„Es ist ein befreiendes Gefühl, seine eigensten Nöte in Versen ausgedrückt wieder zu finden“– so die bewegte Reaktion einer Leserin nach der Lektüre eines Gedichts von Mascha Kaléko. Ein Text, der eine solch begeisterte Reaktion auch nur in einer einzigen Rezipientin hervorruft, ist aufgrund seiner positiven (Ventil-)Wirkung zumindest in Bezug auf dieses eine lesende Subjekt ein persönlicher Glücksfall. Ein Text, der in kindlichen und jugendlichen Leserinnen und Lesern eine solch positive Reaktion hervorzurufen vermag, ist ein besonderer Glücksfall für den Deutschunterricht – ein Glücksfall, dessen pädagogisch-didaktischer Wert kaum überschätzt werden kann. Ein solcher Text ist Mascha Kalékos Gedicht „Kleine Auseinandersetzung“.
Die vorliegende Arbeit möchte entsprechend verstanden werden als eine kleine (didaktische) Annäherung die „Kleine Auseinandersetzung“. Dieses Gedicht wurde hier ausgewählt, da es trotz – oder möglicherweise wegen – seiner unprätentiösen und simpel anmutenden Oberflächenstruktur, d.h. trotz seiner scheinbaren Schlichtheit in Aufbau, Lexik, Stil und Syntax, Schülerinnen und Schülern tiefsinnige, wesentliche und ‚wissens-werte’ Erkenntnisse vermitteln kann. Dies gilt vor allem für den Themenkomplex Sprache als Mittel zwischenmenschlicher Kommunikation, dabei besonders Sprachverwendung sowohl als Ursache für Konflikte als auch als Instrument der Vermeidung und Bewältigung von Konflikten. Es gilt zudem hinsichtlich des Nicht-Ausgesprochenen wenngleich Mitzuverstehenden oder, um einen literaturwissenschaftlichen Begriff zu wählen, in Bezug auf das Phänomen der literarischen Leerstelle. Nicht zuletzt gilt es aber auch für weitere essentielle Aspekte menschlicher Identität, darunter vor allem das Verhältnis der Geschlechter in der vorherrschenden (heteronormativen) Geschlechterordnung und damit verbunden auch sexuelle Orientierung. Wie die nächsten Abschnitte zeigen wollen, lässt sich zu Recht behaupten: In der gemeinsamen Auseinandersetzung mit der „Kleine[n] Auseinandersetzung“ im Deutschunterricht können Schülerinnen und Schüler gleich in mehrfacher Hinsicht zu elementaren, fundamentalen und exemplarischen Erkenntnissen gelangen, von denen einige im Rahmen von Sprachkompetenz- und Literaturunterricht von Bedeutung sind (Stichwort Fach-, Sach- und Methodenkompetenz), während andere als für eine ganzheitliche Persönlichkeitsbildung unabdingbare Voraussetzungen gelten dürfen (Stichwort personale und Sozialkompetenz).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung oder „Du hast mir nur ein kleines Wort gesagt“
2. Hauptteil oder „Nun geht das kleine Wort mit mir spazieren“
2.1. Sachanalyse oder „Was war es doch?“
2.2. Didaktische Analyse oder „Uns reift so manches stumm in Herz und Hirn“
2.3. Lernziele oder ‚Und werde dabei langsam Opti- und nicht Pessimist’
3. Schlussbetrachtung oder „– Ob dies das letzte Wort gewesen ist?“
4. Bibliografie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Mascha Kalékos Gedicht „Kleine Auseinandersetzung“ im Hinblick auf sein didaktisches Potenzial für den Deutschunterricht. Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Gedicht durch seine scheinbare Schlichtheit und das Prinzip der literarischen Leerstelle grundlegende Kompetenzen in der Sprachbetrachtung und Persönlichkeitsbildung von Schülern fördern kann.
- Sprachverwendung als Ursache und Instrument bei der Bewältigung von zwischenmenschlichen Konflikten.
- Die Funktion der literarischen Leerstelle als zentrales Element der Textinterpretation.
- Sensibilisierung für Geschlechtsmarkierungen und das Prinzip der Geschlechtsambiguität in Texten.
- Förderung der kommunikativen Kompetenz und Reflexionsfähigkeit durch die Analyse von Kommunikationssituationen.
- Methodische Ansätze zur Steigerung der Schülermotivation durch lebensweltnahe Lyrik.
