„woraus ich, so weit meine Einsicht reicht, die Überzeugung schöpfe, dass immer die Niedrigsten, besonders wenn sie eine hohe Stufe der Macht erstiegen haben, in Stolz und Ehrfurcht alles Maß überschreiten.“
AURELIUS VICTOR, De Caesaribus, XXXIX, 5.
Das obige Zitat, dass uns von Aurelius Victor überliefert ist, bezieht sich auf die Regierungszeit Diokletians. Welches Ereignis könnte ihn zu dieser Aussage gebracht haben?
Gemäß Aurelius Victor – und anderen Zeitzeugen, auf die später noch eingegangen werden soll – war Diokletian der erste Kaiser „seit Caligula und Domitianus [...] der sich öffentlich „Herr“ nennen und wie eine Gottheit verehren und anreden ließ“.
Diesen Vorgang bezeichnet man als Proskynese. Für die Forschung gilt dieser Vorgang jedoch nicht als gesichert. Ein Teil der Forschung (namentlich A. Alföldi) sieht den Ursprung der Proskynese bereits früher. In „Die monarchische Repräsentation im römischen Kaiserreiche“ legt Andreas Alföldi Belege für seine These umfassend und schlüssig dar. Andere Vertreter der Forschung (namentlich H. Stern und W. T. Avery ) sehen in der Argumentation Alföldis jedoch Mängel; sie glauben diese durch entsprechende Gegenbeispiele entkräftet zu haben.
Diese Arbeit soll anhand ausgewählter Quellen versuchen die Argumentationsstruktur der oben genannten Forscher nachzuvollziehen und ggf. zu ergänzen.
Folgende These stellt der Verfasser dieser Arbeit außerdem auf:
„Diokletian war der erste Kaiser nach Caligula und Dominitian der die Proskynese offiziell (ein-)forderte (request ). Der Vorgang der Proskynese – auf freiwilliger Basis –
fand jedoch fand schon vor Diokletian statt. Insofern kann nicht gesagt werden, dass Diokletian der erste Kaiser war, der sich hat adorieren lassen“.
Am Schluss dieser Arbeit soll ein Fazit stehen, in dem die Haltbarkeit der hier augestellten These sowie der ausgewählten Forschungspositionen überprüft werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Quellenlage
a) Diokletianische Beispiele
2.1 Interpretation von De Caesaribus, 39, 4 – 5
2.2 Interpretation von Res Gestae, 15. 5, 18
b) Vordiokletianische Beispiele
2.3 Interpretation von Histoire Romaine, 58. 11, 2
2.4 Interpretation von Regnum post Marcum, 3. 11, 8
3. Darstellung der Position Andreas Alföldis
4. Darstellung der Position H. Sterns
5. Darstellung der Position W. T. Averys
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Debatte um die Einführung der Proskynese in das römische Hofzeremoniell unter Diokletian. Das zentrale Forschungsziel besteht darin, die wissenschaftlichen Argumentationsstrukturen maßgeblicher Forscher zu analysieren und zu prüfen, ob Diokletian tatsächlich als der erste Kaiser gelten kann, der diese Form der Adoration offiziell einführte oder ob Vorläufer in der römischen Geschichte existierten.
