„Die Eisenbahn ist das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel in Deutschland und ein zentraler Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge […]. Sie hat eine soziale Funktion bei der Ermöglichung individueller Mobilität und gesellschaftlicher Teilhabe, eine volkswirtschaftliche als Massentransportmittel von Personen und Gütern und eine ökologische als Ressourcen sparender und emissionsarmer Verkehrsträger.“ (STIELIKE 2009, S.405)
Die hier zitierte Ansicht dürfte auch heute noch von vielen Menschen in Deutschland und Europa geteilt werden. Manche aktuellen Entwicklungen, wie sie speziell in Deutschland in jüngster Zeit geschehen sind, gehen jedoch in eine andere Richtung: In der öffentlichen Meinung werden stetig steigende Fahrkartenpreise und auffällig viele Probleme in der Zuverlässigkeit oft den Bahnreformen ab 1994 und der seither verstärkten marktwirtschaftlichen Orientierung des deutschen Eisenbahnsystems zugeschrieben (z.B. Bauchmüller, Kuhr 2011). In der vorliegenden Arbeit soll zuerst beleuchtet werden, was die Gründe für die Bahnreformen waren und wie diese vonstatten gingen. Anschließend wird die europäische Verkehrspolitik in Augenschein genommen; danach sind noch einige veränderte Voraussetzungen für die modernen Eisenbahnunternehmen zu beleuchten, bevor es schließlich darum gehen wird die Strategien der heutigen Bahnunternehmen unter die Lupe zu nehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Weg von der Deutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG
2.1 Ausgangssituation
2.1.1 Strukturelle Probleme der Bundesbahn
2.1.2 Veränderungen der Rahmenbedingungen
2.1.3 Benachteiligung der Bundesbahn
2.1.4 Erste Maßnahmen
2.2 Bahnstrukturreform 1994
2.3 Heutige Situation
3. EU-Verkehrspolitik
4. Privatisierungsmodelle
4.1 Regionale Aufteilung und Entflechtung
4.2 Vollständige Privatisierung
4.3 Trennung von Schienennetz und Fahrbetrieb
5. Veränderte Voraussetzungen für Eisenbahn- bzw. Logistikunternehmen
5.1 Güterstruktureffekt
5.2 Veränderungen in der Transportkette
5.3 Strukturelle Veränderungen in der Logistikbranche
6. Strategien der neuen Konzerne
6.1 Reorganisation
6.1.1 B-Cargo/ABX (Belgien)
6.1.2 DB Cargo (Deutschland)
6.1.3 Fret SNCF (Frankreich)
6.2 Politische Einflussnahme der neuen Unternehmen
7. Europäischer Eisenbahnverkehr: Die Zukunft
8. Deutscher Eisenbahnverkehr: Die Zukunft
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe und Folgen der Bahnreformen, beleuchtet die Rolle der europäischen Verkehrspolitik und analysiert die strategischen Neuausrichtungen heutiger Bahnkonzerne im Kontext des Marktanteilsverlusts der Schiene.
- Entwicklung von der Deutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG
- Einfluss der EU-Verkehrspolitik auf die Liberalisierung des Schienenmarktes
- Privatisierungsmodelle im europäischen Eisenbahnverkehr
- Strukturelle Veränderungen in der Logistikbranche und der Güterverkehrssektor
- Strategien (Internationalisierung, Diversifizierung, Integration) der Konzerne
- Politische Einflussnahme von Bahnen durch Lobbyarbeit
Auszug aus dem Buch
6.1.3 Fret SNCF (Frankreich)
Ein Beispiel für eine wesentlich zurückhaltendere Reorganisationspolitik ist die Frachtsparte der Franzosen, die Fret SNCF. Aufgrund „der starken „service publique“ Orientierung in Frankreich“ (DÖRRENBÄCHER 2005, S.67), also der Einstellung, dass die Eisenbahn in erster Linie eine staatliche Dienstleistung darstelle, ist die Reorganisation in Frankreich ein wesentlich langsamerer Prozess. Der Großteil der Reorganisationsschritte bei SNCF sind im Bereich der Diversifikation zu sehen (mit der Gründung einer Tochterfirma namens Geodis für alle Frachtaktivitäten abseits der Schiene), sowohl Internationalisierung und Integration sind, politisch bedingt, in Frankreich kein großes Thema. Hier spielt vor allem der große Einfluss der Gewerkschaften eine Rolle, die Deregulierungs- und Privatisierungsbemühungen stets mit Argwohn gegenüberstehen, schließlich sind diese in der Regel mit einem Stellenabbau verbunden (ABERLE 2009, DÖRRENBÄCHER 2003, DÖRRENBÄCHER 2005).
