Wie überleben die Götter der Antike in einer christlich geprägten Literatur des 12. Jahrhunderts? Diese Arbeit untersucht das „Fortleben der antiken Götter“ in Heinrichs von Veldeke "Eneasroman" und verfolgt dazu die Entwicklung des Eneasstoffes von Homer über Vergil und Ovid bis zum altfranzösischen "Roman d’Eneas", der Veldeke als unmittelbare Vorlage diente.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das polytheistische Götterpersonal der antiken Überlieferung an die theologischen, gesellschaftlichen und literarischen Bedingungen des Hochmittelalters angepasst wird. Anhand zentraler Figuren wie Jupiter, Juno, Venus und Vulkan sowie ausgewählter Episoden – darunter das Parisurteil, die Vulkanepisode und die Lavinia-Handlung – werden Übernahme, Kürzung und Umdeutung der antiken Stofftradition vergleichend analysiert. Dabei berücksichtigt die Untersuchung sowohl religionsgeschichtliche Voraussetzungen als auch mittelalterliche Deutungsmuster wie Euhemerisierung, Dämonisierung und Allegorese.
Die Analyse zeigt, dass die antiken Götter im "Eneasroman" weder einfach beseitigt noch unverändert bewahrt werden. Vielmehr werden sie selektiv transformiert und funktional neu bestimmt: Jupiter verschwindet, Juno verliert einen Großteil ihrer Handlungsmacht, Vulkan bleibt vor allem aufgrund seines narrativen und wunderbaren Potentials präsent, während Venus als Verkörperung der Minne eine besondere mittelalterliche Karriere erfährt. Veldekes Umgang mit dem heidnischen Erbe folgt damit keiner pauschalen Verdrängung, sondern hängt von theologischer Verträglichkeit, erzählerischer Funktion und symbolischem Wert ab. Die Arbeit macht so sichtbar, wie antiker Mythos in die christliche Vorstellungswelt des 12. Jahrhunderts integriert und zugleich grundlegend umcodiert wird.
- Arbeit zitieren
- Lukas Kaiser (Autor:in), 2026, Das Fortleben der heidnischen Götter in der mittelalterlichen Eneasdichtung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1766156