen. Da der „Kitsch“-Begriff um die Jahrhundertwende erst entstand und sich etwas später erst im Volksmund verankerte, folgt danach eine Untersuchung von Vorwürfen an Puccinis Musik von Zeitgenossen. Hier soll geklärt werden, inwieweit sich diese mit den Kitsch-Aspekten decken. Anschließend werden das Werk und Puccinis Personalstil eingehend betrachtet, um zu einem Fazit zu kommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aspekte des Kitsches in Puccini-Kritiken
2.1 Was genau ist Kitsch?
2.2 Puccini-Kritiken
3. Puccinis musikalischer Kitsch am Beispiel von Madama Butterfly
3.1 Der Einfluss der Geschichte der Oper auf die Kitsch-Thematik
3.2 Liebesduett
3.3 „Un bel di“
4. Puccini-Stil
5. Fazit
6. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Kitsch und Kunst im Werk von Giacomo Puccini, exemplarisch dargestellt an seiner Oper "Madama Butterfly". Das primäre Ziel ist es, die Berechtigung der historischen Kitsch-Vorwürfe gegenüber Puccinis Musik zu hinterfragen und zu prüfen, ob der Vorwurf der Oberflächlichkeit einer tiefgehenden Analyse standhält.
- Historische Einordnung des Kitsch-Begriffs in der Musikwissenschaft
- Analyse zeitgenössischer Puccini-Kritiken und deren ideologische Hintergründe
- Untersuchung der musikalischen Struktur und des Einsatzes von Exotismen in Madama Butterfly
- Interpretation der dramaturgischen Funktion von Kitsch-Elementen und Leitmotiven
- Bewertung von Puccinis Personalstil zwischen Kommerz und künstlerischem Ernst
Auszug aus dem Buch
3.2 Liebesduett
Das sogenannte „Liebesduett“ zwischen Cho-Cho-San und Pinkerton ist der Abschluss des ersten Aktes. Cho-Cho-San hat sich gerade mit ihrer Familie überworfen (sie hat den christlichen Glauben zu Ehren Pinkertons angenommen) und Pinkerton hat daraufhin alle hinausgeworfen und ihr jeden weiteren Kontakt zu ihrer Familie untersagt. Cho-Cho-San ist gekränkt und traurig und so unternimmt Pinkerton einen halbherzigen Versuch sie zu trösten, doch eigentlich will er sie nur endlich ins Haus locken zur Hochzeitsnacht. Das Liebesduett ist eine extrem lange Szene zwischen Pinkerton und Cho-Cho-San. Sie besteht aus mehreren unterschiedlichen Teilen, eine mögliche formale Aufteilung gibt Kimiyo Powlis-Okano in Puccinis „Madama Butterfly“: A (I 123,1), B (I 126,1), C (I 127,5), D (I 128,1), B„ (I 131,1), A (I 133,1). Da das für eine eingehende Analyse zu lang ist, wird hier jetzt hauptsächlich das Schlussduett betrachtet, also der zweite A-Teil von I 133,1 bis I 136,11.
Während Pinkerton Cho-Cho-San tröstet, nähern sie sich musikalisch immer weiter an. Sie beginnt ihren Gesang zunächst pentatonisch und ihr Tonmaterial ist abgeleitet von japanischen Liedern, wie zum Beispiel „Suiryo-bushi“.34 Pinkerton singt hauptsächlich im Dreiertakt, doch Cho-Cho-San wechselt immer wieder zurück in einen eher japanischen Zweiertakt (zum Beispiel T. I 121,1).35 Pinkerton besingt ihre Schönheit und will von ihr hören, dass sie ihn liebt. Cho-Cho-San fürchtet sich ein wenig vor ihm und auch die Verbannung von ihrer Familie holt sie immer wieder ein, angedeutet durch das Fluchmotiv. Schließlich gibt sie doch zu, dass sie Pinkerton liebt, doch sie entzieht sich ihm andauernd. Anders als in den gängigen deutschen Textübersetzungen, singt Pinkerton nicht von Liebe sondern wiederholt hauptsächlich zwei Sätze: „Du bist mein!“ (nicht etwa „Sei mein“, wie es in der deutschen Textfassung heißt) und „Komm, komm…“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Spannungsfeld zwischen Kitsch und Kunst ein und erläutert die Fragestellung am Beispiel von Giacomo Puccinis Oper "Madama Butterfly".
