Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Themenkomplexe, die die „Roonsche Heeresre-form“ näher erläutern und den Leser in die Lage versetzen sollen, selbst beurteilen zu können, ob es sich um eine „Reform“ oder „Reorganisation“ handelt. Dazu wird im ersten Teil eine kurze Begriffsklärung der beiden Termini vorgenommen, um mit diesen Termini arbeiten zu können. Danach folgt die Darstellung des alten und neuen Forschungsstandes. Hierbei werden verschiedene Beurteilungen und Perspektiven eröffnet, die den Wandel in der Bewertung der Heeresreorganisation aufzeigen sollen. Zuletzt werden die konkreten Veränderungen im preu-ßischen Militär unter der Ära Albrecht von Roons aufgezeigt und die Rolle der Landwehr im „Reformprozess“ näher herausgearbeitet. Da Veränderungen in der Armee nicht wirkungslos auf die Zivilgesellschaft bleiben, wird die politische Seite der Reorganisation, in Form des Preußischen Verfassungskonflikts, in ihren Grundzügen dargestellt, da diese eng verwoben ist mit den „Reformen“ unter Roon. Abschließend erfolgt eine eigenständige Bewertung des Verfassers, welcher Terminus für die Modifizierung des preußischen Heeres zu Beginn der 1860er Jahren zutreffend ist.
Dabei setzt der Autor die Begriffe „Reform“ und „Reorganisation“ bewusst in Anführung-szeichen, um zu Beginn offen zu lassen, welche Position er vertritt, um dem Leser die Mög-lichkeit zu verschaffen, sich ein eigenständiges Bild zu machen und ihn nicht für eine be-stimmte Sichtweise zu vereinnahmen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Begriffsdefinitionen
1.1 Was ist eine „Reform“?
1.2 Wann ist von einer „Reorganisation“ zu sprechen?
2. Alte und neue Sichtweisen auf Roons Modernisierungsprogramm
2.1 Die ältere Historiografie
2.2 Die aktuellen Forschungsansätze
3. Die konkreten Inhalte der „Reform“ bzw. „Reorganisation“
3.1 Die Veränderungen in der Landwehr
3.2 Die politischen Auswirkungen
3.2 Die Bewertung
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch, ob die militärischen Veränderungen in Preußen zu Beginn der 1860er Jahre unter Albrecht von Roon als grundlegende "Reform" oder lediglich als "Reorganisation" zu klassifizieren sind, wobei insbesondere der Einfluss auf das Verhältnis zwischen Militär und Gesellschaft sowie der Preußische Verfassungskonflikt analysiert werden.
- Begriffsabgrenzung zwischen Reform und Reorganisation im militärischen Kontext.
- Darstellung und kritische Einordnung älterer und neuerer historiografischer Sichtweisen.
- Analyse der geplanten und tatsächlichen Veränderungen der Landwehr.
- Untersuchung der politischen Implikationen, insbesondere im Kontext des Preußischen Verfassungskonflikts.
- Eigenständige Bewertung der Rolle Roons bei der Heeresmodifizierung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Veränderungen in der Landwehr
Bei der Frage der Abschaffung bzw. Umformung der Landwehr ist der Mythos, den diese Wehrgattung umgab, von entscheidender Bedeutung für die parlamentarische Diskussion über die Bewilligung der Budgetgelder für die „Heeresreorganisation“. Die Liberalen sahen in der Landwehr eine Verkörperung des bürgerlichen Dienstes am Vaterland, die selbstständig neben dem stehenden Königsheer bestand und quasi ein „wirkliches Volksheer“ bildete. Hierbei wird der Milizgedanke deutlich, der von der bürgerlichen Opposition im preußischen Landtag getragen und nach Michael Epkenhans als Förderung der paramilitärischen Ausbildung der Jugend gesehen wurde.
