Gewalt im Geschlechtervältnis ist ein Phänomen, welches sich sowohl in der deutschen Literatur des Mittelalters als auch der Gegenwart großer Beachtung erfreut. Gerade wegen dieser Kontinuität als literarisches Motiv eignet es sich hervorragend, um die an deutschen Schulen scheinbar unbeliebte Literatur des Mittelalters mit gegenwärtigen Texten zu verknüpfen und so interessierten Schülern nahe zu bringen. Im Anschluss an eine sorgfältige Textanalyse des Arthusromans "Erec" von Hartmann von Aue mit dem Schwerpunkt der männlichen Gewalt gegen Frauen werden Unterrichtsvorschläge zur Umsetzung jenes Textes mit Ausschnitten aus gegenwärtigen Werken besprochen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Männliche Gewalt an Frauen im Erec: eine Textanalyse ausgewählter Szenen
2.1. Hoffräulein und Zwerg
2.2 Enite und Erec
2.3. Enite und Oringles
2.4. Zusammenfassung der Textanalyse
3. Männliche Gewalt gegen Frauen in der Literatur des Mittelalters und der Gegenwart: Vorschläge zur unterrichtlichen Umsetzung
3.1 Vermittlung von Literatur des Mittelalters im Schulunterricht
3.2 Ältere und Gegenwartsliteratur
3.3 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv der männlichen Gewalt gegen Frauen in Hartmann von Aues Erec und kontrastiert diese Darstellungen mit der Gegenwartsliteratur, um didaktische Ansätze für den Schulunterricht der Oberstufe zu entwickeln. Dabei wird analysiert, wie Gewalt als Mittel der Kommunikation und Machtausübung in verschiedenen Epochen wahrgenommen und bewertet wird.
- Analyse der Gewaltformen in Hartmann von Aues Erec (gegenüber dem Hoffräulein sowie Enite)
- Gegenüberstellung mittelalterlicher Texte mit zeitgenössischer Literatur und Rap-Musik
- Reflexion über geschlechterspezifische Machtverhältnisse in der Literatur
- Didaktische Konzepte zur Einbindung fremder (mittelalterlicher) Texte in den Unterricht
Auszug aus dem Buch
2.1. Hoffräulein und Zwerg
Da sie wissen möchte, wer der Ritter ist, der, begleitet von einer schönen Frau und einem Zwerg, in Eile durch ihr Land reitet, schickt Ginover, die Frau des König Artus, ihr Hoffräulein zu ihm. Es sei betont, dass Erec sich aufdrängt, diesen Dienst an der Zofe statt zu übernehmen, und dennoch von der Königin abgelehnt wird. Der Grund hierfür mag darin liegen, dass eine höfische Dame, ganz im Gegensatz zum Ritter Erec, als Zeichen friedvoller Absicht gilt. Tatsächlich wird auch wiederholt jene gewaltlose Form des Kommunikationsversuchs vom Autor betont: Das Fräulein spricht den Zwerg mit zühten (V.31)2 an und betont auch die friedvolle Absicht der Königin (mugget ir mich daz wizzen lân,/âne schaden ir daz tuot, V.42-43). Nachdem der Zwerg das Fräulein zurückweist, und diese den Versuch unternimmt, zu dem Ritter vorzudringen, schlägt er sie mit seiner Peitsche über huobet und über hende (V.56). Bei der Beschreibung jenes Ereignisses wechselt die Fokalisierung vom Zwerg und dem Fräulein zu Erec und Ginover, welche von weitem den Vorgang beobachten. Nur so kann die physische und offensichtlich willkürliche Gewalt gegen die Hofdame von Erec und Ginover als missewende (V.57) bewertet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel führt in das Motiv der Gewalt im Geschlechterverhältnis ein, beleuchtet dessen Präsenz in der Literaturgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart und begründet die Relevanz der Analyse von Hartmann von Aues Erec für den Schulunterricht.
2. Männliche Gewalt an Frauen im Erec: eine Textanalyse ausgewählter Szenen: In diesem Kapitel werden drei zentrale Schlüsselszenen aus Erec detailliert untersucht, um die Formen und die Bewertung männlicher Gewalt gegen Frauen im höfischen Kontext herauszuarbeiten.
2.1. Hoffräulein und Zwerg: Analyse des gewaltsamen Übergriffs des Zwerges auf das Hoffräulein, wobei die Tat als Zeichen der Kommunikationsverweigerung gegen die königliche Institution gedeutet wird.
