Das Grimm´sche Märchen "Schneewittchen" wurde in den letzten Jahrzehnten von einigen Autor*innen für Adaptationen und damit für eine Aktualisierung des Märchenstoffes fruchtbar gemacht. Im Jahr 1999 veröffentlichte auch Elfriede Jelinek ihre Adaptation unter dem Titel "Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen)", die sie anschließend zusammen mit vier weiteren ‚Prinzessinnendramen‘ unter dem Titel "Der Tod und das Mädchen I-V. Prinzessinnendramen" (2003) herausbrachte. Jelineks Version unterscheidet sich von der Grimm´schen Fassung insoweit, als dass die Handlung nach Schneewittchens Vergiftung durch den Apfel und ihrem anschließenden Erwachen einsetzt und sich ausschließlich auf die Waldszene beschränkt. Schneewittchen, die bei Jelinek auf der Suche nach den sieben Zwergen ist, trifft im Wald auf den Jäger. Im Unterschied zum Märchen verschont der Jäger sie jedoch nicht, sondern erschießt sie. Daraufhin erscheinen die sieben Zwerge und transportieren das tote Schneewittchen im Glassarg davon, die im Gegensatz zur Grimm´schen Fassung nicht wieder zum Leben erwacht (vgl. Jelinek 2003; Svend 1975).
Jelineks Schneewittchen-Adaptation wird gezielt aus feministischer Perspektive gelesen und analysiert, um u.a. vermeintlich natürliche Weiblichkeitsvorstellungen zu hinterfragen, binäre Zuschreibungen zu unterlaufen und die Konstruktion dieser Zuschreibungen aufzudecken. Auch die Aufsätze "Die (All)Macht des Mannes. Hegemoniale Männlichkeit und weibliche Identitätsbildung in Elfriede Jelineks »Der Tod und das Mädchen I. Schneewittchen«" (2007) von Prochaska und "Vom gläsernen Sarg zum «Glaspalast des Männlichen». Volksmärchen und feministische Philosophiekritik in Elfriede Jelineks Schneewittchen-Adaption «Der Tod und das Mädchen I»" (2014) von Auerochs reihen sich hier ein. Dabei nähert sich Prochaska (2007) dem literarischen Text aus den sozialwissenschaftlichen Gender Studies , die ihr Augenmerk auf die Rolle des Männlichen und die weibliche Identitätsbildung richten. Auerochs (2014) hingegen geht von einem feministisch-dekonstruktiv geprägten Ansatz aus, der es ermöglicht, die Geschlechterzuschreibungen zu dekonstruieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Sozialwissenschaftliche Gender Studies
2.2 Dekonstruktiver Feminismus
3. Aspektorientierter Vergleich
3.1 Einordnung der Aufsätze
3.1.1 Prochaska (2007)
3.1.2 Auerochs (2014)
3.2 Die Jägerfigur
3.2.1 Patriarchale Gewalt
3.2.2 Macht und Wahrheit
3.2.3 Binäre Oppositionen
3.3 Die Figur Schneewittchens
3.3.1 Weiblichkeit und Schönheit
3.3.2 Weiblichkeit/Schönheit und Wahrheit
3.3.3 Normierung und Objektifizierung von Weiblichkeit
3.4 Mythen
3.5 Gesellschaftlicher Bezug
3.6 „Blinde Flecken“
4. Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Das primäre Ziel der vorliegenden Arbeit besteht darin, anhand eines exemplarischen Literaturvergleichs die praktische Anwendung zweier theoretischer Paradigmen – der sozialwissenschaftlichen Gender Studies und des dekonstruktiven Feminismus – auf Elfriede Jelineks Drama Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen) gegenüberzustellen. Gegenstand der Analyse sind die Aufsätze von Cornelia Prochaska (2007) und Florian Auerochs (2014). Die Arbeit untersucht leitend, welche konkreten Erkenntnisse beide Ansätze für das Textverständnis liefern, inwiefern sich ihre Deutungen ergänzen oder widersprechen und welche Leerstellen bei der praktischen Anwendung offenbleiben.