Auszug aus dem Buch
2.1. Sachanalyse oder „Was war es doch?“
Versuchen wir nun, uns dem Gedicht zunächst sachanalytisch anzunähern. Wir werden sehen, dass sich die Kernaussage und -frage zu wenigen Worten ‚verdichten’ lassen:
Du hast mir nur ein kleines Wort gesagt (V. 1)
So kurz und spitz. Leis fühlte ich das Stechen. (V.10)
– Ob dies das letzte Wort gewesen ist? (V. 20)
Durch eine verbale Verletzung hat die noch genauer zu bestimmende Beziehung zwischen Ich und Du einen so empfindlichen Bruch erlitten, dass ihr Fortbestehen grundlegend in Frage steht. Es ist dabei mit Sicherheit kein Zufall, dass es genau der erste, mittlere und letzte Vers sind, in denen die Essenz des Gedichts aufscheint. Vielmehr spricht dies dafür, dass das Gedicht bei aller scheinbaren Einfachheit sehr elaborierten Kompositionsprinzipien unterliegt.
Noch vor dem ersten Lesen, bereits beim bloßen Anblicken des Gedichts, sticht unmittelbar seine klare Gliederung ins Auge. Ein genaueres Hinsehen zeigt, dass es sich dabei um eine Unterteilung in fünf vierzeilige Strophen, kurz um eine Quartettstruktur, handelt. Wir werden später sehen, dass diese optisch auffällig klare Unterteilung auch syntaktisch, thematisch und grammatikalisch nachweisbar ist. Schon beim ersten Lesen des Gedichts wird der so erweckte Eindruck einer klaren und scheinbar simplen Oberflächenstruktur durch reimisch und metrische Aspekte verstärkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung oder „Du hast mir nur ein kleines Wort gesagt“: Das Kapitel führt in das Potenzial des Gedichts ein, Leselust zu wecken und als Ausgangspunkt für tiefsinnige Erkenntnisse über zwischenmenschliche Kommunikation zu dienen.
2. Hauptteil oder „Nun geht das kleine Wort mit mir spazieren“: Dieser Abschnitt unterteilt sich in die Analyse der Struktur, der didaktischen Möglichkeiten zur Förderung der Sprachkompetenz sowie die konkrete Formulierung von Lernzielen für die Mittelstufe.
3. Schlussbetrachtung oder „– Ob dies das letzte Wort gewesen ist?“: Die Arbeit resümiert, dass das Gedicht aufgrund seiner Zugänglichkeit und seines Identifikationspotenzials ein didaktischer Glücksfall für den Deutschunterricht ist.
4. Bibliografie: Hier werden die verwendeten Primär- und Sekundärquellen für die vorliegende Untersuchung aufgelistet.
Schlüsselwörter
Mascha Kaléko, Kleine Auseinandersetzung, literarische Leerstelle, zwischenmenschliche Kommunikation, Sprachkompetenz, Geschlechtsambiguität, Identifikationspotenzial, Lyrikdidaktik, Deutschunterricht, Konfliktbewältigung, Textanalyse, Schülermotivation, Sprachverwendung, literarisches Lernen, Persönlichkeitsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer literaturwissenschaftlichen und didaktischen Untersuchung des Gedichts „Kleine Auseinandersetzung“ von Mascha Kaléko.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Analyse zwischenmenschlicher Konflikte, die Funktion von Sprache als Mittel der Kommunikation und die Bedeutung von literarischen Leerstellen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu belegen, dass das Gedicht trotz seiner scheinbaren Schlichtheit ein hervorragender Gegenstand ist, um bei Schülern Kompetenzen im Bereich der Textinterpretation und Persönlichkeitsbildung zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die sachanalytische und didaktische Analyse, um das Potenzial des Textes unter Berücksichtigung bildungstheoretischer Kriterien zu erschließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die formale Struktur, die Kommunikationsebenen im Gedicht, das Phänomen der Geschlechtsambiguität sowie die konkreten didaktischen Ziele für den Unterricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind literarische Leerstelle, Sprachkompetenz, Identifikationspotenzial, Geschlechtsambiguität und Lyrikdidaktik.
Warum spielt die Geschlechtsambiguität in der Analyse eine Rolle?
Die Autorin hebt hervor, dass das Gedicht durch den Verzicht auf eindeutige Geschlechtszuschreibungen ein besonders hohes Identifikationspotenzial bietet und zur Toleranz gegenüber abweichenden Identitätsentwürfen anregt.
Wie definiert die Arbeit das pädagogische Potenzial des Gedichts?
Es wird als „didaktischer Glücksfall“ beschrieben, da es Schülern ermöglicht, an einem alltagsnahen Beispiel Strategien des textnahen Lesens zu erproben und über Kommunikation nachzudenken, ohne dass dies zwangsläufig problematisiert werden muss.
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- Hanna Kubowitz (Author), 2011, "Von vielsagendem Verschweigen" oder Einladung zu einer außergewöhnlichen Textbegegnung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/177170