Eine Analyse verschiedener Verläufe weiblicher Adoleszenz , wie sie in den beiden Romanen Ellen Olestjerne und Mädchen in Uniform dargestellt werden, kommt nicht umhin, Bezug auf den gesellschaftlichen Kontext zu nehmen, in den die Handlungen eingebettet sind. Dies umso weniger, wenn – wie hier der Fall – die Texte biographisch geprägt und damit vor einem tatsächlichen historischen Hintergrund situiert sind (Faber 1993; Wall 1995, Bd. 2, 209-211; Kubitschek 1998; Egbringhoff 2000).
Es gab um die Jahrhundertwende einen regelrechten »Boom« von Internats- und Schulromanen und -novellen; lediglich die bekanntesten Vertreter dieser Gattung sind: Conrad Ferdinand Meyer (1883): Die Leiden eines Knaben, Ernst von Wildenbruch (1892): Das wilde Blut, Rainer Maria Rilke (1901): Die Turnstunde, Emil Straß (1902): Freund Hein, Frank Wedekind (1906): Frühlings Erwachen, Hermann Hesse (1906): Unterm Rad, Robert Walser (1909): Jakob von Gunten, und Rainer Maria Rilke (1909): Pierre Dumont. Trotz aller Unterschiede gemeinsam war ihnen allen eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit »Jugend«. Internatsromane eigneten sich vor allem deshalb ausgezeichnet für die Darstellung von Adoleszenzkonflikten, weil sie einerseits die Sondersituation betonen, in der sich der Jugendliche befindet (der fern von der Gesellschaft der Erwachsenen, aber auch fern von der Welt der Kinder, sowie räumlich und psychisch eingeengt und beengt ist, während außerdem die Erziehungsgewalt der Eltern auf die Lehrer übertragen ist). Andererseits bilden sie aber dennoch ein Abbild der Gesellschaft, in der die Schüler (als Untertanen) einer Autorität mit absolutem Herrschaftsanspruch (dem Lehrer) gegenüber zum Gehorsam verpflichtet sind, und wo zugleich Hierarchien und Abhängigkeiten selbst innerhalb einer sozialen Gruppe bestehen (vgl. Mix 1995, 217-243).
Zwischen der Entstehung von Ellen Olestjerne (1903) und Mädchen in Uniform (1934) liegen jedoch mehr als drei Jahrzehnte: und zwar Jahrzehnte, die bewegter und umwälzender waren als so manches Jahrhundert zuvor. Dennoch macht es Sinn, beide Romane einander gegenüber zu stellen, denn die tatsächlichen Zeitspannen, die von den Handlungen jeweils abgedeckt werden, liegen viel näher zusammen, als ein Blick auf die Erscheinungsdaten vermuten lässt. ....
Inhaltsverzeichnis
1. Mehr als eine Jahrhundertwende: Gesellschaft in Deutschland zwischen 1871 und 1918
1.1. Ziele der Erziehung
1.2. Die Institution: Mädchenpensionate um die Jahrhundertwende
1.3. Erziehungsziele in den Internaten
2. Adoleszenz: Mädchen im wilhelminischen Kaiserreich und Militärstaat
2.1. Mädchen- und Frauenrollen
2.1.1. Typologie der Protagonistinnen in Ellen Olestjerne und Mädchen in Uniform
2.1.2. Typologie anderer Mädchencharaktere in beiden Romanen
2.2. Rollenerwartungen und Rollenverstöße im Erziehungssystem Internat
2.3. Von »fraulichen«, »braven«, »wilden« und lesbischen Mädchen
2.4. Ellen Olestjerne vs. Manuela von Meinhardis
3. Sexualität und wilhelminische Internate
3.1. Substitution des sexuellen Erwachens durch das Prinzip der Schwärmerei
3.2. Weibliche Homosexualität: Bedrohung der Institution und des Staates
4. Nach dem Marsch durch die Institution: ein Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Verläufe weiblicher Adoleszenz in den Romanen "Ellen Olestjerne" und "Mädchen in Uniform" vor dem Hintergrund des wilhelminischen Erziehungssystems. Ziel ist es aufzuzeigen, wie das staatlich-patriarchale System durch strenge Rollenzuschreibungen, militärische Erziehungsprinzipien und die Verdrängung von Sexualität die Identitätsentwicklung junger Frauen beeinflusste, und welche Konflikte, Auflehnungsstrategien oder Anpassungsmechanismen sich daraus ergaben.