- Theoretische Fundierung in sozialwissenschaftlichen Gender Studies und dekonstruktivem Feminismus
- Analyse und Dekonstruktion patriarchaler Gewalt am Beispiel der Jägerfigur
- Weibliche Identitätsbildung, Schönheitsideale und die Objektifizierung der Figur Schneewittchen
- Kritische Reflexion binärer Oppositionen, Wahrheitsansprüche und gesellschaftlicher Mythen
- Aufdeckung methodischer Leerstellen und nicht berücksichtigter Textelemente wie der Zwerge
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Patriarchale Gewalt
Die Jägerfigur sowie die patriarchale Gewalt, die von ihm ausgeht, sind bei beiden Autor*innen zentrale Aspekte. Nichtdestotrotz unterscheidet sich die Analyse z.T. deutlich, da Prochaska (2007) den Jäger als Repräsentant der hegemonialen Männlichkeit sieht und einen Bezug zur gesellschaftlichen Realität herstellt, wohingegen Auerochs (2014) die Figur als Versinnbildlichung des phallogozentrischen Denksystems versteht (vgl. Prochaska 2007, 114-115; Auerochs 2014, 116). Demnach ist aber beiden Aufsätzen gemeinsam, dass sie den Jäger nicht als einzelnes männliches Individuum, sondern als Verkörperung eines zugrundeliegenden Systems fassen.
In diesem Zuge wertet Prochaska die vom Jäger ausgehende Gewalt als Mittel zur „Sicherung der Dominanz“ (Prochaska 2007, 115), die u.a. darin mündet Schneewittchen zu töten „[…] noch bevor diese beginnen kann, ernsthaft Fragen zu stellen“ (ebd., 119), d.h. bevor sie die männliche Dominanz hinterfragen und ihren Konstruktionscharakter erkennen kann. Die Autorin fasst die Gewalt des Jägers und damit der hegemonialen Männlichkeit damit nicht nur als körperliche Gewalt (schließlich stellt er sich Schneewittchen als der „Tod“ (Jelinek 2004, 12) vor), sondern auch als strukturelle Gewalt, die an gesellschaftliche Machtverhältnisse und -hierarchien anknüpft. Konkret bedeutet das bei Prochaska, dass die strukturelle Gewalt dazu dient, die weibliche Identität über Rollenzuschreibungen zu kontrollieren, z.B. über Schönheitsideale, die ihr auferlegt werden (vgl. Prochaska 2007, 115, 118). Dadurch werde der „Handlungsspielraum“ (ebd., 114) der Frau begrenzt, da ihr „Bewegungsspielraum“ (ebd., 114) auf den Bereich der Schönheit beschränkt werde. Obwohl die Autorin konkrete Beispiele aus dem Text nutzt, um die vom Jäger ausgehende Gewalt zu charakterisieren, bietet sie hier weniger eine Analyse dieser Figur, sondern eher eine gesellschaftliche Perspektive auf die Rolle des Patriarchats z.T. innerhalb des Textes, vorwiegend aber in der außerliterarischen Gesellschaft.
Auch bei Auerochs fungiert die Jägerfigur als Träger abstrakter patriarchaler Gewalt, die auf die unterliegende symbolische Ordnung zurückgeht (vgl. Auerochs 2014, 114). Daher betrachtet er den Jäger als „Allegorie von Tod und Phallogozentrismus“ (ebd., 113), sodass es nicht der Jäger ist, der Schneewittchen tötet, sondern die „patriarchal gestiftete symbolische Ordnung, die […] ‚mordet‘“ (ebd., 123).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Führt in die literarische Tradition moderner Märchenadaptionen ein, umreißt Elfriede Jelineks Drama Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen) und formuliert die zentralen Forschungsfragen des Vergleichs.
