Die größte Herausforderung für jeden einzelnen, so hat Peter Stamm einmal in einem Interview erklärt, bestehe darin, damit klar zu kommen, dass es keinen Sinn im Leben gäbe. Dies ertragen zu können, so dass nur noch ein Staunen über die Vielfalt und die Schönheit überbleibe, sei für ihn die entscheidende Leistung des Menschen.
Bevor die Figuren in Stamms Romanen Agnes und An einem Tag wie diesem jedoch zu dieser Einsicht gelangen, begeben sie sich auf einen langen und zu-weilen schwierigen Weg der Identitätssuche. Dabei verlassen die Protagonisten der zwei Romane, Agnes und Andreas, nicht selten die gelebte Realität und flüchten in eine Wirklichkeit, die ihnen durch verschiedene Medien eröffnet wird.
Aufgabe dieser wissenschaftlichen Arbeit wird es daher sein, die Identitätskon-stitutionen der Figuren Agnes und Andreas im Rahmen medial vermittelter Wirklichkeiten zu analysieren und anschließend miteinander zu vergleichen. Hierbei werden zunächst für jeden der Romane die Identitätssuche im Medium der Geschichte als auch im Medium des Bildes behandelt. Später folgt eine Un-tersuchung der Identitätsbildung im Kontext des Computers (Agnes) bzw. der Tonbandkassette (An einem Tag wie diesem). Schließlich werden die Identi-tätssuche und die Identitätsfindung der beiden Hauptfiguren miteinander vergli-chen, wobei sich sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten herausarbei-ten lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konstitution von Identität der Figur Agnes in Peter Stamms Roman Agnes
2.1 Identitätssuche in der Geschichte
2.1.1 Agnes’ selbstverfasster literarischer Text
2.1.2 Die ‚Agnes’-Geschichte
2.2 Identitätssuche im Bild
2.2.1 Die Videoaufzeichnung
2.2.2 Seurats Gemälde Un Dimanche d’été de la Grande Jatte
2.3 Identitätssuche im Rahmen des Computers
3. Konstitution von Identität der Figur Andreas in Peter Stamms Roman An einem Tag wie diesem
3.1 Identitätssuche in der Geschichte
3.2 Identitätssuche im Bild
3.2.1 Die Fotos
3.2.2 Der Film
3.3 Identitätssuche im Rahmen der Tonbandkassette
4. Vergleich der Identitätskonstitutionen
4.1 Die Suche nach dem Selbst
4.2 Das Finden des Selbst
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht, wie die Protagonisten in Peter Stamms Romanen Agnes und An einem Tag wie diesem versuchen, ihre Identität innerhalb von medial vermittelten Wirklichkeiten zu konstituieren und zu finden.
- Analyse der Identitätssuche durch das Medium der geschriebenen Geschichte
- Untersuchung von Identitätskonstruktion mittels bildhafter Medien (Video, Fotografie, Malerei)
- Bedeutung technologischer Medien wie Computer und Tonbandkassetten für die Selbstwahrnehmung
- Vergleich der unterschiedlichen Ansätze von Agnes und Andreas zur Bewältigung ihrer Identitätskrisen
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Agnes’ selbstverfasster literarischer Text
Einen ersten tiefen Einblick in die Selbstwahrnehmung von Agnes bekommt der Leser durch ihre eigene verfasste Kurzgeschichte. Diese beginnt mit denselben Worten, mit denen sie auch endet: „Ich muß gehen. Ich stehe auf. Ich verlasse das Haus.“ Die von Agnes gewählte Ich-Perspektive deutet bereits auf ein hohes Identifikationspotential zwischen Autorin und Protagonistin der Geschichte hin. Diese Annahme festigt sich ebenfalls auf der inhaltlichen Ebene. Auch Agnes hat das Gefühl, gehen zu müssen und das „Haus“, d.h. ihr bisheriges Leben, auf irgendeine Art und Weise verlassen zu müssen.
