„“Weil sie manchmal Sachen sagen, wozu sie imstande wären...uns zum Beispiel ins Internat zu schicken“ (Junge, 11 Jahre)“
In dieser Aussage eines 11-jährigen Jungen findet sich eine mögliche Ursache für die Trennungsangst. Betrachtet man den Satz genau, so könnte man folgende Aussage machen: Das Kind versteht sich als Objekt, das dem Handeln der Eltern schutzlos ausgeliefert ist. In diesem Fall bezieht sich das Handeln der Eltern auf die Androhung, die Kinder ins Internat zu schicken. Aus welcher Motivation heraus die Eltern diese Androhung aussprechen, sei für den Moment dahingestellt. Das Kind jedoch macht die Erfahrung, dass es jederzeit von seinen Eltern getrennt werden könnte. Eine mögliche Trennung wird also gezielt eingesetzt, um bei dem Kind eine Angst hervorzurufen. Die Angst, dass es bei unpassendem Verhalten von zu Hause weg muss.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, sich unter Einbeziehung der Autoren Federer Petermann und Zlotovicz mit den Entstehungsprozessen der Trennungsangst auseinanderzusetzen. Im Anschluss hieran sollen ursachenbezogene Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt und kritisch überprüft werden. Der Verfasser dieser Arbeit stellt zudem folgende These auf:
„Die maßgebliche Ursache für die Entstehung der kindlichen Trennungsangst sind in erster Linie nicht Trennungserfahrungen, sondern Aussagen von nahestehenden Personen die eine Trennungsangst entweder forcieren oder ungewollt hervorrufen“.
Im Anschluss an diese Arbeit sollen in einem abschließenden Fazit die vorgeschlagenen Interventionsmöglichkeiten auf ihre Anwendbarkeit sowie die vom Verfasser dieser Arbeit aufgestellte These auf ihre Haltbarkeit hin überprüft werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Diagnosekriterien nach Petermann
2.1 Definition der Trennungsangst
2.2 Diagnosekriterien nach DSM-III-R
3. Auseinandersetzung mit den Entstehungsprozessen der Trennungsangst
3.1 Ätiologiemodell nach Federer
3.2 Ätiologiemodell nach Petermann: Lernprozesse als Ursache sozialer Angst
3.3 Ätiologiemodell nach Zlotovicz: Elterliches Verhalten als Ursache kindlicher Trennungsangst
4. Therapie- und Interventionsmöglichkeiten
4.1 Kompakte Trainings nach Petermann
4.1.1 Einzelsitzungen nach Petermann
4.1.2 Gruppensitzungen nach Petermann
4.1.3 Mitarbeit der Eltern
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss elterlichen Verhaltens auf die Entstehung von Trennungsangst bei Kindern. Das primäre Ziel besteht darin, unter Einbeziehung wissenschaftlicher Modelle zu belegen, dass weniger reale Trennungserfahrungen, sondern vielmehr durch Bezugspersonen induzierte Ängste oder Aussagen die Trennungsangst forcieren, und darauf basierend geeignete therapeutische Interventionsansätze zu prüfen.
- Analyse der Entstehungsprozesse von Trennungsangst
- Untersuchung von Lernprozessen im elterlichen Umfeld
- Kritische Reflexion von erzieherischem Fehlverhalten
- Vorstellung kompakter therapeutischer Trainingsmodelle
- Rolle der Eltern in der therapeutischen Intervention
Auszug aus dem Buch
3.3 Ätiologiemodell nach Zlotovicz: Elterliches Verhalten als Ursache kindlicher Trennungsangst
Michel Zlotovicz beschäftigt sich in seiner Abhandlung mit den Ursachen von Angst. Elterliche Handlungen, die sich auch in Erzählungen und Geschichten manifestieren, bilden häufig den Ursprung kindlicher Angstvorstellungen, die zu einer Trennungsangst führen können. Zlotovicz legt seinen Focus auf Berichte und Erzählungen von Entführungen. Diese sind zwar in der heutigen Zeit nicht mehr häufig, die Bedeutung aber, die einem einzelnen Entführungsfall in Presse und Medien beigemessen wird, gehen auch an einem Kind nicht vorbei. So entsteht die Angst vor Entführungen, die Angst davor, mitgenommen zu werden und nicht mehr zurückzukehren. Diese Ängste werden durch die Erzählungen der Eltern noch verstärkt. Häufig nicht beabsichtigt und als erzieherisches Mittel gedacht, rufen diese Ängste und Albträume hervor.
