Die Beziehung Franz Kafkas mit den Anfängen des Kinos wirft in der Forschung viele Fragen auf. Auf der einen Seite vertritt Peter-André Alt die These, dass die zahlreichen Kinobesuche, die neuartigen Techniken eines Edwin Porter oder Giovanni Pastrone, Kafka in seinem Schreiben beeinflusst haben. Auf der anderen Seite gibt es Kritiker, wie Hanns Zischler, die davon überzeugt sind, dass Kafka die im Kino gesehenen Bilder aus seinen Texten fern halten wollte.
Der Referent will mit dieser Arbeit den Denkansatz von Peter-André Alt verfolgen und damit beweisen, dass ein filmisches Schreiben in den Werken von Franz Kafka vorhanden ist.
Vom Aufbau her besteht die Arbeit aus drei verschiedenen Teilen.
In einer ersten Phase werden die institutionelle Entstehung des Kinos und die Anfänge des Films von 1886 bis 1915 thematisiert. Exakt in diesem Zeitraum spielt auch das Interesse von Franz Kafka am Kino eine zentrale Rolle. Hierbei geht es aber weniger darum die wichtigsten Filme zusammen mit den wichtigsten Produzenten chronologisch aufzuführen, sondern viel mehr um die Art und Weise wie die Filme dieser Zeit produziert wurden. Angesichts der rasanten Entwicklung von neuen Filmtechniken werden die Anfänge des Films in Frankreich, Italien und den USA näher untersucht werden.
Techniken wie das „overlapping“ (Überlappen) oder der Szenenwechsel werden im Mittelpunkt der Analyse stehen. Zweifelsfrei kommt es jedem Kinobesucher auch auf den Inhalt der gezeigten Filme an. Kafka hingegen, beschäftigte sich fast ausschließlich mit der Konzeption der Filme.
Der deutsche Film wird daher nicht thematisiert werden, weil es dem Verfasser primär um die Produktionstechniken geht und diese in Deutschland zur damaligen Zeit keine bedeutende Rolle spielten.
Nach diesem einführenden Kapitel, wird der Referent sich mit der Frage auseinandersetzen, welche Rolle das Kino im Leben von Franz Kafka einnahm. Dabei wird der Frage nachgegangen wie und wann Kafka mit dem Kino in Berührung kam und wie sich dieses Interesse entwickelte.
Abgeschlossen wird dieser Teil mit der Frage, warum seine Leidenschaft ab 1914 ein abruptes Ende nahm.
1. Einleitung
2. Die Entstehung des Kinos
2.1 Die institutionelle Entwicklung
2.2 Die Entstehung des Films
3. Kafka und das Kino
3.1 Kafkas frühes Interesse am Kino
3.2 Kafkas leidenschaftliches Interesse am Kino von 1910-1914
3.3 Kafka und die Bedeutung des Kinos nach 1914
4. Filmische Schreibweise
4.1 Entstehung der filmischen Schreibweise
4.2 Der filmische Blick in Kafkas „Der Verschollene“
4.3 Filmisches Schreiben in „Der Process“
5. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Franz Kafka zum aufkommenden Medium Film. Das Hauptziel besteht darin nachzuweisen, dass ein spezifisch filmisches Schreiben in Kafkas Werken, insbesondere in den Romanen „Der Verschollene“ und „Der Process“, vorhanden ist und wie sein Interesse an neuen Kinotechniken seine literarische Gestaltung beeinflusst hat.
- Die institutionelle Entstehung des frühen Kinos (1886-1915)
- Kafkas biographische Auseinandersetzung mit dem Medium Kino
- Analysen zur Anwendung filmischer Techniken wie Montage und Schnitt
- Vergleichende Untersuchung zwischen Filmsequenzen und Textstellen
- Die Bedeutung von Kafkas ästhetischem Interesse für seine literarische Arbeit
Auszug aus dem Buch
3.2 Kafkas leidenschaftliches Interesse am Kino von 1910-1914
Das Interesse am Kino war bei Kafka in den Jahren 1910 bis 1914 unglaublich angewachsen. Zusammen mit seinem langjährigen Freund Max Brod, unternahm er im Sommer 1911 eine Reise nach Paris. Diese Reise führte von Kafkas Heimatstadt Prag nach Zürich über Lugano in die Geburtsstadt des europäischen Kinos. Während ihrer Reise machten beide Freunde einen kurzen Zwischenstopp in München.