- Gesellschaftlicher Kontext des wilhelminischen Deutschlands (1871–1918)
- Die Institution Mädchenpensionat als Instrument der Domestikation
- Typologien weiblicher Adoleszenz (fraulich, brav, wild, lesbisch)
- Weibliche Homosexualität als Systembedrohung und deren Konsequenzen
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Typologie der Protagonistinnen in Ellen Olestjerne und Mädchen in Uniform
Die Figuren Ellen Olestjerne und Manuela von Meinhardis haben ein ernst zu nehmendes Problem: Sie erfüllen die Rollenerwartungen, die an sie gestellt werden, nicht einmal annähernd – und wollen sie auch nicht erfüllen. Von Kindesbeinen an weigert sich Ellen Olestjerne, sich dem Weiblichkeitsbild der Zeit unterzuordnen. Ihr sehnlichster Wunsch ist dagegen, ein Junge zu sein; doch die Schwierigkeiten fangen ja schon beim kindlichen Spiel an:
… immer war es gerade Ellen, die mit zerrissenen Kleidern, mit Schrammen und Beulen heimkam oder schlammbedeckt und bis unter den Hals durchnässt. Woher hatte das Kind nur diese unbändige Wildheit im Leibe? Kein Baum war ihr zu hoch, kein Graben zu weit, und wurde sie dafür gescholten, so brach sie jedesmal in schmerzliche Verwünschungen aus, daß sie kein Junge war. (Reventlow 1980, 36)
Seit frühester Kindheit unterscheidet sie sich von anderen Mädchen durch ihre Wildheit, ihren Widerspruchsgeist, ihre Auflehnung, ihren ausgeprägten Freiheitsdrang (ibid, 33, 36, 43, 57). Sie zeigt ausgeprägte Aversionen gegen jegliche Form von Hausarbeit, Unterricht und weibliche Kleidungsstücke. Stattdessen verbringt sie jede freie Minute draußen im wilden Spiel mit ihren Brüder und träumt jahrelang davon, zum Zirkus zu gehen oder Schiffsjunge zu werden (ibid, 37). Selbst äußerlich zeichnen sich Konflikte mit den Rollenmustern ab: »Ellen war im Lauf der Jahre kräftig und gesund geworden und stolz darauf, daß sie es mit jedem gleichaltrigen Jungen aufnehmen konnte. (…) [K]ein Mensch hielt sie für ein Mädchen, wenn sie Detlevs Kleider anhatte« (ibid, 30, 37).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Mehr als eine Jahrhundertwende: Gesellschaft in Deutschland zwischen 1871 und 1918: Analyse des historischen und gesellschaftlichen Kontexts des Kaiserreichs als Militärstaat, der maßgeblich die Erziehungsideale und sozialen Hierarchien prägte.
1.1. Ziele der Erziehung: Darstellung der staatlichen Erziehungsprinzipien, die primär auf Gehorsam, Disziplin und die Domestikation der Frau als künftige Soldatenfrau ausgerichtet waren.
1.2. Die Institution: Mädchenpensionate um die Jahrhundertwende: Untersuchung der Kontroll- und Strafmechanismen in Mädcheninternaten, die durch totale Überwachung und Einschränkung der Freiheit gekennzeichnet waren.
1.3. Erziehungsziele in den Internaten: Erörterung der Internatserziehung, die weniger auf Wissen als auf die Vermittlung von Benimmregeln und Unterordnung unter patriarchale Autorität abzielte.
2. Adoleszenz: Mädchen im wilhelminischen Kaiserreich und Militärstaat: Analyse der Adoleszenzphasen unter dem Einfluss des repressiven wilhelminischen Systems und der daraus resultierenden Identitätskonflikte.
2.1. Mädchen- und Frauenrollen: Reflexion über die starren, von Wunschvorstellungen geprägten Rollenbilder der "Kindfrau" und die daraus entstehenden Konfliktpotentiale.
2.1.1. Typologie der Protagonistinnen in Ellen Olestjerne und Mädchen in Uniform: Untersuchung der Protagonistinnen, die sich den ihnen auferlegten Rollen aktiv widersetzen oder an ihnen scheitern.