2. Theoretische Grundlagen: Erläutert die begrifflichen Prämissen der sozialwissenschaftlichen Gender Studies (u. a. hegemoniale Männlichkeit und Geschlechterkonstruktion) sowie des dekonstruktiven Feminismus (Diskursanalyse, Dekonstruktion und Phallogozentrismus).
3. Aspektorientierter Vergleich: Bildet den Hauptteil der Arbeit und stellt die Interpretationsansätze von Prochaska und Auerochs bezüglich der Figuren (Jäger, Schneewittchen), Machtverhältnisse, binärer Oppositionen, Mythen sowie unberücksichtigter Leerstellen gegenüber.
4. Fazit: Bündelt die Ergebnisse des Theorienvergleichs, resümiert Konvergenzen und fundamentale Divergenzen der Lektüren und gibt einen Ausblick auf künftige Forschungsdesiderate.
Schlüsselwörter
Elfriede Jelinek, Prinzessinnendramen, Schneewittchen, Gender Studies, Dekonstruktiver Feminismus, Hegemoniale Männlichkeit, Phallogozentrismus, Patriarchale Gewalt, Binäre Oppositionen, Identitätskonstruktion, Objektifizierung, Symbolische Ordnung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundlegend?
Die Arbeit widmet sich einem vergleichenden literaturwissenschaftlichen Diskurs zweier wissenschaftlicher Analysen (Prochaska 2007 und Auerochs 2014) zu Elfriede Jelineks Theatertext Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen).
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzeption und Inszenierung von Geschlechterrollen, patriarchale Macht- und Gewaltmechanismen, die Funktion von Schönheitsidealen bei der weiblichen Identitätskonstitution sowie die Dekonstruktion binärer Denkmuster.
Was ist das primäre Ziel bzw. die leitende Forschungsfrage?
Untersucht wird, welche spezifischen Erkenntnisse die methodische Anwendung sozialwissenschaftlich-gendertheoretischer im Kontrast zu feministisch-dekonstruktiven Ansätzen liefert und inwiefern deren Befunde harmonieren, differieren oder sich ausschließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um einen theoriegeleiteten, aspektorientierten Literatur- und Textvergleich auf metaanalytischer Ebene, der die Argumentationslinien beider Sekundärtexte systematisch gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert vergleichend die Deutung der Jägerfigur und Schneewittchens, das Verhältnis von Macht, Wahrheit und Schönheit, den Umgang mit binären Hierarchien sowie die Einbindung gesellschaftlicher Mythen und blinder Textstellen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die wissenschaftliche Abhandlung?
Zentrale Begriffe sind hegemoniale Männlichkeit, Phallogozentrismus, symbolische Ordnung, Performativität, Diskurs, Objektifizierung, binäre Oppositionen und Dekonstruktion.
Wie unterscheidet sich die Deutung der Jägerfigur bei Prochaska und Auerochs?
Während Prochaska den Jäger primär als soziokulturellen Repräsentanten einer hegemonialen Männlichkeit begreift, deutet Auerochs ihn philosophisch-abstrakt als Allegorie des Todes und einer phallogozentrischen symbolischen Ordnung.
Welche Rolle spielt die Suche nach Wahrheit für Schneewittchen?
Nach Prochaska könnte Schneewittchen potenziell zur Erkenntnis ihrer Unterdrückung gelangen, wird jedoch vorzeitig getötet; Auerochs hingegen sieht das Weibliche im phallogozentrischen Denksystem als prinzipiell von Erkenntnis und Wahrheit ausgeschlossen.
Was versteht die Autorin unter dem „blinden Fleck“ der beiden analysierten Aufsätze?
Als markanten blinden Fleck identifiziert die Verfasserin das Ausblenden der sieben Zwerge, die am Ende des Dramas als männliche Instanz auftreten und Schneewittchens Scheitern und Verhältnis zur Wahrheit ironisch kommentieren.
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- Lea Schwerdtfeger (Autor:in), 2026, Elfriede Jelineks "Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen)", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1769867