In der Frühbronzezeit entsteht in Europa ein System von Kulturen, die trotz regionaler Eigenheiten und teilweise großer räumlicher Entfernung zueinander erstaunliche Gemeinsamkeiten aufweisen. So findet man etwa in jeder frühbronzezeitlichen Kulturgruppe von Mitteldeutschland über die Bretagne bis nach Wessex, im Süden bis in die Rhone-Kultur der Westschweiz, das Phänomen der sogenannten Prunkgräber. Es handelt sich hierbei um besonders reich ausgestattete, oft überhügelte und mit einer hölzernen oder steinernen Grabkammer versehene Bestattungen, in denen wohl bedeutende Persönlichkeiten beigesetzt wurden. Früher oft als „Fürstengräber“ bezeichnet, werden sie heute in der Forschung lieber als Prunkgräber betitelt, da man über den sozialen Status des Toten anhand des Reichtums seines Grabes noch keine Aussagen treffen kann und sich dieser Begriff rein auf den materiellen Aspekt der Grabausstattung bezieht. Das Auftreten dieser Art von Prunkgräbern ist in ganz Europa auf die frühe Bronzezeit beschränkt. Neolithische Vorläufer in diesen Dimensionen des Reichtums gibt es nicht, und auch nach dem Verschwinden der frühbronzezeitlichen „Fürsten“ sollte es mehrere Jahrhunderte dauern, bis Grabausstattungen wieder einen vergleichbaren Reichtum erreichten (ZICH 2004, 156).
Inhaltsverzeichnis
I. Die Prunkgräber der europäischen Frühbronzezeit
1. Die Prunkgräber der Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland und Polen
1.1. Leubingen
1.2. Helmsdorf
1.3. Dieskau
1.4. Das Kindergrab von Apolda
1.5. Łęki Małe
1.6. Zusammenfassung
2. Die Prunkgräber der Rhônekultur
2.1. Thun-Renzenbühl
2.2. Sion-Petit Chasseur
3. Die Prunkgräber der südenglischen Wessex-Kultur
3.1. Bush Barrow
3.2. Clandon Barrow
3.3. Zusammenfassung
4. Die Prunkgräber der bretonischen Frühbronzezeit
4.1. Kernonen, Plouvorn
4.2. „La Motta“, Lannion
4.3. Zusammenfassung
II. Die Interpretation der Prunkgräber in der Forschung
1. Ökonomische Faktoren
2. Soziale Faktoren
3. Kultische Faktoren
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der frühbronzezeitlichen Prunkgräber in Europa, um durch eine Analyse herausragender Fundstätten deren soziale, ökonomische und kultische Bedeutung zu ergründen und Forschungsdiskussionen zur gesellschaftlichen Stellung der Bestatteten zu beleuchten.
- Vergleich der Aunjetitzer Kultur, Rhônekultur, Wessex-Kultur und bretonischen Frühbronzezeit
- Analyse spezifischer Fundkomplexe wie Leubingen, Bush Barrow und Kernonen
- Untersuchung von Machtsymbolen und der Rolle von Beigaben
- Diskussion von Handelswegen und der Entstehung sozialer Hierarchien
- Interpretation der Bestattungssitten im Kontext neolithischer Traditionen
Auszug aus dem Buch
1.1. Leubingen
Das Prunkgrab von Leubingen im Kreis Sömmerda in Thüringen wurde bereits 1877 von Friedrich Klopfleisch ausgegraben, allerdings erst 1906 von Paul Höfer anhand der sorgfältigen Grabungsberichte Klopfleischs veröffentlicht (HÖFER 1906).
Zum Zeitpunkt der Ausgrabung war der Hügel im Gelände noch gut erkennbar, bei seiner Errichtung hatte er wohl einen Durchmesser von 33-34m und eine Höhe von etwa 8m. Der dafür nötige Arbeitsaufwand mit bronzezeitlichen Mitteln ist kaum vorstellbar und erforderte mit Sicherheit eine zentrale Organisation, die die nötigen Mengen an Arbeitskräften aufbringen und kontrollieren konnte. Sicher spielte der schon aus weiter Ferne erkennbare Grabbau eine ebenso große Rolle wie die Beigaben.