Nach der Meinung Roons, wie er sie in seinen „Bemerkungen und Entwürfe[n] zur vaterländischen Heeresverfassung“ darlegte, war die Landwehr eine „politisch falsche Institution“. Er warf ihr einen unmilitärischen Charakter, mangelhafte Loyalität zum Souverän und fehlende Disziplin vor. Außerdem könne eine effiziente militärische Führung nicht durch Bürger, sondern nur durch Berufsoffiziere geleistet werden. Hinzu komme noch eine permanente Revolutionsgefahr innerhalb der Landwehr.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zur Unterscheidung von „Reform“ und „Reorganisation“ sowie Skizzierung des historiografischen Kontextes.
1. Die Begriffsdefinitionen: Theoretische Herleitung und Definition der Begriffe „Reform“ und „Reorganisation“ zur Vorbereitung der weiteren Analyse.
2. Alte und neue Sichtweisen auf Roons Modernisierungsprogramm: Gegenüberstellung der glorifizierenden älteren Historiografie mit kritischen, modernen Ansätzen, die den Mythos einer „militärischen Revolution“ hinterfragen.
3. Die konkreten Inhalte der „Reform“ bzw. „Reorganisation“: Untersuchung der Landwehrveränderungen, der politischen Auswirkungen im Verfassungskonflikt und abschließende Bewertung der Ereignisse als „Reorganisation“.
4. Zusammenfassung: Synthese der Untersuchungsergebnisse und Bestätigung, dass es sich eher um eine „Reorganisation“ als um eine tiefgreifende „Reform“ handelte.
Schlüsselwörter
Albrecht von Roon, Preußisches Militär, Heeresreorganisation, Heeresreform, Landwehr, Preußischer Verfassungskonflikt, Militarisierung, Kaiserreich, Einigungskriege, Wehrpflicht, Militärgeschichte, Historiografie, Wilhelm I., Budgetrecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die militärischen Veränderungen in Preußen zu Beginn der 1860er Jahre unter Kriegsminister Albrecht von Roon und hinterfragt deren Bezeichnung als „Heeresreform“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die begriffliche Unterscheidung von Reform und Reorganisation, die Rolle der Landwehr, der Preußische Verfassungskonflikt sowie die historiografische Bewertung dieser Ära.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, auf Basis der Definitionen und der Fachliteratur zu beurteilen, ob die Maßnahmen als weitreichende „Reform“ oder eher als eine „Reorganisation“ der Armeestruktur einzustufen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine literaturgestützte, vergleichende Analyse, indem er verschiedene historiografische Sichtweisen (von älteren, ideologisch geprägten Arbeiten bis zu modernen, kritischen Ansätzen wie denen von Dierk Walter) gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt zunächst die Begriffsklärung, gefolgt von einer Analyse der alten und neuen Sichtweisen auf Roons Programm, einer Untersuchung der Veränderungen der Landwehr und deren politischer Auswirkungen, bis hin zur abschließenden Bewertung durch den Autor.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Heeresreorganisation“, „Preußischer Verfassungskonflikt“, „Landwehr“, „Albrecht von Roon“ und die kritische Auseinandersetzung mit dem „Sonderweg“ und „militärischen Mythen“ charakterisiert.
Warum wird die Landwehr im Kontext der „Reorganisation“ so kontrovers diskutiert?
Die Landwehr galt den Liberalen als „Volksheer“ und Symbol bürgerlicher Partizipation, während Roon und das Militärestablishment sie als ineffektiv, politisch unzuverlässig und als „politisch falsche Institution“ ablehnten.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich der „Roonschen Heeresreform“?
Der Autor schließt sich der Auffassung an, dass der Begriff „Heeresreform“ irreführend ist; er bevorzugt die Bezeichnung „Reorganisation“ oder „Reförmchen“, da der Einfluss Roons geringer war als oft dargestellt und die Maßnahmen eher eine Anpassung an gewachsene Heeresstärken darstellten.
- Arbeit zitieren
- Stefan Rudolf (Autor:in), 2010, Reform oder Reorganisation? – Die Veränderungen im preußischen Militär unter der Ära Albrecht von Roons, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/180835