Mit einem Paradigmenwechsel in der Einwanderungs- und Integrationspolitik haben Fragen hinsichtlich der Integration von Zuwanderern in die Mehrheitsgesellschaft zunehmend an gesellschaftspolitischem Stellenwert gewonnen. Zu den spezielleren Fragen gehören z.B. die Bildungsbeteilung von Migranten, die Entstehung von ethnischen Parallelgesellschaften, die Kriminalität oder Delinquenz von Migrantennachkommen wie auch die politische Partizipation von Einwanderern. Darüber hinaus lässt sich in den wissenschaftlichen wie auch politisch- normativen Diskussionen eine zunehmende Diversifizierung entlang der Ethnie, Religion und Kultur von Migrantengruppen beobachten. Infolgedessen wird beispielsweise mit zunehmender Frequenz über den Islam im Kontext von Zuwanderung und (kultureller) Integration diskutiert (Bendel 2006; Öztürk 2004; Tiemann 2004).
Nicht erst das Initiieren einer Islamkonferenz (DIK) oder eines Integrationsgipfels durch die Bundesregierung unter Beteiligung verschiedener Migrantenverbände, Vereine und anderen Vertretungen macht deutlich, dass Migrantenselbstorganisationen (MSO) bei der „Herausforderung Integration“ eine tragende Rolle zugesprochen wird. Dem geht jedoch ein Wandel in ihrer ambivalenten Wahrnehmung voraus. Zuvor wurde den Migrantenvereinen eher mit Skepsis begegnet – Diskussionen waren negativ konnotiert. Sie wurden vielmehr als hinderliche oder desintegrative bzw. segregierende Elemente im Prozess der Integration wahrgenommen und nicht als handelnde Subjekte, die ihren Integrationsprozess selbst in die Hände nehmen, um somit politisch wie auch kulturell ihre Zukunft zu beeinflussen und zu gestalten (Paraschou 2004: 118; Bukow/ Llaryora 1988: 7; Elwert 1982: 717; Weiss/ Thränhardt 2005: 7).
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Ausgangspunkt
2. Erkenntnisinteresse und Fragen
KAPITEL I: MIGRATION, MIGRATIONSGESCHICHTE UND DIE INTEGRATIONSDEBATTE
II. Migration
1. Definitionen
2. Typologien von Migration
III. Migrationsgeschichte – Entwicklung der Gastarbeiterbeschäftigung
IV. Integrationspolitische und gesellschaftliche Diskurse
1. Politischer Integrationsdiskurs
2. Medialer Integrationsdiskurs
3. Gesellschaftlicher Integrationsdiskurs
KAPITEL II: DIE YEZIDEN
V. Die Yeziden – eine doppelte Minderheit
1. Defizite in der Literatur zu den Yeziden in Deutschland
2. Soziale Organisation und Grundzüge der Religion
3. Yeziden in der Türkei und Deutschland
4. Integrationsperspektiven
KAPITEL III: INTEGRATION UND MIGRANTENSELBSTSOREANISATION
VI. Eingliederungstheorien
1. „race- relation- cycle“ von Robert Ezra Park (1926)
2. Stufenmodell von Milton M. Gordon (1964)
3. Eingliederungstheorie von Hartmut Esser (1980)
4. „segmented assimilation“- Ansatz von Portes/ Zhou (1993/ ’97)
VII. MSO und Aspekte der Binnenintegration/ Segregation
1. MSO in Ethnischen Gemeinden – Entstehung & Struktur
2. Funktionen von Migrantenselbstorganisationen
3. Binnenintegration vs. Segregation (Elwert-Esser-Debatte)
VIII. Arbeitshypothesen (generative Fragen)
KAPITEL IV: EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG
IX. Explikation der qualitativen Studie
1. Fragestellung
2. Forschungsdesign
X. Analyse der Untersuchungseinheiten
1. Plattform Ezidischer Celler e.V. – Vereinsporträt und Analyse
2. Die Inkorporationsmuster der yezidischen Nachkommen in der PEC
3. Interpretation der Ergebnisse
XI. Fazit und Projektion
XII. Anhang
1. Schlagzeilen über die Yeziden
2. Daten zur Celleschen Zeitung
3. Integrationsleitbild Celle
4. Zusammenfassende Inhaltsanalyse nach Mayring
5. Interviewleitfäden
A. Leitfaden für die Interviews mit yezidischen Nachkommen
B. Leitfaden für die Interviews mit Experten der PEC
6. Sozialdaten der Befragten und Informationen zu den Interviews
7. Forschungsbericht
A. Experteninterviews
B. Offene Leitfadeninterviews
C. Theoretische Sättigung
D. Die Rolle des Autors im Forschungsprozess
8. Transkripte
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welchen Beitrag yezidische Selbstorganisationen, exemplarisch an der „Plattform Ezidischer Celler e.V.“, zur Integration und Partizipation der Yeziden in der deutschen Gesellschaft leisten können, und analysiert dabei die Inkorporationsmuster der yezidischen Nachkommen in Bezug auf soziale Distanz, ethnisch-kulturelle Differenz und Binnenintegration.
