Mehr als sechzig Jahre sind vergangen, seit die Konzentrationslager in Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen aufgelöst wurden. Sie wurden zu einem Mahnmal für nachfolgende Generationen, einem Symbol für die schlimmsten Ausläufer totalitärer Herrschaftssysteme. Im Kontext der Verarbeitung tauchten nicht nur unzählige nonfiktionale Biographien und Autobiographien Überlebender auf, sondern auch fiktionale Texte. Zum einen lässt sich dieses Thema in vielerlei Hinsicht aufarbeiten und literarisch ausbauen, zum anderen ist es ein besonderes Anliegen von Nachkriegsliteraten, mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte
umzugehen. So auch der 1889 in Osnabrück geborene Schriftsteller Erich Maria Remarque, der nach eigenen Angaben1 ein Gedenken an persönliche Opfer des Nationalsozialismus setzen wollte, und seinen 1952 zum ersten Mal erschienenen Roman 'Der Funke Leben' seiner vom Volksgerichtshof hingerichteten Schwester Elfriede Scholz widmete.
Der Roman erzählt die Geschichte der Insassen und Wächter des fiktiven Konzentrationslagers Mellern in den letzten Tagen des Kriegs. Die nahe liegende Stadt wird von alliierten Fliegern angegriffen, und in Häftling Nr. 509, dem Protagonisten des Romans, keimt neue Hoffnung, ein Funke Leben auf. Der Widerstand im Lager erwacht, die Insassen, obwohl
kaum mehr als wandelnde Skelette, organisieren, schmuggeln und verstecken, stetig bewacht von SS-Männern, die das Unvermeidliche Ende des Kriegs verleugnen.
Kritik wurde vielfach laut, als der Roman in deutscher Sprache erschien, denn Erfahrungen aus dem Konzentrationslagern konnten unmöglich in einem Roman verarbeitet werden, dies würde die Opfer entehren. Zu vermuten ist, dass die Wunden in den frühen fünfziger Jahren noch zu frisch waren, sowohl auf Opfer, als auch auf Täterseite, um distanziert mit dem Thema
umgehen und eine fiktionale Umsetzung dieses brisanten Themas akzeptieren zu können.
Der Roman 'Atemschaukel' der 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geborenen Schriftstellerin Herta Müller hingegen wurde hoch gelobt. Sie erzählt die Geschichte des siebzehnjährigen Leopold Auerberg, der kurz vor Kriegsende von einer Patrouille mit zahllosen anderen Menschen zwischen
siebzehn und fünfundvierzig Jahren zum Arbeitseinsatz in ein russisches Lager verschleppt und dort fünf Jahre interniert wurde. Sie berichtet von Entbehrung, harter Zwangsarbeit und Einsamkeit, die den jungen Mann für immer verändern.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Motivuntersuchung und Symbolik
2.1.Der Funke Leben
2.2.Atemschaukel
3.Schlussbetrachtung
4.Literaturverzeichnis
4.1.Primärliteratur
4.2.Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das zentrale Motiv des Hungers in den Romanen "Der Funke Leben" von Erich Maria Remarque und "Atemschaukel" von Herta Müller, um die symbolische Bedeutung von Nahrung und Entbehrung in Konzentrations- bzw. Arbeitslagern zu analysieren.
- Vergleichende Analyse des Hungermotivs in zwei literarischen Werken
- Symbolik von Nahrung als Machtinstrument und Überlebensstrategie
- Darstellung des körperlichen und geistigen Verfalls der Protagonisten
- Untersuchung der psychologischen Auswirkungen von chronischem Hunger
- Reflektion über die Rolle von Erinnerungskultur in der Literatur
Auszug aus dem Buch
2.1. Der Funke Leben
Im ersten Kapitel fallen zwei prägnante Darstellungen von Hunger und Essen auf. Scharführer Breuer lässt sich nach der Ermordung zweier Häftlinge Bohnenkaffee und Topfkuchen schmecken (S. 11 f.), und zwar „mit Genuß“. Wenige Zeilen zuvor hatte Remarque Friedrich Koller eingeführt und die bewusstlosen Häftlinge an den Pfählen beschrieben, nun stellt er diese kontrastreiche Szene gegenüber. Damit bewirkt er, dass Opfer und Täter weit auseinander gerückt werden. Menschliche Zügen werden dem Scharfführer durch diese kurze Darstellung abgesprochen; beim Anblick Verhungernder zu essen hebt die Grausamkeit auf ein neues Level, und es wirkt sogar schockierender als der Akt des Tötens selbst. Blick auf die Art der Nahrung lohnt: Bohnenkaffee und Topfkuchen erinnern an die Kaffeehäuser der Biedermeierzeit und können deshalb als Anspielung auf den Rückzug des Scharfführers aus der Verantwortung für sein Handeln gewertet werden – ebenso wie sich das gehobene Bürgertum aus politischen Belangen herausgehalten hat. Die kernlosen Rosinen stehen für besonderen Genuss, den Breuer beim Essen empfindet, vermutlich verursacht das Töten ein ähnliches Gefühl der Zufriedenheit. Die lustvollen Morde und das lustvolle Essen werden in dieser Szene in einen Sinnzusammenhang gesetzt; gutes Essen ist also im Verständnis Breuers die rechte Belohnung für ehrenvolles Handeln.
