Er wollte den westlichen Seeweg nach Indien und China entdecken, mit Gewürzen und Gold die spanischen Staatskassen und seine eigene Geldbörse füllen. Doch das hat Kolumbus nie geschafft, stattdessen war er für den Tod vieler Indios verantwortlich. Dennoch gilt er als Entdecker schlechthin, der Mythos und Kult rund um seine Person sind ungebrochen. Wiederzufinden ist dieser Kult um den angeblichen Entdecker der Neuen Welt auch in der Kunst und in der Literatur. Roa Bastos hat 1992, 500 Jahre nach der ersten Reise des Kolumbus, seinen eigenen Weg gewählt, um die seine Geschichte zu erzählen. Er schuf mit Vigilia del Almirante einen transversalhistorischen Roman, der die historischen Gegebenheiten zwar als Vorlage nimmt, sie jedoch neu zusammensetzt, mehrere Quellen benutzt, Lücken füllt und so eine mögliche Geschichte der damaligen Ereignisse erzählt.
Der Begriff "transversalhistorisch" erweitert als operationale Kategorie die bisher in der Hispanistik verwandte Bezeichnung "nueva novela histórica", um das Verhältnis zwischen den historischen und literarischen Diskursen zu verdeutlichen. Romane wie Vigilia del Almirante lediglich als neuhistorisch zu charakterisieren, hieße, das Maß ihrer diskursiven Neuerungen nicht in angemessener Form zu betrachten. Der Begriff transversalhistorisch erfüllt diese Aufgabe weitestgehend, denn er signalisiert in einem Wort besonders bildhaft die Art der Verknüpfung zwischen der Geschichte und der Fiktion: transversal. So wird die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Vertextungsverfahren innerhalb der literarischen Tradition gerichtet, sondern auch auf die epistemologischen Veränderungen, die sich im Schreiben, Lesen, Sprechen und Wahrnehmen äußern.
In dieser Arbeit wird der Roman „Vigila del Almirante“ von Augusto Roa Bastos dahingehend beleuchtet, was ihn als transversalhistorischen Roman kennzeichnet. Dazu wird zunächst geklärt, was der Begriff „transversalhistorisch“ eigentlich bedeutet und wo er herkommt. Danach werden verschiedene Elemente aufgezeigt, die Vigila del Almirante als transversalhistorischen Roman charakterisieren. Außerdem wird geklärt, wie Roa Bastos seinen Kolumbus 500 Jahre nach den Entdeckungsreisen darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Mythos Kolumbus
2. Geschichtsverständnis und historische Romane
2.1 Von Walter Scott bis zur Postmoderne
2.2 Hayden White und die narrative Strukturiertheit der Geschichtswissenschaft
2.3 Der transversalhistorische Roman
3. Vigilia del Almirante als transversalhistorischer Roman
3.1 Kurzer Abriss des Inhalts
3.2 El prólogo
3.3 Kapitel IX
3.4 Das Entdecken und das Verdecken der neuen Welt
3.5 Vigilia del Almirante als metafiktionaler Text
3.6 Der fiktive Kolumbus
3.7 El diario de a bordo
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht den Roman „Vigilia del Almirante“ von Augusto Roa Bastos unter dem Aspekt des transversalhistorischen Romans. Dabei wird analysiert, wie der Autor durch die Vermischung von historischen Fakten, fiktionalen Elementen und metafiktionalen Verfahren eine dezentrierte und hybride Darstellung der Entdeckung Amerikas konstruiert, die den klassischen Wahrheitsanspruch historischer Erzählungen in Frage stellt.