2.2 Enite und Erec: Untersuchung der privaten Gewaltbeziehung zwischen Erec und Enite, insbesondere der Auswirkungen des Redeverbots und der körperlichen Buße als vermeintlich legitime Mittel innerhalb der Ehe.
2.3. Enite und Oringles: Betrachtung der öffentlichen Gewaltanwendung durch den Grafen Oringles und wie diese durch die Hofgesellschaft als Bruch mit sozialen Normen sanktioniert wird.
2.4. Zusammenfassung der Textanalyse: Zusammenführung der Ergebnisse zur Darstellung von Gewalt als schandhaftes und ehrloses Verhalten in Hartmanns Erec, wobei der Text als Verteidiger weiblicher Würde positioniert wird.
3. Männliche Gewalt gegen Frauen in der Literatur des Mittelalters und der Gegenwart: Vorschläge zur unterrichtlichen Umsetzung: Dieses Kapitel liefert didaktische Strategien zur Verknüpfung von älterer und neuerer Literatur, um das Interesse der Oberstufenschüler für mittelhochdeutsche Texte zu wecken.
3.1 Vermittlung von Literatur des Mittelalters im Schulunterricht: Erörterung der Herausforderungen und Chancen bei der Vermittlung mittelalterlicher Literatur sowie Vorschläge zur Einbindung lebensnaher oder kontrastierender Gegenwartstexte.
3.2 Ältere und Gegenwartsliteratur: Konkrete Vorschläge für Textauswahlen und methodische Aufgabenstellungen zur vergleichenden Analyse von Gewaltdarstellungen in Literatur und Rap-Musik.
3.3 Zusammenfassung: Abschließende Reflexion über die methodische Vorgehensweise und die Notwendigkeit, Schüler für eine kritische, semiotische und inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt zu sensibilisieren.
Schlüsselwörter
Erec, Hartmann von Aue, Gewalt, Geschlechterverhältnis, Mittelhochdeutsch, Literaturdidaktik, Oberstufe, Gegenwartsliteratur, Rap-Musik, Textanalyse, Geschlechterrollen, Hoffräulein, Enite, Gewaltprävention, interdisziplinäres Lernen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Darstellung männlicher Gewalt gegen Frauen in der Literatur und untersucht, wie diese Motive analysiert und didaktisch für den Deutschunterricht in der Oberstufe aufbereitet werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die höfische Literatur des Mittelalters (speziell Hartmann von Aues Erec), die Kontrastierung mit zeitgenössischen Medien wie Rap-Songs sowie Konzepte zur Literaturdidaktik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Schülern durch den Vergleich von mittelalterlichen und modernen Texten ein tieferes Verständnis für die sprachlichen und gesellschaftlichen Hintergründe von Gewaltdarstellungen zu vermitteln und die Aktualität mittelalterlicher Literatur aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textnahe Analyse (einschließlich Fokalisierung und Wortfelduntersuchungen) durchgeführt, kombiniert mit didaktischen Überlegungen zur Literaturvermittlung und interdisziplinären Ansätzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Textanalyse ausgewählter Szenen aus Erec und daran anschließende konkrete methodische Vorschläge für den Unterricht, inklusive Aufgaben zum Umschreiben von Texten oder zur Analyse von Musikvideos.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Erec, Gewalt, Literaturdidaktik, Geschlechterverhältnis und Medienvergleich charakterisieren.
Inwiefern ist die Gewalt im Erec als "politisch" zu verstehen?
Der Autor argumentiert, dass beispielsweise der Übergriff des Zwerges auf das Hoffräulein primär als Gewalt gegen die Institution der Königin zu verstehen ist, da das Fräulein als deren Repräsentantin und Zeichen friedvoller Absicht fungiert.
Warum wird die Einbindung von Rap-Musik vorgeschlagen?
Rap-Songs bieten ein aktuelles Medium, das ebenfalls das Thema Gewalt behandelt. Der Vergleich der Textarten ermöglicht es Schülern, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Darstellung von Gewalt und Macht aus zwei verschiedenen Epochen besser zu reflektieren.
Was unterscheidet die Gewalt von Erec von der Gewalt durch den Grafen Oringles?
Während Erec als Ehemann innerhalb seines Rechtsbereichs agiert (auch wenn er die Gewalt als Strafe nutzt), handelt Oringles in aller Öffentlichkeit und überschreitet damit höfische Normen, was zu einer direkten Missbilligung durch die Umgebung und den Erzähler führt.
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- Franz Kröber (Author), 2011, Gewalt im Geschlechterverhältnis in der Literatur des Mittelalters und der Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/178100