[...] Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. In einem ersten Schritt werden die im
Verhältnis zueinander stehenden ideologischen, wirtschaftlichen und
politischen Bedingungen beschrieben, welche sowohl die Konstitution als
auch den Verlauf der Wiedergutmachungspolitik mittelbar und unmittelbar
beeinflussten. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der
kommunistischen Auffassung des Faschismusbegriffes und den daraus
abgeleiteten Schlüssen zukommen. Anschließend werden die
wirtschaftlichen Voraussetzungen der SBZ geschildert, mit Fokus auf das
sogenannte Trilemma der Verteilungsgerechtigkeit: Die Gleichzeitigkeit
von Reparationszahlungen an die Sowjetunion, die allein die SBZ zu
tragen hatte, dem Wiederaufbau einer Wirtschaft und der
Wiedergutmachung gegenüber den Juden.
Der zweite Teil der Arbeit widmet sich den konkreten
Wiedergutmachungsbemühungen innerhalb der SBZ. Zu einem besseren
Verständnis wird zunächst ein kurzer Abschnitt vorangestellt, der die
„Arisierungspolitik“ der Nazis umreißt. Danach gilt, neben der Schilderung
erster Hilfsmaßnahmen, und vereinzelten Wiedergutmachungsbemühungen
in den Ländern der SBZ, dem Thüringer
Wiedergutmachungsgesetz ein besonderes Interesse, da es das erste und
einzige Gesetz war, welches umfassendere Rückerstattungsbestimmungen
beinhaltete.
Von wesentlich größerer Tragweite für den weiteren Verlauf der
Wiedergutmachungspolitik war jedoch die so genannte VdN–Verordnung
(Anordnung zur Sicherung der rechtlichen Stellung der anerkannten Verfolgten des Naziregimes) vom 05. Oktober 1949. Die Probleme und
Schwierigkeiten, die, von den ersten Überlegungen eines
Wiedergutmachungsgesetzes bis hin zu seiner tatsächlichen
Zementierung, auftraten, rücken dabei ins Zentrum der Betrachtung. Mit
dem VdN-Gesetz war die Wiedergutmachungspolitik aus Sicht der DDRFührung
quasi beendet.
Der dritte und letzte Teil der Arbeit beschäftigt sich daher mit den immer
wieder an die DDR herangetragenen Wiedergutmachungsforderungen
sowohl von Seiten des Staates Israel als auch seitens us-amerikanischer
Interessensvertreter jüdischer Restitutions- und
Entschädigungsansprüche. Dabei sollen Gründe und Begründungen
herausgearbeitet werden, mit denen es der DDR-Führung immer wieder
gelang, den an sie herangetragenen Forderungen auszuweichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Thematik
1.2. Forschungsstand
2. Interpretationsrahmen für Restitution und Entschädigung
2.1. Der kommunistische Faschismusbegriff
2.2. Die ideologische Hierarchisierung
2.3. Die sowjetischen Reparationen
3. Entschädigung und Restitution in der SBZ
3.1. Die Nationalsozialistische Enteignung jüdischen Besitzes
3.2. Unmittelbare Fürsorgemaßnahmen
3.3. Bemühungen in den Ländern der SBZ
3.3.1. Das Wiedergutmachungsgesetz in Thüringen
3.3.2. Ansätze in den restlichen Ländern
3.3.3. Die Rückgabe von Gemeindeeigentum
3.4. Streit um Wiedergutmachung
3.4.1. Debatten in der SED
3.4.2. Das VdN-Gesetz
3.4.3. Konsequenzen und antisemitische Wellen
4. Ideologische Dogmen und konsequente Verweigerung
4.1. Israelische Forderungen
4.2. Verhandlungen mit den USA
4.3. Ende und Neubeginn
5. Résumee
6. Bibliographie
6.1. Quellen
6.2. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Voraussetzungen und das Ausmaß der Restitution und Entschädigung von jüdischen Überlebenden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) sowie der späteren DDR. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie die spezifisch kommunistische Interpretation des Nationalsozialismus und die wirtschaftlichen Bedingungen der SBZ die Wiedergutmachungspolitik beeinflussten und dazu führten, dass diese weitgehend auf reine Fürsorgemaßnahmen reduziert wurde.
- Die ideologische Instrumentalisierung des kommunistischen Faschismusbegriffs und die daraus resultierende Kämpfer-Opfer-Hierarchisierung.
- Die wirtschaftliche Belastung durch sowjetische Reparationsforderungen („Trilemma der Verteilungsgerechtigkeit“).
- Die Analyse konkreter Rückerstattungsversuche, insbesondere des Thüringer Wiedergutmachungsgesetzes und des SMAD-Befehls Nr. 82.
- Der Umgang mit Wiedergutmachungsforderungen des Staates Israel und der Jewish Claims Conference bis zur Gründung der DDR und darüber hinaus.
