Brussig geht es mit Helden wie wir „[...] um die Zersetzung der Realien durch einen grotesken Mythos [...].“ Er erzählt seine Geschichtslüge im Kampf gegen die Geschichtslügen der Gesellschaft. Diese Arbeit hat gezeigt, wieso Brussig ausgerechnet den „[...] schlechtinformierteste[n] Mensch, [...] Toilettenverstopfer, Sachenverlierer, Totensonntagsfick und letzte[n] Flachschwimmer [...]“ Klaus Uhltzscht als Protagonisten seines Romans gewählt hat. Mit Hilfe dessen Dummheit und grotesker Körperlichkeit gelingt es ihm, mit Geschichtslügen abzurechnen. Humor dient Brussig, um Herrschaft zu unterminieren, falsche Moralvorstellung und Ideologien der Lächerlichkeit preiszugeben und der Wirklichkeit auf die Schliche zu kommen. Thomas Brussigs Roman Helden wie wir ist ein humorvoller Beitrag wider Mythenbildung und Ostalgie. „Wir Ostler müssen aus dieser Ostalgie herauskommen. Das war ein wichtiger Grund, dieses Buch zu schreiben.“
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 DDR als perverser Dauerwitz?
2.1. Klaus als Dauerwitz
2.1.1 Wir wollen nur dein Bestes – Mythendekonstruktion I
2.1.2 Die „selbstquälerische“ und „kritisch-betroffene DDR- und Wendeliteratur“ – Mythendekonstruktion II
2.2 „Der schlechtinformierteste Mensch“
2.3 Selbstwahrnehmung
2.3.1 Inszenierung von Geschichte
2.3.1.1 Legitimation inszenierter Geschichte durch Zeitzeugenschaft
2.3.1.2 Legitimation inszenierter Geschichte durch „Ehrlichkeit“
2.3.1.3 Integrität von Klaus
2.2 Groteske Sexualität
2.2.1 Der perverseste Perverse
2.2.2 Der perverse Tollpatsch – Perversion und Ungeschick
3 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Roman Helden wie wir von Thomas Brussig als satirischen Beitrag zur kritischen Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und zur Dekonstruktion von Nachwendemythen. Im Zentrum steht dabei die Analyse der Hauptfigur Klaus Uhltzscht, dessen Dummheit und groteske Körperlichkeit als Instrumente dienen, um staatliche Geschichtslügen zu entlarven und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Mythos der DDR-Vergangenheit zu ermöglichen.
- Die satirische Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte und Erinnerungskultur.
- Die Funktion von Humor, Ironie und Groteske in der Nachwendeliteratur.
- Die Bedeutung von Klaus Uhltzscht als "Antityp" und Mitläuferfigur.
- Die Verknüpfung von Sexualität und Körperlichkeit mit politischer Anpassung.
- Die Dekonstruktion der "Das-Volk-sprengt-die-Mauer-Legende".
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Wir wollen nur dein Bestes – Mythendekonstruktion I
Im Zuge des Nachwende-Diskurs über die DDR fallen oft sprachliche Wendungen wie „[e]s kann doch nicht alles schlecht gewesen sein[?]“ Besonders das Thema Familie und Erziehung werden in diesem Zusammenhang wieder und wieder genannt. Brussig antwortet mit seinem Roman und zeigt, was alles „schlecht“ an Klaus` Erziehung war.
Bernhard und Lucie Uhltzscht verkörpern in der DDR geschätzten Tugenden. Diese fließen in die Erziehung des Kindes ein und sorgen letztlich für ein Scheitern Klaus`. Der Vater tritt als verschwiegener Stasi-Mitarbeiter auf. Von Brussig humorvoll überzeichnet, gibt sich Bernhard Uhltzscht nicht nur im Staatsdienst, sondern auch gegenüber seinem Sohn wortkarg. „Er sagte nicht mal meinen Namen! Niemals habe ich aus seinem Munde meinen Namen gehört!“ Nur in den Momenten, in denen Klaus Fehler begeht, spricht er zu ihm. „So, und wer hat hier den Vorhang wieder mal nicht zugezogen?“ Dieser groteske Zustand evoziert bei Klaus ein ständiges Gefühl des Versagens. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die offen gezeigte Geringschätzung, die Bernhard seinem Sohn gegenüber aufbringt. So formuliert dieser am Ende aus lauter Geringschätzung diese selbst nicht einmal mehr aus. Bernhards Missachtung wird also hyperbolisiert.