- Historische Quellenkritik der spätantiken Autoren
- Differenzierung zwischen freiwilliger Geste und offizieller Zeremonialvorschrift
- Vergleich der Forschungspositionen von Alföldi, Stern und Avery
- Untersuchung der Bedeutung des kaiserlichen Purpurs
- Kontextualisierung der Proskynese in der römischen Republik und Kaiserzeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Interpretation von De Caesaribus, 39, 4 - 5
Folgender Quellenabschnitt ist hinsichtlich der Einführung der Proskynese relevant:
„Denn er (Anmerkung: Diokletian) war seit Caligula und Domitianus wieder der Erste, der sich öffentlich „Herr“ nennen und wie eine Gottheit verehren und anreden ließ; woraus ich, soweit meine Einsicht reicht, die Überzeugung schöpfe, das immer die Niedrigsten, besonders wenn sie eine hohe Stufe der Macht erstiegen haben, in Stolz und Ehrfurcht alles Maß überschreiten“12
Es ist zunächst wichtig, diesen Abschnitt im Kontext zu betrachten. Zuvor schildert Aurelius Victor die Ermordung des Aper („Das Verbrechen wurde lange Zeit verheimlicht, da der Leichnam wie ein Kranker, dessen Augen nicht vom Winde belästigt werden sollen, in eine Sänfte eingeschlossen getragen wurde“, 38, 8). Hierauf folgt in Kapitel 39 die Vorstellung des Valerius Diocletianus mit folgenden Worten:
„Als aber durch den Geruch der in Fäulnis übergehender Glieder entdeckt war, [wurde auf den Rath der Heerführer und Kriegsobersten Valerius Diocletianus], der Befehlshaber der Haustruppen, jener Weisheit wegen zum Kaiser erwählt [...]“13
Diese Stelle macht den Eindruck, als wolle Aurelius Victor einen Zusammenhang zwischen der Ermordung Apers und der Erhebung Diokletians zum Kaiser herstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Fragestellung zur Einführung der Proskynese unter Diokletian und Präsentation der eigenen Arbeitshypothese.
2. Quellenlage: Analyse und Interpretation zeitgenössischer Quellen, unterteilt in diokletianische und vordiokletianische Belege, zur Ermittlung des historischen Befunds.
3. Darstellung der Position Andreas Alföldis: Zusammenfassung der Thesen von A. Alföldi, der die Ursprünge der Proskynese weit vor Diokletian verortet.
4. Darstellung der Position H. Sterns: Kritische Gegenposition von H. Stern, der die von Alföldi angeführten Beweise als unschlüssig bewertet und den Terminus adorare erst in diokletianischer Zeit sieht.
5. Darstellung der Position W. T. Averys: Einordnung von Averys „Mittelweg“, der den Fokus auf das Küssen des kaiserlichen Purpurs als spezifische Neuerung Diokletians legt.
6. Schlussbemerkung: Synthese der Forschungsergebnisse und Bestätigung der These, dass Diokletian die offizielle Einforderung etablierte, die Praxis der Proskynese jedoch älter ist.
Schlüsselwörter
Proskynese, Adoratio, Diokletian, Hofzeremoniell, Aurelius Victor, Ammianus Marcellinus, Kaiserwürde, Purpur, Antike, Quellenkritik, Demutsbezeugung, Monarchische Repräsentation, Andreas Alföldi, Spätantike, Hofetikette
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Kontroverse, ob Kaiser Diokletian tatsächlich als erster Herrscher die Proskynese (Adoration) in das römische Hofzeremoniell einführte.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die Analyse spätantiker Quellen, der Vergleich unterschiedlicher wissenschaftlicher Positionen zur kaiserlichen Repräsentation und die Untersuchung ritueller Ehrfurchtsgesten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die Einführung der offiziellen Adoration als Erfindung Diokletians zu betrachten ist oder ob sie auf bereits existierenden, freiwilligen Traditionen aufbaut.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine quellenkritische Analyse durchgeführt, bei der antike Texte (wie Aurelius Victor oder Ammianus Marcellinus) philologisch kontextualisiert und mit modernen Forschungspositionen abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Quelleninterpretation sowie die diskursive Gegenüberstellung der Argumentationen von A. Alföldi, H. Stern und W. T. Avery.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Proskynese, Adoratio, Diokletian, Quellenkritik und monarchische Repräsentation charakterisiert.
Warum spielt der „kaiserliche Purpur“ eine Rolle?
W. T. Avery argumentiert, dass das spezifische Zeremoniell des Purpurkusses eine Neuerung Diokletians darstellt, die von der allgemeinen kniefälligen Proskynese abgegrenzt werden muss.
Wie bewertet der Autor die Thesen von Alföldi und Stern?
Der Autor stuft Alföldis Nachweis älterer Traditionen als schlüssig ein, erkennt aber auch an, dass Sterns Einwand bezüglich des diokletianischen Ursprungs der offiziellen Forderung und der spezifischen Terminologie berechtigt ist.
- Arbeit zitieren
- Benjamin Doth (Autor:in), 2008, Die Debatte um die Einführung der adoratio in das Hofzeremoniell Diokletians, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/177292