2. Aspekte des Kitsches in Puccini-Kritiken: Dieses Kapitel definiert den Kitsch-Begriff und untersucht die negativen Kritiken von Zeitgenossen, die Puccini vorwarfen, oberflächliche und kommerzielle Musik zu produzieren.
3. Puccinis musikalischer Kitsch am Beispiel von Madama Butterfly: Der Hauptteil analysiert spezifische Szenen und musikalische Motive der Oper, um den Einsatz von Kitsch-Elementen als kompositorisches Mittel zu deuten.
4. Puccini-Stil: Hier werden die charakteristischen Merkmale von Puccinis Kompositionstechnik, wie sein "Deszendenzmelos" und die Verwendung üppiger Harmonik, analytisch beleuchtet.
5. Fazit: Das Fazit widerlegt den pauschalen Kitsch-Vorwurf und zeigt auf, dass Puccini Kitsch bewusst als psychologisches Instrument nutzt, um die innere Welt seiner Charaktere darzustellen.
6. Anhang: Der Anhang enthält grafische Notenbeispiele der zentralen Leitmotive aus der Oper.
Schlüsselwörter
Giacomo Puccini, Madama Butterfly, Kitsch, Kunst, Musikwissenschaft, Oper, Liebesduett, Un bel di, Musikalischer Stil, Leitmotiv, Fausto Torrefranca, Exotismus, Verismo, Musikanalyse, Kompositionstechnik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob die über Jahrzehnte hinweg erhobenen Kitsch-Vorwürfe gegenüber den Opern von Giacomo Puccini berechtigt sind oder ob seine Musik über eine tiefere künstlerische Ebene verfügt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Definition von Kitsch, die historische Rezeption von Puccinis Werk durch zeitgenössische Kritiker, die Analyse musikalischer Strukturen und die Bedeutung von Lokalkolorit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit Puccini Kitsch-Elemente bewusst als Kompositionsmittel einsetzt, um dramaturgische Tiefe und Charakterpsychologie zu erzeugen, statt lediglich oberflächliche Effekthascherei zu betreiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine musiktheoretische Analyse von Partiturausschnitten (Melodik, Harmonik, Rhythmik) mit einer diskursiven Auseinandersetzung der historischen Puccini-Kritik.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem Liebesduett aus dem ersten Akt und der berühmten Arie „Un bel di“, wobei die musikalische Gestaltung und deren Bezug zu den inneren Zuständen der Figuren analysiert wird.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Puccini, Kitsch, Oper, Madama Butterfly, Leitmotivik und Musikästhetik definieren.
Welche Rolle spielt die historische Kritik in der Arbeit?
Die historische Kritik, angeführt durch Fausto Torrefranca, dient als Ausgangspunkt, um die Vorurteile der Zeit aufzudecken und durch eine objektive musikalische Analyse zu widerlegen.
Warum wird Puccini als Grenzgänger zwischen Kitsch und Kunst bezeichnet?
Puccini wird so bezeichnet, weil er einerseits Musik schreibt, die dem breiten Publikumsgeschmack entspricht, diese jedoch andererseits nutzt, um komplexe psychologische Entwicklungen subtil zu untermauern.
Wie verändert sich Cho-Cho-Sans Gesang im Laufe der Oper?
Die Analyse zeigt, dass Cho-Cho-Sans Gesang zunehmend westliche Einflüsse aufnimmt, was ihre tragische Entfremdung von der eigenen Kultur und die manipulative Kraft Pinkertons widerspiegelt.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Beständigkeit von Puccinis Werk?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Puccinis Erfolg nach über hundert Jahren bewiesen hat, dass sein Werk weit mehr als nur dekorativer Kitsch ist und eine dauerhafte künstlerische Relevanz besitzt.
- Quote paper
- BA Felisa Kowalewski (Author), 2011, Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" - Kitsch oder Kunst (oder etwa beides)?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181962