2.1.2. Typologie anderer Mädchencharaktere in beiden Romanen: Abgrenzung der Protagonistinnen zu anderen weiblichen Figuren, die sich durch Anpassung oder subtile Strategien in das System einfügen.
2.2. Rollenerwartungen und Rollenverstöße im Erziehungssystem Internat: Untersuchung der systemimmanenten Strafmaßnahmen bei Verstößen gegen explizite und implizite Erziehungsregeln.
2.3. Von »fraulichen«, »braven«, »wilden« und lesbischen Mädchen: Systematisierung der Adoleszenzverläufe in vier unterschiedliche Mädchentypen und deren Umgang mit dem gesellschaftlichen Druck.
2.4. Ellen Olestjerne vs. Manuela von Meinhardis: Vergleich der unterschiedlichen Motive und Reaktionen der beiden Protagonistinnen auf ihre soziale Benachteiligung und Unterdrückung.
3. Sexualität und wilhelminische Internate: Analyse der vollständigen Verdrängung und Tabuisierung von Sexualität innerhalb der Internate und der Lehrerinnen-Lebenswelt.
3.1. Substitution des sexuellen Erwachens durch das Prinzip der Schwärmerei: Untersuchung der "Schwärmerei" als Ersatzstrategie für das unterdrückte sexuelle Erwachen und deren Funktion im Internat.
3.2. Weibliche Homosexualität: Bedrohung der Institution und des Staates: Reflexion über die Bedrohung, die weibliche Homosexualität für die patriarchale Ordnung darstellte, und die daraus resultierende Stigmatisierung.
4. Nach dem Marsch durch die Institution: ein Ausblick: Zusammenfassender Ausblick auf die Zukunftsperspektiven der verschiedenen Mädchentypen nach Verlassen des Internats.
Schlüsselwörter
Adoleszenz, Wilhelminisches Kaiserreich, Internat, Mädchenbildung, Rollenerwartungen, Erziehung, Geschlechterrollen, Homosexualität, Militärstaat, Patriachat, Domestikation, Identitätsbildung, Ellen Olestjerne, Mädchen in Uniform, Unterdrückung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert die Lebenssituation und Adoleszenzverläufe von Mädchen in der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des preußisch-wilhelminischen Erziehungssystems.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Themen Internatserziehung, patriarchale Rollenzuschreibungen, weibliche Identitätsentwicklung, gesellschaftliche Normen im Kaiserreich sowie den Umgang mit Sexualität und Homosexualität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, wie das suppressive Erziehungssystem in Internaten gezielt auf die Domestikation junger Mädchen zur künftigen "Soldatenfrau" abzielte und welche Widerstandsformen oder Identitätskonflikte die Protagonistinnen in den untersuchten Romanen entwickelten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die die Texte "Ellen Olestjerne" und "Mädchen in Uniform" in ihren historischen und gesellschaftlichen Kontext einbettet und mit soziologischen sowie erziehungshistorischen Ansätzen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der gesellschaftlichen Erziehungsideale, die Typologisierung der Mädchencharaktere, die Untersuchung von Internatsstrukturen sowie die Analyse der Rolle von Sexualität und weiblicher Homosexualität innerhalb dieses Systems.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Adoleszenz, wilhelminisches Kaiserreich, Internat, Rollenverstöße, Zwangsheterosexualität, patriarchale Ordnung und Identitätsfindung.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen "wilden" und "braven" Mädchen?
Die Autorin unterscheidet diese Typen nach ihrem Grad der Auflehnung: "wilde Mädchen" wie Ellen Olestjerne zeigen ihre Rebellion offen und aggressiv, während "brave Mädchen" das System zwar reflektieren und subtil unterwandern, nach außen hin aber rollenkonform auftreten.
Welche besondere Gefahr stellt weibliche Homosexualität in diesem Kontext dar?
Weibliche Homosexualität wird als radikale Infragestellung der männlichen Vorherrschaft und der Zwangsheterosexualität begriffen; sie bedroht die Grundlagen der patriarchalen Ordnung und wird daher als "Pest" bzw. pathologische Abweichung stigmatisiert, die eine exemplarische Bestrafung nach sich zieht.
- Arbeit zitieren
- Hanna Kubowitz (Autor:in), 2003, Weibliche Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/177508