Michel Zlotovicz gibt einige Beispiele, von denen hier zwei genannt werden sollen: „Man hat mir gesagt, daß Räuber nur ein Ohr haben, deshalb habe ich unheimliche Angst gehabt. Man hat mir eine Geschichte erzählt, und ich glaube immer, es stimmt, daß man mich stehlen wird, obwohl man mir gesagt hat, daß es unmöglich ist...“ An diesem Beispiel wird deutlich, welche Wirkung Geschichten auf Kinder haben können. Selbst wenn Eltern im Nachhinein erkennen, dass diese Geschichte Ängste hervorruft, lässt sich die entstandene Angst nicht mehr relativieren. Ein weiteres Beispiel soll diese Wirkung noch einmal verdeutlichen: „Ich höre, daß von Einbrechern und solchen Sachen geredet wird. Ich habe Angst, daß mir nicht die Zeit bleibt, aufzustehen und Mama zu rufen. Ich fürchte, daß sie mich mitnehmen, und dann bin ich nicht mehr bei meiner Mama“. Hier wird noch einmal der Auslöser sowie die Folge der Angst verdeutlicht. Der Auslöser („Ich höre [...]“) sind die Erzählungen von Eltern oder nahestehenden Personen. Es folgt die Angst, von den Eltern getrennt zu werden („dann bin ich nicht mehr bei meiner Mama“). Es wird also eine Trennungsangst erzeugt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der kindlichen Trennungsangst ein und formuliert die These, dass vor allem Aussagen nahestehender Personen Trennungsängste bei Kindern auslösen.
2. Diagnosekriterien nach Petermann: Dieses Kapitel definiert Trennungsangst klinisch und stellt wichtige Merkmale nach dem DSM-III-R zur diagnostischen Einordnung vor.
3. Auseinandersetzung mit den Entstehungsprozessen der Trennungsangst: Hier werden verschiedene Ätiologiemodelle von Federer, Petermann und Zlotovicz analysiert, um die Ursachen der Störung im sozialen Umfeld des Kindes zu beleuchten.
4. Therapie- und Interventionsmöglichkeiten: Das Kapitel beschreibt das kompakte Training nach Petermann, bestehend aus Einzel- und Gruppensitzungen sowie der notwendigen Einbeziehung der Eltern.
5. Fazit: Das Fazit bestätigt die Ausgangsthese, dass elterliches Verhalten ein zentraler Faktor für Trennungsangst ist, und empfiehlt die vorgestellten Trainings als effektive Gegenmaßnahme.
Schlüsselwörter
Trennungsangst, Kindheit, elterliches Fehlverhalten, Ätiologiemodelle, Intervention, Verhaltenstherapie, Lernprozesse, Angststörungen, Erziehung, Psychologie, Prävention, Kindertherapie, soziales Umfeld, Hilflosigkeit, Bindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie elterliches Verhalten und bestimmte Aussagen von Bezugspersonen Trennungsängste bei Kindern hervorrufen oder verstärken können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Ursachenforschung von Trennungsangst, der Einfluss elterlicher Kommunikation und Erziehung auf die kindliche Psyche sowie pädagogisch-therapeutische Interventionsmöglichkeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die These zu belegen, dass primär nicht tatsächliche Trennungserlebnisse, sondern elterliche Handlungen und verbale Androhungen die wesentlichen Auslöser für Trennungsängste sind.
Welche wissenschaftlichen Modelle werden verwendet?
Es werden Ätiologiemodelle von Matthias Federer, Ulrike Petermann und Michel Zlotovicz herangezogen, um das Entstehen sozialer Ängste zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit den Entstehungsprozessen und einen praktischen Teil, der das „kompakte Training“ nach Petermann vorstellt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Trennungsangst, elterliches Fehlverhalten, Lernprozesse, Unkontrollierbarkeit und therapeutische Intervention.
Warum ist das „Tokenprogramm“ für Kinder mit Trennungsangst wichtig?
Das Tokenprogramm dient der positiven Verstärkung und vermittelt dem Kind Kontrolle über Fortschritte, was dem Gefühl der Hilflosigkeit entgegenwirkt.
Welche Rolle spielen die Eltern in der Therapie?
Die Eltern sind ein entscheidender Faktor, da sie ihre Kinder zur Teilnahme ermutigen müssen und ihr eigenes Verhalten ändern sollen, um dem Kind Sicherheit und ein „Familiengefühl“ zu vermitteln.
- Arbeit zitieren
- Benjamin Doth (Autor:in), 2008, Elterliches Fehlverhalten als Auslöser der kindlichen Trennungsangst, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/177290