Einleitung
Als der Geist von Christmas yet to come dem alten und unbarmherzigen Scrooge erschien und ihm furchtbare Bilder aus zukünftigen Weihnachtsfesten zeigte, fragte der Geizkragen: „Are these the shadows of the things that Will be, or are they shadows of things that may be, only?“ Der Geist antwortete nicht. Denn Dinge die sein werden, können nicht abgewendet werden. Auf der anderen Seite sind Dinge die sein könnten auch nicht so Furcht einflößend, da im Grunde alles eintreten könnte. Beide Male hätte Scrooge keinen überzeugenden Grund, sein Leben zu ändern. Aber der Geist antwortete nicht. Daher versucht Scrooge verzweifelt selbst eine Antwort zu schlussfolgern: „Men's courses will foreshadow certain ends, to which, if persevered in, they must lead [...] But if the courses be departed from, the ends will change.“ An den Bildern war beängstigend, dass sie zeigten was sein würde, würde Scrooge sich nicht ändern.
Gott ist allwissend. Das gehört zu seinem Wesen – sonst wäre er nicht Gott. Das scheint nachvollziehbar zu sein. Sobald man jedoch Allwissenheit definiert als: „Er weiß alles was es zu wissen gibt.“ fangen die Probleme an. Was gibt es zu wissen? Und was gibt es zu wissen über Dinge, die nie eintreffen werden (wie die schrecklichen Visionen Scrooges)? Es gibt viele Konzepte der Allwissenheit Gottes, die zurzeit in der Wissenschaft diskutiert werden. Eines von ihnen wird in dieser Hausarbeit vorgestellt. Dieses Konzept wird Molinismus genannt und hat einige beachtenswerte Ver¬treter wie William Lane Craig und Alvin Plantinga. Dabei sollen Kernbegriffe (wie mittleres Wissen) und die wichtigsten Implikationen (wie Vorsehung und Freiheit) des Molinismus erklärt werden. Zusätzlich sollen die relevantesten Fragen (wie die nach der Gültigkeit des Fatalismus und dem Wahrheitsgehalt von zukünftigen Kontrafaktualen) anhand mit der verfügbaren Literatur diskutiert werden. Zum Schluss soll ein Fazit folgen, dass die Leistungsfähigkeit bewerten und einige noch offene Fragen oder Probleme aufzeigen soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Molinismus?
2.1 Geschichtlicher Abriss
2.2 Was ist mittleres Wissen?
2.3 Implikationen des Molinismus
3. Ist göttliches Vorwissen mit zukünftigen Kontingenten vereinbar?
3.1 Was ist Fatalismus?
3.2 Ist der Fatalismus schlüssig?
4. Wie kennt Gott zukünftige Kontingente?
4.1 Haben zukünftige Kontingente einen Wahrheitsgehalt?
4.2 Wie erhält Gott sein Vorwissen?
5. Was leistet das molinistische Konzept?
5.1 Weitgehend naturalistische Geschichte
5.2 Freiheit
5.3 Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das molinistische Konzept der göttlichen Allwissenheit mit dem primären Ziel, die Vereinbarkeit von göttlichem Vorwissen und menschlicher Freiheit zu analysieren. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, ob das Konzept eine fatalistische Konsequenz vermeiden kann und wie Gottes Wissen um zukünftige kontingente Ereignisse epistemologisch zu verstehen ist.
- Grundlagen des Molinismus und das Konzept des "mittleren Wissens" (scienta media).
- Die Vereinbarkeit von göttlichem Vorwissen und menschlicher Freiheit.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Fatalismus-Argument.
- Die Analyse von Kontrafaktualen und deren Wahrheitsgehalt.
- Implikationen für die Vorsehung Gottes und das Verständnis der Geschichte.
Auszug aus dem Buch
Moment 2: Mittleres Wissen
Nun wird die Zahl der möglichen Welten auf die Anzahl der für Gott mach-baren reduziert. Diese Reduzierung kommt aufgrund von Gottes Wissen um Kontrafaktuale menschlicher freier Entscheidungen zustande. Die Definition eines solchen Kontrafaktuals ist:
Wenn Person P in der Situation S wäre, dann würde P freiwillig X tun.
Beispiele für Kontrafaktuale solcher Art sind: „Wenn du sie fragen würdest, würde sie ja sagen“ oder „Wenn Petrus in der Situation S wäre, würde er frei-willig Jesus verleugnen.“ Das „freiwillig“ heißt nicht, dass Petrus sich nicht durch Umstände, Veranlagungen oder Launen gezwungen fühlen könnte (wahrscheinlich fühlte er sich in dem Moment wirklich so). Es heißt nur, dass er anders handeln könnte, auch wenn es ihm sehr schwer gefallen wäre (er sah das später ein und bereute daher seine Tat).