- Rolle von Migrantenselbstorganisationen (MSO) bei Integrationsprozessen
- Transformation yezidischer Identität in der Diaspora
- Zusammenhang von Migrationsgeschichte und Integrationsdebatte
- Analyse der Inkorporationsmuster yezidischer Nachkommen
- Untersuchung der Plattform Ezidischer Celler e.V. (PEC) als Fallbeispiel
Auszug aus dem Buch
1. Ausgangspunkt
Seit ihrer Gründung hat sich die Bundesrepublik Deutschland, wie auch andere westeuropäische Länder, durch mehrere Phasen der Zuwanderung und dauerhafter Niederlassung von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen, nachhaltig zu einer multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Einwanderungsgesellschaft transformiert (Schulte 1998: 11). Gegenwärtig leben ca. 6.7 Mio. Ausländer in Deutschland (Migrationsbericht 2008: online). 1951 lag der Umfang ausländischer Bevölkerung noch bei 506.000, das heißt bei etwa 1% der Gesamtbevölkerung (BAMF 2008: online). Demzufolge ist der Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung um etwa das Neunfache auf etwa 8.9% gestiegen (Migrationsbericht 2008: online). Eine nicht unwesentliche Zunahme ethnischer Pluralisierung lässt sich auf die Anwerbung von Arbeitsmigranten in den 50ern, 60ern und Anfang der 70er Jahre sowie auf den Zuzug ihrer Familien zur dauerhaften Niederlassung zurückführen.
Eine weitere Statistik zeichnet ein noch deutlicheres Bild. Gegenwärtig leben ca. 15.1 Mio. Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Die Personen, deren Präsenz in Deutschland mittelbar oder unmittelbar auf eine Zuwanderung zurückgeht, entsprechen somit einem Anteil von 18.4 % der Gesamtbevölkerung (Migrationsbericht 2008: online). Diese und weitere Zahlen illustrieren, dass die Zuwanderung in Deutschland keine marginale oder periphere Erscheinung ist. Ein wesentlicher Teil der deutschen Gesellschaft hat somit einen fremden ethnischen bzw. kulturellen Hintergrund – Phänomene oder Tendenzen einer nachhaltigen Pluralisierung von Ethnie und Kultur haben sich entwickelt (vgl. Schulte 1998: 11). Trotz durchschnittlicher Aufenthaltsdauer von 20 bis sogar 40 Jahren bei etwa einem Drittel der in Deutschland lebenden Personen mit Migrationshintergrund (Migrationsbericht 2008: online), kam das politische Eingeständnis hinsichtlich der faktischen Einwanderungssituation recht spät. Die politische und gesellschaftliche Fehlwahrnehmung, »Deutschland ist kein Einwanderungsland«, hat sich noch bis in die 90er Jahre aufrechterhalten (Bade 2004: 85).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung der Einwanderungsgesellschaft Deutschland ein und definiert das Erkenntnisinteresse hinsichtlich der Rolle yezidischer Selbstorganisationen.