Agnes ist nämlich auf der Suche - auf der Suche nach einem Inhalt für die „Leere in der Mitte.“ In ihrer Geschichte wird diese Leere durch einen Mann ausgefüllt, dem die weibliche Hauptfigur im Zug begegnet. Der Mann verfolgt sie mit jedem Schritt und kommt ihr immer näher, bis sie schließlich feststellen muss: „Er ist in mir, er füllt mich aus.“ Das nachfolgende Spiegelbild, als charakteristisches Motiv von Selbstreflexion in der Literatur, offenbart die ganze Krise ihrer Identität. Sie begegnet sich nicht in ihrer eigenen Person, sondern in der Person des Mannes: „Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur ihn. Ich erkenne meine Hände nicht mehr, meine Füße nicht. Meine Kleider sind zu klein, meine Schuhe drücken, mein Haar ist heller geworden, meine Stimme dunkler.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Problemstellung und der Forschungsfrage bezüglich der Identitätskonstitution von Agnes und Andreas in medial vermittelten Räumen.
2. Konstitution von Identität der Figur Agnes in Peter Stamms Roman Agnes: Analyse von Agnes' Identitätssuche anhand der Medien Geschichte, Bild und Computer.
3. Konstitution von Identität der Figur Andreas in Peter Stamms Roman An einem Tag wie diesem: Untersuchung von Andreas' Identitätssuche unter Nutzung der Medien Geschichte, Bild und Tonbandkassette.
4. Vergleich der Identitätskonstitutionen: Gegenüberstellung der beiden Protagonisten hinsichtlich ihrer Motivation, ihrer Suche nach dem Selbst und dem schließlichen Finden des Selbst.
5. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, die eine instabile Identität der Figuren und deren Bindung an mediale Konstrukte bestätigt.
Schlüsselwörter
Peter Stamm, Agnes, An einem Tag wie diesem, Identität, Identitätssuche, Identitätskonstitution, Medien, Fiktion, Wirklichkeit, Selbstfindung, Leere, Fremdbestimmung, Literatur, Spiegelmotiv, mediale Vermittlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die Hauptfiguren der Romane "Agnes" und "An einem Tag wie diesem" versuchen, ihre Identität durch verschiedene mediale Wirklichkeiten (wie Geschichten, Bilder oder Technik) zu bilden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Themen Identitätskrise, das Verhältnis von Realität und Fiktion sowie der Einfluss von Medien auf die Selbstwahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Identitätskonstitutionen der Figuren Agnes und Andreas zu analysieren und zu vergleichen, wobei Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit medialen Lebensalternativen aufgezeigt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär die Romantexte und deren Verweise auf mediale Aspekte untersucht und mit fachspezifischer Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Agnes' Identitätssuche (Geschichte, Bild, Computer) und die von Andreas (Geschichte, Bild, Tonbandkassette), gefolgt von einem direkten Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Identitätssuche, mediale Vermittlung, Fiktion, Selbstfindung und Fremdbestimmung.
Wie nutzt Agnes den Computer für ihre Identitätssuche?
Agnes nutzt den Computer und insbesondere den Bildschirmschoner "Starfield Simulation", um sich in eine fiktive, "leere" Welt hineinziehen zu lassen, was ihre Identitätsauflösung beschleunigt.
Welche Rolle spielt die Tonbandkassette für Andreas?
Die Tonbandkassette konfrontiert Andreas mit der Monotonie seines eigenen Lebens, was ihn schließlich dazu bewegt, die Passivität aufzugeben und nach einer echten Selbstfindung zu streben.
Warum versucht Agnes, sich durch Literatur fremdbestimmen zu lassen?
Agnes wünscht sich ein Leben, in dem sie nicht mehr eigenständig entscheiden muss, und nutzt die Fiktion als "Lebensersatz", um ihr "leeres" Ich durch eine fremdgesteuerte Rolle zu füllen.
Was ist das Ergebnis für Andreas am Ende seines Weges?
Andreas erreicht eine Versöhnung mit seinem Leben und findet – ähnlich wie Agnes in der Kälte – in der Weite des Meeres einen Moment des Glücks und der Freiheit.
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- Imke Meyer (Author), 2008, Identitätskonstitutionen in medial vermittelten Wirklichkeiten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/174909