Die Freiheit eine Tat tun oder lassen zu können, ist ein Kernpunkt des Molinismus und muss daher unbedingt erhalten bleiben. Natürlich könnte Gott Petrus zwingen, in der Situation S Jesus nicht zu verleugnen, aber dann wäre Petrus nicht frei im Sinne der oben genannten Definition. Genauso würde der hier verwendete Freiheitsbegriff verletzt, wenn Gott auf irgendeine Weise, durch Gesetz oder direkte Intervention, herbeiführen würde, das eine Person eine bestimmte Handlung begeht. Andererseits muss auch angemerkt werden, dass diese Freiheit Grenzen hat. Beispielsweise ist Alvin Plantinga nicht frei, eine Meile in zwei Minuten zu laufen, genauso wenig wie ich mich von der Gravitation lösen könnte. Solche Kausalgesetze schränken meine Freiheit ein, aber in allen Entscheidungen in denen ich frei bin, darf Gott meine Entscheidung nicht erzwingen und auch nicht herbeiführen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Problem der Allwissenheit Gottes ein, illustriert die Thematik mittels eines literarischen Beispiels und skizziert das Ziel der Arbeit: die Untersuchung des Molinismus.
2. Was ist Molinismus?: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext und definiert das zentrale Konzept des mittleren Wissens sowie dessen Implikationen für Freiheit und Vorsehung.
3. Ist göttliches Vorwissen mit zukünftigen Kontingenten vereinbar?: Hier wird die Kompatibilität von Vorwissen und Freiheit diskutiert, insbesondere unter dem Aspekt des Fatalismus und der logischen Rekonstruktion entsprechender Argumente.
4. Wie kennt Gott zukünftige Kontingente?: Das Kapitel befasst sich mit der erkenntnistheoretischen Herausforderung, wie Gott kontrafaktuale Aussagen als wahr erkennen kann, ohne die menschliche Freiheit zu determinieren.
5. Was leistet das molinistische Konzept?: Abschließend wird der Molinismus in Bezug auf sein Potenzial zur naturalistischen Geschichtsdeutung bewertet und ein Fazit hinsichtlich seiner intellektuellen Plausibilität gezogen.
Schlüsselwörter
Molinismus, mittleres Wissen, Allwissenheit Gottes, Vorsehung, Freiheit, Fatalismus, Kontrafaktuale, scienta media, Louis de Molina, William Lane Craig, Alvin Plantinga, Kontingenz, menschliche Entscheidungen, Gottes Vorwissen, Religionsphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit behandelt das philosophisch-theologische Konzept des Molinismus, welches versucht, die göttliche Allwissenheit mit der menschlichen Freiheit in Einklang zu bringen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition des mittleren Wissens, der Widerlegung des Fatalismus-Arguments und der Analyse, wie Gott zukünftige, freie menschliche Entscheidungen vorherwissen kann.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob das Konzept des Molinismus logisch konsistent bleibt, wenn es gleichzeitig an der Freiheit des Menschen und der unfehlbaren Vorherwissenheit Gottes festhält.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Untersuchung in der Religionsphilosophie, die primär auf der Diskussion und Rekonstruktion fachwissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des molinistischen Modells, die Auseinandersetzung mit dem Fatalismus sowie die tiefergehende Untersuchung kontrafaktualer Aussagen über menschliches Handeln.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind "mittleres Wissen" (scienta media), Kontrafaktuale, göttliche Vorsehung, Freiheit und Fatalismus.
Wie geht der Autor mit der Bibelstelle von Lukas um?
Der Autor nutzt das Beispiel des Todes Jesu, um zu veranschaulichen, wie Gott aus molinistischer Sicht freie menschliche Entscheidungen in seinen Heilsplan integriert, ohne die Akteure zu determinieren.
Zu welchem Schluss kommt der Autor bezüglich der Stärke des Molinismus?
Der Autor bewertet den Molinismus als einen intellektuell gerechtfertigten und erkenntnisreichen Beitrag zur Debatte, der zwar Fragen offenlässt, aber eine starke Alternative zu deterministischen Modellen bietet.
- Arbeit zitieren
- Vit Heptin (Autor:in), 2009, Die molinistische Sicht der göttlichen Allwissenheit, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/175189