Auszug aus dem Buch
2.1. Der kommunistische Faschismusbegriff
Der zweite Weltkrieg unterschied sich im Vergleich zu vorangegangenen militärischen Konflikten vor allem durch die Tatsache, dass das nationalsozialistische Regime einen doppelten Kampf geführt hatte: nach außen einen Krieg gegen die halbe Welt und gleichzeitig nach innen einen Kampf gegen Teile der deutschen Bevölkerung. Nach Kriegsende galt es daher, die äußeren und inneren Folgen dieses doppelten Kampfes zu bewältigen. Das schloss sowohl Kriegsreparationen an fremde Staaten ein, als auch die Bewältigung der durch die Diktatur innerhalb Deutschlands entstandenen Folgen. Dazu gehörte auch die Frage der Wiedergutmachung gegenüber Bürgern des Deutschen Reiches, die durch ihre eigene Regierung geschädigt worden waren.
Erschwerend kam hinzu, dass innere und äußere Folgen des Zweiten Weltkrieges miteinander verwoben waren, denn der Terror gegen Menschen innerhalb des deutschen Reiches, die den Feindbildern des Nationalsozialismus entsprachen, war während des Krieges in die eroberten Länder hineingetragen worden.
Diese Verwobenheit erschwerte eine Unterscheidung zwischen konkreten Kriegsfolgen und den Folgen nationalsozialistischer Verfolgung. „Die Bestimmung dessen, was Gegenstand von Reparationen und Wiedergutmachung sein soll, und damit zugleich die Abgrenzung zwischen diesen Kategorien, ist deshalb stets abhängig von der jeweiligen Gesamtinterpretation des Nationalsozialismus.“ Im Westen Deutschlands galten die Juden als Hauptopfer des Nationalsozialismus. In Ostdeutschland hingegen wurden vielmehr die Kommunisten beziehungsweise die Sowjetunion als Hauptopfer bezeichnet. Hierin lag eine entscheidende Voraussetzung für die Art und Weise einer möglichen Wiedergutmachung gegenüber den jüdischen Überlebenden des Holocaust innerhalb der SBZ.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Wiedergutmachung und Darstellung des aktuellen Forschungsstandes.
2. Interpretationsrahmen für Restitution und Entschädigung: Erläuterung der ideologischen Grundlagen, insbesondere des kommunistischen Faschismusbegriffs und der sowjetischen Reparationslasten.
3. Entschädigung und Restitution in der SBZ: Untersuchung der NS-Enteignungspolitik sowie der konkreten, aber begrenzten Ansätze zur Rückerstattung und Fürsorge in den Ländern der SBZ.
4. Ideologische Dogmen und konsequente Verweigerung: Darstellung der Ablehnung internationaler Wiedergutmachungsforderungen durch die DDR-Führung bis zum Ende des Staates.
5. Résumee: Zusammenfassende Bilanz der ideologisch und wirtschaftlich determinierten Verweigerungshaltung der SBZ/DDR gegenüber umfassenden Restitutionsansprüchen.
6. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Wiedergutmachung, SBZ, DDR, Restitution, Entschädigung, Faschismusbegriff, Opferhierarchie, SMAD, Sowjetische Besatzung, Holocaust, Reparationen, jüdische Gemeinden, Antizionismus, Arisierung, VdN-Gesetz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Umgang der SBZ und der DDR mit dem nationalsozialistischen Erbe unter besonderer Berücksichtigung der Wiedergutmachung für jüdische Opfer.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung umfasst die ideologische Deutung des Faschismus durch die KPD/SED, die wirtschaftlichen Zwänge durch Reparationen sowie die konkreten rechtlichen Schritte zur Entschädigung und Rückerstattung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, unter welchen Voraussetzungen und inwieweit jüdische Überlebende in der SBZ entschädigt wurden und warum eine umfassende Restitution an ideologischen und wirtschaftlichen Hindernissen scheiterte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung von Primärquellen (SMAD-Befehle, SED-Dokumente) und Fachliteratur zur DDR-Zeitgeschichte basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kämpfer-Opfer-Hierarchisierung, das "Verteilungstrilemma" der SBZ-Wirtschaft, lokale Rückerstattungsgesetze wie in Thüringen sowie die politische Abwehr von Entschädigungsforderungen durch die DDR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Wiedergutmachung, Restitution, Faschismusbegriff, Opferhierarchie, SBZ, DDR und sowjetische Reparationen.
Welche Rolle spielte Paul Merker in diesem Prozess?
Paul Merker war einer der wenigen innerhalb der SED, der sich aktiv für Wiedergutmachung und Entschädigung jüdischer NS-Opfer einsetzte, weshalb er später im Zuge antisemitischer Kampagnen in der DDR verfolgt wurde.
Warum lehnte die DDR eine umfassende Rückerstattung jüdischen Eigentums ab?
Die Ablehnung basierte primär auf der ideologischen Sicht, dass Wiedergutmachung nur eine "bürgerlich-kapitalistische" Praxis sei, sowie der Absicht, enteignetes Eigentum zur Festigung des sozialistischen Volkseigentums zu nutzen.
- Arbeit zitieren
- Henning Remisch (Autor:in), 2008, Juden in der SBZ – Restitution und Entschädigung bis zur Gründung der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/178720