- Konzeptualisierung des transversalhistorischen Romans
- Narrative Strategien und historische Konstrukthaftigkeit nach Hayden White
- Analyse der Metafiktionalität und Intertextualität im Werk
- Untersuchung der Entdeckungs- und Verdeckungsstrategien
- Die Rolle des fiktiven Kolumbus im Spannungsfeld zwischen Mythos und Realität
Auszug aus dem Buch
3.3 Kapitel IX
Das neunte Kapitel ist mit der Frage ¿Existió el piloto desconocido? tituliert. Es thematisiert die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede der dokumentarisch belegten Geschichten und der fiktiven Geschichten. Roa Bastos spricht von historias fingidas und historias documentadas. „Tal es la diferencia que existe entre las historias documentadas y las historias fingidas que no se apoyan en otros documentos que no sean los símbolos. Las dos son géneros de ficción mixta; sólo difieren en los pricipios y en los métodos.” (Roa Bastos 1992: 78) Denn die historias documentadas „buscan instaurar el orden, anular la anarquía, abolir el azar en el pasado, armar rompecabezas perfectos, sin hiatos, sin fisuras, lograr conjuntoas tranquilizadores sobre la base de la probanza documental, de la verificación de las fuentes, del texto establecido, inmutable, irrefutable, en el que hasta el riesgo calculado de error está previsto e incluido.” (Roa Bastos 1992: 78)
Die dokumentierten Geschichten füllen also Lücken und bessern sie aus, dabei steht immer auch ein gewisses Ordnungsbestreben im Vordergrund. Auch spricht Roa Bastos von „abolir el azar en el pasado“, d.h. es geht um die Vergangenheit, in der Koherenzen dargestellt werden, die vielleicht gar nicht so existierten. Doch die dokumentierten Geschichten streben nach einer ständigen Systematisierung und Strukturierung der Tatsachen. Außerdem wollen sie „armar rompecabezas perfectos, sin hiatos, sin fisuras…“, d.h. es wird ein Rahmen geschaffen, von dem nicht abgewichen wird. Wenn etwas nicht reinpasst, dann wird es ausgespart.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Mythos Kolumbus: Einführung in das Thema der anhaltenden Mythenbildung um Kolumbus und Vorstellung des Romans als transversalhistorisches Werk.
2. Geschichtsverständnis und historische Romane: Erläuterung der Entwicklung des historischen Romans von Walter Scott bis hin zu modernen, konstruktivistischen Geschichtsauffassungen.
3. Vigilia del Almirante als transversalhistorischer Roman: Detaillierte Analyse des Romans hinsichtlich seiner inhaltlichen Struktur, der metafiktionalen Verfahren und der hybriden Darstellung von Geschichte.
4. Zusammenfassung: Resümee über die literarische Neukonstruktion der Entdeckung Amerikas bei Roa Bastos und die Bedeutung der metafiktionalen Intertextualität.
Schlüsselwörter
Vigilia del Almirante, Augusto Roa Bastos, transversalhistorischer Roman, Metafiktion, Kolumbus, Geschichtsschreibung, Fiktion, Intertextualität, Narrativität, Hybridität, Postmoderne, Konstruktivismus, Entdeckung Amerikas, Don Quijote, Historiographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Roman „Vigilia del Almirante“ von Augusto Roa Bastos und untersucht, wie der Autor die klassische Geschichtsschreibung durch literarische Fiktion dekonstruiert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen das Verhältnis von Geschichte und Literatur, die Konstrukthaftigkeit historischer Fakten und die metafiktionale Gestaltung innerhalb des Romans.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Roman als „transversalhistorisch“ zu charakterisieren und aufzuzeigen, wie Roa Bastos die Entdeckung Amerikas jenseits konventioneller Wahrheitsansprüche neu interpretiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Es werden literaturwissenschaftliche Methoden genutzt, insbesondere die Theorien von Hayden White zum historischen Erzählen sowie Ansätze aus der Transversalitätstheorie nach Ceballos.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Einbettung in den historischen Roman, der detaillierten Untersuchung verschiedener Kapitel des Werks und der Analyse des fiktiven Kolumbus-Bildes.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Die zentralen Charakteristika sind Metafiktionalität, Intertextualität, Hybride Erzählformen, Achronie und die bewusste Auflösung starrer historischer Narrative.
Wie unterscheidet der Autor zwischen „historias documentadas“ und „historias fingidas“?
Roa Bastos trennt zwischen dokumentarischen Erzählungen, die nach Ordnung und Systematisierung streben, und fiktiven Erzählungen, die den Zufall und die Imagination zulassen.
Warum wird Kolumbus im Roman mit Don Quijote verglichen?
Dieser Vergleich unterstreicht den fiktiven Charakter der historischen Figur, indem beide Protagonisten ihre Umwelt durch die Brille ihrer Lektüren deuten, statt die Realität direkt wahrzunehmen.
- Arbeit zitieren
- Andrea Köbler (Autor:in), 2010, Vigila del Almirante von Augusto Roa Bastos, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/179432