Eine Anekdote aus dem Jahre 2007 verdeutlicht dies: der erste Konkurrent von Fret SNCF, CFTA Cargo, der 2005 eine Strecke zwischen Deutschland und Frankreich eröffnete, wurde zu Beginn seiner Tätigkeiten von etwa 200 Mitarbeitern der SNCF heimgesucht, die verhindern wollten dass dieser neue Konkurrent seinen Betrieb aufnehmen kann (VOGT, RUBY 2008). Die späte Öffnung des französischen Güterverkehrsmarktes (2005/2006) lässt es noch nicht zu, die Entwicklung im Detail mit anderen EU-Ländern wie Deutschland zu vergleichen; jedoch scheinen die Hürden für neue Unternehmen recht hoch, da die SNCF noch sehr viel Macht auf die ausgegliederte französische Netzagentur (RFF) hat, was sich zum Beispiel in schlechter (um nicht zu sagen manipulierender) Zusammenarbeit mit neuen Unternehmen ausdrückt: Termine werden verzögert, Zuständigkeiten verschleiert und überhöhte Preise für Dienstleistungen gefordert (VOGT, RUBY 2008).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung der Eisenbahn als öffentliches Verkehrsmittel dar und skizziert die Problematik des Marktanteilsverlusts sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2. Der Weg von der Deutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG: Dieses Kapitel erläutert die strukturellen Defizite der Bundesbahn und beschreibt den politischen Reformprozess bis zur Gründung der AG.
3. EU-Verkehrspolitik: Hier werden die maßgeblichen EU-Richtlinien zur Deregulierung und Marktöffnung des europäischen Eisenbahnsektors analysiert.
4. Privatisierungsmodelle: Das Kapitel vergleicht verschiedene Ansätze der Privatisierung, von der regionalen Entflechtung bis zur Trennung von Netz und Betrieb.
5. Veränderte Voraussetzungen für Eisenbahn- bzw. Logistikunternehmen: Dieser Abschnitt beleuchtet globale wirtschaftliche Trends, den Güterstruktureffekt und Veränderungen in der gesamten Transportkette.
6. Strategien der neuen Konzerne: Hier werden Reorganisationsschritte wie Internationalisierung und Integration anhand von Beispielen (Belgien, Deutschland, Frankreich) sowie politische Lobbyaktivitäten untersucht.
7. Europäischer Eisenbahnverkehr: Die Zukunft: Dieses Kapitel fasst die Erwartungen von Branchenexperten bezüglich der Liberalisierung und der Investitionsbedarfe in Europa zusammen.
8. Deutscher Eisenbahnverkehr: Die Zukunft: Hier wird die Diskussion um den Börsengang der DB AG und das Konzept einer Politik der Gewährleistungsverantwortung behandelt.
9. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Disparität zwischen Brüsseler Zielvorgaben und den tatsächlichen nationalen Umsetzungsprozessen.
Schlüsselwörter
Bahnreform, Privatisierung, Deutsche Bahn AG, EU-Verkehrspolitik, Güterverkehr, Reorganisation, Internationalisierung, Diversifizierung, Liberalisierung, Logistik, Marktanteile, Schienennetz, Wettbewerb, Intermodalität, Infrastruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Privatisierungsprozesse europäischer Staatsbahnen und untersucht, wie diese Unternehmen auf den Wettbewerbsdruck und veränderte globale Rahmenbedingungen reagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die Bahnreform in Deutschland, die Rolle der EU-Gesetzgebung bei der Liberalisierung des Schienenverkehrs sowie die strategischen Reorganisationsschritte internationaler Bahnkonzerne.
Welches Hauptziel verfolgt die Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Gründe für den Marktanteilsverlust der Eisenbahn in Europa zu identifizieren und die Anpassungsstrategien der Bahnunternehmen an die neuen, marktwirtschaftlichen Bedingungen zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse, die verschiedene betriebswirtschaftliche und verkehrsgeographische Quellen sowie aktuelle Studien auswertet.
Was steht im Zentrum des Hauptteils?
Im Hauptteil stehen die verschiedenen Privatisierungsmodelle, die strukturellen Veränderungen in der Logistikbranche und der Vergleich der Strategien von Bahngesellschaften in Belgien, Deutschland und Frankreich.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bahnprivatisierung, Reorganisation, EU-Verkehrspolitik, Schienengüterverkehr und Wettbewerbsfähigkeit zusammenfassen.
Wie unterscheidet sich die Reorganisation bei der französischen SNCF von der Deutschen Bahn?
Die französische Bahn agiert aufgrund der starken öffentlichen Dienstleistungsmentalität („service publique“) deutlich zögerlicher und langsamer, während bei der Deutschen Bahn eine weiter fortgeschrittene Diversifizierung und globale Internationalisierung zu verzeichnen ist.
Warum wird der Börsengang der Deutschen Bahn kritisch betrachtet?
Kritiker führen an, dass die erzielbaren Erlöse im Vergleich zu den massiven staatlichen Investitionen in die Infrastruktur seit 1994 geringfügig sind und die Privatisierung den gesetzlichen Auftrag der Daseinsvorsorge gefährden könnte.
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- BSc. Alfredo Jakob (Author), 2011, Neue Strategien für neue Konzerne - Europäische Bahnunternehmen in der Privatisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/181255