„Der Exodus begann mit der Flucht vor der Sowjetarmee, es folgten sogenann-te wilde Vertreibungen durch polnische und tschechoslowakische Machthaber, die vor Beginn der Grenzverhandlungen Fakten schaffen wollten; am Ende stand die vertraglich festgelegte Vertreibung nach dem Potsdamer Abkom-men.“ Die gewalttätige Politik des nationalistischen Deutschlands richtete sich am Ende gegen die Deutschen selbst. 14 Millionen Deutsche waren nach Kriegsende ohne Heimat. 2 Millionen hatten auf der Flucht ihr Leben verloren. Gezeichnet von Hunger, Krankheiten und der erfahrenen Grausamkeit trafen sie in den deutschen Besatzungszonen ein.
In der vorliegenden Seminararbeit soll sich mit den folgenden Fragen näher auseinander gesetzt werden. Was geschah mit den Menschen nach ihrer Ver-treibung? Wie wurden die Flüchtlinge im Nachkriegsdeutschland aufgenom-men? Fanden sie im Westen tatsächlich eine neue Heimat oder versiegte nur irgendwann ihre Hoffnung auf Rückkehr in die Alte? Es stellt sich die For-schungsfrage, ob sich die Vertriebenen wirklich integriert oder nur assimiliert haben? Welche politischen Unterschiede ergaben sich durch die unterschiedli-chen Besatzungsmächte und später durch die zwei Staaten Deutschlands?
Ein enormer Unterschied lässt sich schon in der Aufarbeitung des Vertriebe-nenproblems in der Literatur aufzeigen. Die westdeutsche Flüchtlingsliteratur weist eine gewisse Chronologie auf, die parallel zu den in den jeweiligen Jahren relevanten Problemen verlief. Standen bis 1949 Themen wie Notversorgung und Wohnraumbeschaffung im Vordergrund, beschäftigte sich die Literatur ab den 1950er Jahren mit tiefer gehenden Problemen der gesellschaftlichen Integration oder der Deutung des Vertreibungsschicksals. Seit den 1970er Jah-ren nahm die Anzahl der Werke, die sich mit der Vertriebenenfrage beschäftigt, deutlich ab. Zum Einen ließ die Bedeutung der Vertriebenen in der öffent-lichen Diskussion nach, zum Anderen glaubten viele Wissenschaftler und Poli-tiker, die Herausforderung der Integration sei bereits gelöst.
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
2.) Begriffserklärungen
2.1.) Abgrenzung zwischen Flüchtlingen, Vertriebenen und Umsiedlern
2.2.) Integration, Assimilation und Akkulturation
3.) Integrationsprozesse im Ost- West- Vergleich
3.1.) Das unkontrollierte Einströmen der Flüchtlinge und Vertriebenen in den Besatzungszonen Deutschlands
3.2.) Die soziale Integration
3.3.) Politische Integrationsmaßnahmen in Westdeutschland
3.3.1.) Das Lastenausgleichverfahren
3.3.2.) Verbände und Parteien der Vertriebenen
3.4.) Politische Integrationsmaßnahmen in Ostdeutschland
3.4.1.) Sofortmaßnahmen für eine schnelle Assimilation
3.4.2.) Bemühungen um einen Lastenausgleich
3.4.3.) Grenzpolitik im Bezug auf das Umsiedlerproblem
4.) Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend die Schicksale und Integrationsprozesse von Flüchtlingen und Vertriebenen in den deutschen Besatzungszonen sowie den beiden daraus resultierenden deutschen Staaten nach 1945, mit besonderem Fokus auf die unterschiedlichen politischen Ansätze der Westalliierten und des SED-Regimes.
- Soziale Eingliederung und Marginalisierung von Vertriebenen
- Vergleich politischer Integrationsstrategien (West vs. Ost)
- Rolle von Lastenausgleich und Bodenreform
- Einfluss von Assimilationsdruck und politischer Steuerung
Auszug aus dem Buch
3.1.) Das unkontrollierte Einströmen der Flüchtlinge und Vertriebenen in den Besatzungszonen Deutschlands
Völkerwanderungen, zerbombte Städte, überfüllte Flüchtlingslager und Nissenhütten waren die klaren Kennzeichen des verlorenen Krieges. Nicht enden wollende Flüchtlingstrecks überrollten die Besatzungszonen Deutschlands. „Mit der Ankunft im Westen lag das Schlimmste hinter den Vertriebenen, aber ihr Unglück setzte sich fort. Denn die Einheimischen waren keineswegs bereit oder in der Lage, deren schweres Schicksal mitzutragen. Abwehr und Verachtung schlug ihnen entgegen, und zuweilen ließ man ihnen nicht einmal das Nötigste zukommen.“8 Titelblätter in Tageszeitungen spiegelten die allgemeine Haltung der ansässigen Bevölkerung wieder: „Soll so die Welt gesunden? Neuer Vertriebenentransport für den Kreis Lemgo – Die Elendsbilder werden immer schrecklicher – Eine böse Saat für die Zukunft“.9 Die Flucht hatte ihre Spuren hinterlassen. Die Vertriebenen waren durch Unterernährung, Verlausungen und Infektionskrankheiten gezeichnet. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Medizin und Sanitärpersonal war nicht ausreichend gewährleistet, so dass viele, nachdem sie die beschwerliche Flucht überstanden hatten, in den Auffanglagern starben. In den Jahren von 1945- 1950 lag die Sterblichkeitsrate bei 3,5%.