KAPITEL I: MIGRATION, MIGRATIONSGESCHICHTE UND DIE INTEGRATIONSDEBATTE: Das Kapitel bietet theoretische Grundlagen zu Migrationsbegriffen, Typologien und der historischen Entwicklung der Gastarbeiterbeschäftigung sowie der aktuellen Debatte.
KAPITEL II: DIE YEZIDEN: Hier erfolgt eine detaillierte Vorstellung der Yeziden als doppelter Minderheit, ihrer sozialen Struktur und der Situation in der Türkei und Deutschland.
KAPITEL III: INTEGRATION UND MIGRANTENSELBSTSORGANISATION: Dieses Kapitel erläutert klassische Eingliederungstheorien und diskutiert die Funktion und Rolle von Migrantenselbstorganisationen bei Integrations- und Segregationsprozessen.
KAPITEL IV: EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG: Der empirische Teil analysiert die „Plattform Ezidischer Celler e.V.“ und die Inkorporationsmuster yezidischer Nachkommen anhand qualitativer Interviews.
Schlüsselwörter
Integration, Migration, Yeziden, Migrantenselbstorganisation, Plattform Ezidischer Celler, Inkorporationsmuster, Binnenintegration, Segregation, Identität, Partizipation, Diaspora, Kettenmigration, Ethnie, Kultur, Minderheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Integrationsprozess kurdischer Yeziden in Deutschland und untersucht dabei speziell die Rolle, die die Selbstorganisation der Gruppe – hier der Verein „Plattform Ezidischer Celler e.V.“ – in diesem Prozess spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Migrationssoziologie, die Geschichte der Yeziden als Minderheit, verschiedene Eingliederungstheorien sowie die empirische Analyse von Integrations- und Inkorporationsmustern in einem lokalen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, zu analysieren, inwieweit yezidische Selbstorganisationen einen aktiven Beitrag zur Integration und Partizipation leisten können und ob sie dabei eher als Katalysator der Integration oder als segregierendes Element (Binnenintegration) fungieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert theoretische Analysen aus der Migrationssoziologie mit qualitativen Methoden der Sozialforschung, insbesondere leitfadenorientierte Experten- und Betroffeneninterviews sowie Inhaltsanalyse nach Mayring.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Migration und Eingliederung, eine ausführliche Darstellung der Lebenssituation der Yeziden sowie den empirischen Teil, in dem die Arbeitsweise der Plattform Ezidischer Celler und die Perspektiven ihrer Mitglieder untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Integration, Migration, Yeziden, Migrantenselbstorganisation, Inkorporationsmuster, Binnenintegration, Segregation, Diaspora.
Welche Rolle spielt die „Plattform Ezidischer Celler“ (PEC) konkret?
Der Verein dient als Fallbeispiel, an dem untersucht wird, wie eine Migrantenselbstorganisation in Celle die soziale und identifikative Integration yezidischer Nachkommen fördert, moderiert und welche spezifischen Funktionen (z.B. Identitätsstärkung, Brückenfunktion) sie dabei einnimmt.
Welche Rolle spielt die Religion für die Integration der Yeziden?
Die Religion wird als zentrales Element der Gruppenidentität beschrieben, das einerseits den Zusammenhalt stärkt, aber durch Traditionen (wie das Endogamiegebot) auch Herausforderungen für eine weitreichende strukturelle Integration in die deutsche Gesellschaft darstellen kann.
Was ist das Ergebnis bezüglich der „Binnenintegration“?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die untersuchten Vereinsstrukturen in Celle keine segregierenden Tendenzen fördern, sondern eher als reflexives Instrument dienen, das den Spagat zwischen Erhalt der yezidischen Identität und der Notwendigkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe moderiert.
- Arbeit zitieren
- Cihan Acar (Autor:in), 2009, Die Rolle der Selbstorganisation beim Integrationsprozess der kurdischen Yeziden in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/179488