In der Geschichtswissenschaft hat es immer wieder Entwicklungsschübe gegeben, die das Fach revolutioniert haben. Dabei wurden neue Perspektiven erschlossen, altbekannte Begriffe mit neuen Inhalten diskutiert und vor allem neue Methoden und Themen vorgeschlagen. Als einer der größten, aber auch kontrovers diskutierten Innovatoren der letzten Jahrzehnte auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften gilt der französische „Allround-Denker“ Michel Foucault. „Es ist die Geschichte der Wahrheitsproduktion, die im Zentrum des Foucaultschen Denkens steht“, bringt es Hannelore Bublitz in einem Sammelband mit dem Titel „Geschichte schreiben mit Foucault“ auf den Punkt. Und treffender könnte man auch eine Einleitung zu Edward Saids viel beachtetem und von der Kritik sehr unterschiedlich aufgenommenem Buch "Orientalism" nicht formulieren, in dem dieser den Orientalismus nicht nur als einen vom Okzident über den Orient entwickelten Diskurs beschreibt sondern soweit geht, zu behaupten, der „Orient“ sei eine nahezu europäische Erfindung.
Der verstorbene Literaturwissenschaftler beruft sich in seinem Werk darauf, mit den von Michel Foucault entwickelten Methoden gearbeitet zu haben. Dazu zählen die Instrumente „Archiv“, „Archäologie“, „Genealogie“ und „Diskurs“, wobei letzterer die zentrale Rolle in Saids Analysen einnimmt. Doch schreibt Edward Said wirklich Geschichte konsequent nach den Vorstellungen Michel Foucaults oder dient ihm dieser vielleicht nicht eher als kongenialer Stichwortgeber?
Inhaltsverzeichnis
1. Michel Foucault als Inspirationsquelle für Edward Saids Orientalismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Fundierung von Edward Saids Werk "Orientalism" und analysiert, inwiefern Said die methodischen Konzepte Michel Foucaults – insbesondere die Diskursanalyse – adäquat auf sein Forschungsobjekt angewendet hat.
- Methodische Analyse der Diskursanalyse nach Michel Foucault
- Untersuchung der Übertragbarkeit foucaultscher Konzepte auf den Orientalismus
- Kritische Reflexion der "faktischen Reichweite" und Selektionskriterien in Saids Werk
- Vergleich der humanistischen Position Saids mit dem diskursanalytischen Ansatz Foucaults
- Bewertung der Rolle des Orients als diskursive Konstruktion
Auszug aus dem Buch
Michel Foucault als Inspirationsquelle für Edward Saids Orientalismus
Der verstorbene Literaturwissenschaftler beruft sich in seinem Werk darauf, mit den von Michel Foucault entwickelten Methoden gearbeitet zu haben. Dazu zählen die Instrumente „Archiv“, „Archäologie“, „Genealogie“ und „Diskurs“, wobei letzterer die zentrale Rolle in Saids Analysen einnimmt und der Autor sogar sagt: „My contention is that without examining Orientalism as a discourse one cannot possibly understand the enormously systematic discipline by which EU-culture was able to manage – and even – produce the Orient political, sociologically, militarily, scientificaly., imaginatively […]”. Der in erster Line von französischen und britischen Orientalisten ausgehende und von ihnen beherrschte Diskurs über die islamisch-arabische Welt kann, in Anlehnung an Michel Foucault, als ein Netzwerk von Texten, Dokumenten, Praktiken und Disziplinen beschrieben werden, in dem Wissen produziert und der Rahmen möglicher Äußerungen bestimmt wird. Orientalismus kann zudem verstanden werden als ein Denkstil, basierend auf einer ontologischen bzw. epistemologischen Unterscheidung zwischen dem „Orient“ und dem „Okzident“.
Das dabei in den Texten und durch die Praktiken produzierte Wissen ist in keinster Weise objektiv, sondern erschafft eine Realität, die sie vergeblich nur darstellt und ist des Weiteren eng mit dem Begriff der Macht verbunden. Um es auf den Punkt zu bringen, der „Orient“ ist nach Ansicht von Said kein Fakt, sondern ein mystisches Konstrukt, erzeugt und gefestigt durch ganze Generationen von Künstlern, Politikern und Orientalisten aus dem Okzident, wobei sich innerhalb des westlichen Diskurses über den Orientalismus niemand seinen Vorstellungen entziehen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Michel Foucault als Inspirationsquelle für Edward Saids Orientalismus: Die Einleitung und Hauptanalyse beleuchten die theoretische Verbindung zwischen Michel Foucaults Diskursbegriff und Edward Saids Orientalismus-Kritik, wobei sowohl die methodischen Schnittmengen als auch die abweichende humanistische Perspektive Saids kritisch bewertet werden.
Schlüsselwörter
Michel Foucault, Edward Said, Orientalismus, Diskursanalyse, Machtverhältnisse, Okzident, Orient, Wissensproduktion, Diskursive Formation, Kolonialismus, Genealogie, Archäologie, Kulturwissenschaft, Identitätskonstruktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das theoretische Verhältnis zwischen den Arbeiten von Michel Foucault und Edward Saids einflussreichem Werk "Orientalism".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Anwendung diskursanalytischer Methoden auf koloniale Texte, die Konstruktion von Wissen über den Orient und die Machtstrukturen, die dieser Darstellung zugrunde liegen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob Edward Said die komplexen Konzepte Foucaults (Archiv, Genealogie, Diskurs) präzise umgesetzt hat oder ob er bei der Anwendung eigene, eher humanistische Wege eingeschlagen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine wissenschaftstheoretische und diskursanalytische Reflexion vorgenommen, um die methodische Konsistenz von Saids Vorgehen im Kontext der foucaultschen Theorie zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Instrumente der Diskursanalyse nach Maingueneau, kritisiert Saids selektive Quellenwahl und diskutiert die Probleme bei der Verbindung individueller Autorenschaft mit diskursiven Formationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Diskursanalyse, Orientalismus, Macht, Wissen, kulturelle Konstruktion und Identität charakterisieren.
Warum ist laut Autor die Auslassung des Maghreb in Saids Werk problematisch?
Der Autor argumentiert, dass die Auslassung des Maghreb deshalb entscheidend ist, weil Saids kritische Fragen bereits bei französischen Orientalisten im Kontext des Algerienkrieges relevant waren und durch diese Lücke eine wichtige Dimension der Analyse fehlt.
Inwieweit weicht Said laut Autor von Foucaults Diskursbegriff ab?
Said wird eine eher humanistische Position zugeschrieben, die im Gegensatz zu Foucault mehr Gewicht auf die individuelle Autorenschaft legt und somit das für Foucault typische Desinteresse am Individuum zugunsten einer klassischen Intellektuellengeschichte aufgibt.
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- Yannick Lowin (Author), 2011, Michel Foucault als Inspirationsquelle für Edward Saids Orientalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/178823