In einem Tagebucheintrag vermerkte Kafka folgendes:
„Regen, rasche Fahrt (zwanzig Minuten), Kellerwohnungsperspektive, Führer ruft Namen der unsichtbaren Sehenswürdigkeiten aus, die Pneumatiks rauschen auf dem nassen Asphalt wie der Apparat im Kinematographen, das Deutlichste: die unverhängten Fenster der „Vier Jahreszeiten“, die Spiegelungen der Lampen im Asphalt wie im Fluss.“
Kafka verglich in dieser Passage eine nächtliche Autofahrt in München mit einem Kinobesuch und dies zeigt wie ausgedehnt seine Aufmerksamkeit für das Kino zu dieser Zeit war. Die Leidenschaft wurde bei ihm dadurch hergeleitet, dass reale Momentaufnahmen aus dem alltäglichen Leben mit dem Kino in Verbindung gebracht werden konnten. Dieser Realismus war kennzeichnend für die „Entwicklungsjahre“ des Kinos und muss auch bei Kafka berücksichtigt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den theoretischen Rahmen fest und erläutert die Forschungsfrage, ob in Kafkas Werken ein filmisches Schreiben vorliegt.
2. Die Entstehung des Kinos: Dieses Kapitel behandelt die institutionelle Etablierung des Kinos sowie die technischen Anfänge des Films in Europa und den USA.
3. Kafka und das Kino: Hier wird die chronologische Entwicklung des Interesses von Franz Kafka am Kino und dessen Nachlassen ab 1914 detailliert analysiert.
4. Filmische Schreibweise: In diesem Hauptteil wird untersucht, wie filmische Techniken wie Montage und Kameraeinstellungen die Struktur von Kafkas Romanen beeinflusst haben.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass Kafkas Fokus auf die filmische Ästhetik und Dynamik einen wesentlichen Beitrag zur literarischen Gestaltung seiner Werke leistete.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Kino, Film, filmische Schreibweise, Der Verschollene, Der Process, Montage, Technik, Literatur, Kinematograph, Max Brod, Realismus, Bildfolge, Szenenwechsel, Moderne
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Abschlussarbeit?
Die Arbeit analysiert die Beziehung von Franz Kafka zum frühen Kino und zeigt auf, wie er kinematographische Elemente und Techniken in seine literarische Schreibweise integriert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entstehungsgeschichte des Kinos, Kafkas persönliches Kinointresse zwischen 1910 und 1914 sowie der Einfluss dieser visuellen Eindrücke auf seine Romane.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den wissenschaftlichen Beweis für ein vorhandenes „filmisches Schreiben“ in den Werken „Der Verschollene“ und „Der Process“ zu erbringen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Verfasser nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Textstellen im Vergleich zu filmtheoretischen Ansätzen und zeitgenössischen Filmtechniken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Einflusses der Kinematographie auf Kafkas ästhetisches Verständnis und die konkrete Anwendung filmischer Montage-Techniken in seinem schriftstellerischen Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kafka, Kino, filmische Schreibweise, Montage, Dynamik der Bildfolge und die Analyse seiner Hauptwerke unter filmtheoretischen Gesichtspunkten.
Wie unterscheidet sich Kafkas Interesse von dem normaler Kinobesucher?
Im Gegensatz zu den meisten Zuschauern seiner Zeit, die sich primär für den Inhalt der Filme begeisterten, richtete Kafka sein Augenmerk fast ausschließlich auf die technische Konzeption und die Dynamik der Bildabfolgen.
Warum nahm Kafkas Leidenschaft für das Kino ab 1914 ab?
Die Arbeit führt hierzu das Scheitern seiner Verlobungen mit Felice Bauer sowie eine mögliche Monotonie und mangelnde technische Weiterentwicklung des Mediums in diesen Jahren an.
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- Dany Scholten (Author), 2011, Kafka und das Kino, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/180196