Die zweite Szene könnte gegensätzlicher kaum sein:
„509 ließ den Kopf sinken. [...] der Anblick der rauchenden Schornsteine im Tal machte nur noch hungriger als sonst. Er machte hungrig im Gehirn – nicht nur im Magen. Der Magen war seit Jahren daran gewöhnt und keiner anderen Empfindung mehr fähig als einer gleichbleibenden, stumpfen Gier. Hunger im Gehirn war schlimmer. Er weckte Halluzinationen und wurde nie müde. Er fraß sich selbst in den Schlaf. Es hatte 509 im Winter drei Monate gekostet, um die Vorstellung von Bratkartoffeln loszuwerden. Er hatte sie überall gerochen, sogar im Gestank der Latrinenbaracke. Jetzt war Speck. Speck mit Spiegeleiern.“ (S. 14)
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Kontextualisierung der Romane ein und legt dar, wie die literarische Auseinandersetzung mit Konzentrationslagern die Wahrnehmung der Opfer und Täter prägt.
2.Motivuntersuchung und Symbolik: Hier wird die theoretische Basis für die Analyse des Hungers als zentrales, handlungsleitendes Motiv gelegt, welches den Verfall und das Überleben der Protagonisten bestimmt.
2.1.Der Funke Leben: Die Untersuchung fokussiert sich auf Remarques Darstellung des Hungers, wobei die Diskrepanz zwischen der Gier der Täter und dem existentiellen Hunger der Häftlinge als Machtmittel beleuchtet wird.
2.2.Atemschaukel: In diesem Teil wird die Rolle des Hungers bei Herta Müller analysiert, wobei insbesondere die sprachliche Verdichtung und die Personifizierung des "Hungerengels" als psychologischer Schutzmechanismus im Zentrum stehen.
3.Schlussbetrachtung: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass beide Werke trotz unterschiedlicher historischer Entstehungszeit wichtige Beiträge zur Erinnerungskultur leisten.
4.Literaturverzeichnis: Dieses Kapitel listet alle verwendeten Primär- und Sekundärquellen auf, die zur wissenschaftlichen Fundierung der Arbeit herangezogen wurden.
4.1.Primärliteratur: Aufzählung der analysierten Romane von Herta Müller und Erich Maria Remarque.
4.2.Sekundärliteratur: Auflistung der verwendeten Sekundärquellen und Handbücher zur literaturwissenschaftlichen Motivanalyse.
Schlüsselwörter
Hungermotiv, Konzentrationslager, Remarque, Herta Müller, Literaturanalyse, Symbolik, Arbeitslager, Entbehrung, Überleben, Erinnerungskultur, Machtausübung, menschlicher Verfall, Hungerengel, literarischer Vergleich, Zeitgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv des Hungers in den Romanen "Der Funke Leben" und "Atemschaukel", um die Auswirkungen extremer physischer Entbehrungen auf die Protagonisten darzustellen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der symbolischen Bedeutung von Nahrung, dem Vergleich der Täter- und Opferdarstellung sowie dem psychologischen Verfall unter extremen Haftbedingungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie Hunger in beiden Romanen nicht nur ein körperliches Bedürfnis, sondern ein existentielles Motiv und Symbol für den Verlust menschlicher Würde darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Motivuntersuchung, die Textstellen analysiert und in einen symbolischen sowie historischen Kontext setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine Motivbetrachtung und eine detaillierte Analyse der jeweiligen Romane, wobei spezifische Szenen hinsichtlich ihrer symbolischen Tiefe untersucht werden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Hungermotiv, Konzentrationslager, literarischer Verfall, symbolische Macht und Erinnerungskultur.
Wie unterscheidet sich die Hunger-Darstellung bei Remarque von der bei Müller?
Während Remarque den Hunger als Mittel der Entmenschlichung und des Kontrasts zwischen Täter und Opfer nutzt, personalisiert Müller den Hunger durch den "Hungerengel" als psychologischen Begleiter der Protagonisten.
Warum ist das Motiv des "Hungerengels" bei Herta Müller so bedeutend?
Der Hungerengel fungiert als Schutzfigur und Gegner zugleich, der dem Protagonisten hilft, das Unerträgliche zu überleben, während er ihn gleichzeitig mental vereinnahmt.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Maria Reinhold (Autor:in), 2011, „Meine Beziehung zur Welt ist das Essen“, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181589