Nach der Unterbringung in Auffanglagern wurden die Flüchtlinge weiter verteilt. Der noch vorhandene Wohnraum wurde in gesamt Deutschland ermittelt. Hierzu gehörten durch Krieg beschädigte Häuser, überschüssiger Wohnraum bei der ansässigen Bevölkerung und weiterhin Schulen und Gemeindehallen, welche auch vorher als Auffanglager dienten. Überschüssiger Hausrat und Möbel mussten von den Einheimischen zur Verfügung gestellt werden. „Die Militärverwaltungen waren vollauf damit beschäftigt, die Kontrolle nicht zu verlieren. Sie requirierten Wohnraum, ordneten Zwangseinweisungen und Zwangsmietverträge an sowie den Wohnungstausch und die Meldepflicht für freiwerdende Wohnräume“.10 Oftmals kam es vor, dass die Vertriebenen „unter dem Schutz der Maschinenpistolen Einzug in die Häuser hielten“.11 Menschen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft, Konfession und Bildung trafen zusammen. Oft kamen beruflich gut ausgebildete und angesehene Stadtbewohner als Habenichtse in Bauerndörfer. Neben der Ignoranz der Einheimischen machte vielen der soziale Abstieg zu schaffen. Ehemals selbstständige Gutsbesitzer mussten sich als Knechte und Landarbeiter durchschlagen. Millionen von Heimatlosen standen vor dem Nichts, inmitten einer feindlich gesinnten Umwelt. Bei den Einheimischen breitete sich Hysterie angesichts der Massen an Vertrieben aus.12 „Insgesamt scheiterte das Flüchtlingsmanagement 1945/1946 in der SBZ ähnlich wie in den westlichen Besatzungszonen. Die Behörden konnten die oft ziel- und richtungslosen Wanderungen der Flüchtlinge zunächst kaum kontrollieren.“13
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Ausgangslage der Flucht und Vertreibung nach 1945 und formuliert die Forschungsfrage zur unterschiedlichen Integration der Vertriebenen in Ost und West.
2.) Begriffserklärungen: Dieses Kapitel differenziert zwischen Bezeichnungen wie Flüchtling, Vertriebener und Umsiedler und erläutert die soziologischen Begriffe Integration, Assimilation und Akkulturation.
3.) Integrationsprozesse im Ost- West- Vergleich: Dieser Hauptteil analysiert die Ankunft der Massen, die soziale Marginalisierung sowie die spezifischen politischen Maßnahmen der Westzonen und der SBZ/DDR.
4.) Zusammenfassung: Das Fazit stellt fest, dass die Assimilationspolitik in beiden Staaten scheiterte und die Integration eher ein spannungsreiches, dynamisches Interaktionsergebnis war.
Schlüsselwörter
Flüchtlinge, Vertriebene, Umsiedler, Integration, Assimilation, Akkulturation, Nachkriegsdeutschland, Lastenausgleich, Bodenreform, SBZ, DDR, Westdeutschland, Zwangsmigration, Besatzungszonen, Vertreibungsschicksal
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Aufnahme und die politischen sowie sozialen Integrationsprozesse von Vertriebenen und Flüchtlingen in den deutschen Besatzungszonen und den beiden daraus entstandenen deutschen Staaten nach 1945.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die sozialen Herausforderungen der Einwanderer, der Vergleich zwischen der westdeutschen und ostdeutschen Integrationspolitik sowie die staatlichen Maßnahmen wie der Lastenausgleich und die Bodenreform.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist ein wissenschaftlicher Vergleich, wie die unterschiedlichen politischen Systeme in Ost und West mit dem massiven Problem der Flucht und Vertreibung umgegangen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Analyse zeitgeschichtlicher Literatur, historischer Gesetze und dokumentarischer Quellen zur Vertriebenenproblematik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die soziale Eingliederung, die Analyse der politischen Maßnahmen der Westalliierten und der Bundesrepublik sowie die spezifische Politik des SED-Regimes in der SBZ bzw. DDR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Integration, Assimilation, Zwangsmigration, Lastenausgleich und der Ost-West-Vergleich der Nachkriegsgeschichte.
Wie unterschied sich der Umgang mit Umsiedlern in der DDR im Vergleich zur Bundesrepublik?
Während in der Bundesrepublik schrittweise soziale Entschädigungen (Lastenausgleich) stattfanden, setzte die DDR primär auf eine erzwungene, schnelle Assimilation und unterband politische Zusammenschlüsse der Betroffenen.
Welche Rolle spielte die Bodenreform in der DDR für die Vertriebenen?
Die Bodenreform diente vor allem der Umsetzung sozialistischer Ziele, wurde jedoch auch als Propagandainstrument genutzt, um Vertriebene in die neue Gesellschaft zu integrieren, ohne jedoch langfristig den erhofften sozialen Ausgleich für alle zu schaffen.
- Arbeit zitieren
- Julia Rudloff (Autor:in), 2009, Die Integration deutscher Vertriebener nach 1945 in Ost- und West-Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/179668