Unter dem Hügel fand sich eine hölzerne Grabkammer, in der eine senile Person in gestreckter Rückenlage in Nord-Süd-Ausrichtung mit dem Kopf im Norden, sowie ein etwa zehnjähriges Kind im rechten Winkel zueinander übereinander gelegt bestattet waren. Eine Erklärung dieser sonderbaren Anordnung der Toten und deren Verhältnis zueinander bleibt bis heute unklar. Auffällig ist auch, dass sich die Lage der Toten von der üblichen Bestattungssitte der klassischen Aunjetitzer Kultur (ost-west-ausgerichtete Hocker) erheblich unterscheidet.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die Prunkgräber der europäischen Frühbronzezeit: Überblick über die Phänomenologie reich ausgestatteter Bestattungen über verschiedene europäische Kulturräume hinweg.
1. Die Prunkgräber der Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland und Polen: Vorstellung der monumentalen Hügelgräber wie Leubingen und Helmsdorf sowie deren Bedeutung für das soziale Gefüge der Region.
2. Die Prunkgräber der Rhônekultur: Untersuchung der Bestattungstraditionen im Schweizer Wallis und deren Bezug zur aunjetitzer Technologie.
3. Die Prunkgräber der südenglischen Wessex-Kultur: Analyse von Funden wie Bush Barrow, die als bedeutendste bronzezeitliche Bestattungen Großbritanniens gelten.
4. Die Prunkgräber der bretonischen Frühbronzezeit: Darstellung der Funde von Kernonen und La Motta unter Berücksichtigung von Handelskontakten und neolithischen Wurzeln.
II. Die Interpretation der Prunkgräber in der Forschung: Synthese der Forschungsansätze hinsichtlich wirtschaftlicher Kontrolle, sozialer Schichtung und kultischer Überhöhung der Toten.
Schlüsselwörter
Prunkgräber, Frühbronzezeit, Aunjetitzer Kultur, Wessex-Kultur, Rhônekultur, Grabbeigaben, soziale Hierarchie, Handelswege, Machtsymbole, Metallurgie, Bestattungssitte, Archäologie, Bronzezeit, Elitenbildung, Leubingen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den sogenannten Prunkgräbern der europäischen Frühbronzezeit, einer spezifischen Form besonders reich ausgestatteter Bestattungen, die in verschiedenen europäischen Kulturen auftreten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die materielle Ausstattung der Gräber, die Bauweise der Grabhügel, die soziale Interpretation des Reichtums sowie die zeitliche und regionale Vernetzung der Kulturen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die herausragenden Gräber Europas vorzustellen und die in der Forschung diskutierten Interpretationsmodelle zur Entstehung dieser Prunkbestattungen kritisch zu betrachten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine archäologische Untersuchung, die auf der Analyse von Ausgrabungsberichten, dendrochronologischen Datierungen und dem Vergleich typologischer Merkmale der Grabbeigaben basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich regional und untersucht systematisch die Aunjetitzer Kultur, die Rhônekultur, die Wessex-Kultur und die bretonische Frühbronzezeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Prunkgräber, Bronzezeit, soziale Hierarchie, Machtsymbole und Handelsnetzwerke sind die prägenden Begriffe.
Welche Bedeutung hat das "Kindergrab von Apolda" im Kontext der Arbeit?
Das Kindergrab dient als wichtiges Indiz dafür, dass hoher Status in der damaligen Gesellschaft höchstwahrscheinlich erblich war und nicht erst im Laufe eines Lebens erworben werden musste.
Inwiefern deuten Waffen in den Gräbern auf eine besondere Bedeutung hin?
Die übermäßige Waffenausstattung wird nicht nur als militärische Ausrüstung interpretiert, sondern als zeremonielle "Überausstattung" oder Statussymbol, das den Verstorbenen als mächtige oder gar mythisch überhöhte Person kennzeichnet.
- Arbeit zitieren
- Laura Geyer (Autor:in), 2010, Prunkgräber der Frühbronzezeit, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181762