„Ein Vater, der so wenig an mich glaubte, dass er sich nicht mal der Anstrengung unterzog, einen vernichtenden Satz wie „Ach, aus dem Jungen wird doch nichts!“ zu Ende zu bringen; er winkte nach den Worten „Ach, aus dem Jungen...“ immer nur resignierend ab.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der DDR-Geschichtsschreibung ein und positioniert den Roman als satirischen Beitrag wider Mythenbildung.
2 DDR als perverser Dauerwitz?: Dieses Kapitel analysiert Brussigs Humor als Mittel der Distanzierung und des Aufbrechens nostalgischer Verklärung.
2.1. Klaus als Dauerwitz: Es wird untersucht, wie die Figur Klaus durch Unwissenheit und Missverständnisse als satirisches Werkzeug gegen den anerkannten Wortkanon fungiert.
2.1.1 Wir wollen nur dein Bestes – Mythendekonstruktion I: Dieses Kapitel thematisiert die destruktive Erziehung im Elternhaus Uhltzscht und deren Auswirkungen auf das Scheitern des Protagonisten.
2.1.2 Die „selbstquälerische“ und „kritisch-betroffene DDR- und Wendeliteratur“ – Mythendekonstruktion II: Hier erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Literaturtradition und der Rolle Christa Wolfs im Vergleich zur Realität.
2.2 „Der schlechtinformierteste Mensch“: Das Kapitel befasst sich mit der instrumentellen Ahnungslosigkeit und der Stasi-Kompatibilität der Hauptfigur.
2.3 Selbstwahrnehmung: Hier wird der stetige Wechsel zwischen Größen- und Kleinheitswahn bei Klaus untersucht.
2.3.1 Inszenierung von Geschichte: Dieses Kapitel erläutert, wie Erinnerung als konstruktivistischer Akt dargestellt und kritisch hinterfragt wird.
2.3.1.1 Legitimation inszenierter Geschichte durch Zeitzeugenschaft: Untersuchung der Glaubwürdigkeit und der problematischen Zeitzeugenschaft am Beispiel des 9. Novembers.
2.3.1.2 Legitimation inszenierter Geschichte durch „Ehrlichkeit“: Analyse, wie Klaus durch vermeintliche Ehrlichkeit seine eigene Version der Wiedervereinigung zu legitimieren versucht.
2.3.1.3 Integrität von Klaus: Dieses Kapitel beleuchtet, wie der Protagonist erst durch den Zusammenbruch im letzten Teil des Romans zu einer Art Wahrhaftigkeit findet.
2.2 Groteske Sexualität: Eine Untersuchung darüber, wie Sexualität im Roman zur Kompensation von Defiziten und als Mittel der Systemkritik eingesetzt wird.
2.2.1 Der perverseste Perverse: Analyse der Verbindung zwischen politischem System und sexueller Perversion als Flucht- und Kompensationsmechanismus.
2.2.2 Der perverse Tollpatsch – Perversion und Ungeschick: Untersuchung der Verbindung von Körperlichkeit, Missgeschick und dem Scheitern des Protagonisten in zwischenmenschlichen Beziehungen.
3 Schlussbemerkung: Zusammenfassendes Fazit über Brussigs Leistung, mittels Humor die Zersetzung von Mythen und Geschichtslügen zu vollziehen.
Schlüsselwörter
Thomas Brussig, Helden wie wir, DDR-Geschichte, Nachwendeliteratur, Satire, Mythenbildung, Geschichtslügen, Klaus Uhltzscht, Groteske, Sexualität, Erinnerungskultur, Identität, Stasi, Mitläufer, Systemkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Roman Helden wie wir von Thomas Brussig im Hinblick darauf, wie er als satirisches Mittel dient, um die DDR-Vergangenheit und gängige Nachwendemythen kritisch zu dekonstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Satire, die Erinnerungskultur, die Rolle des Individuums in der DDR-Gesellschaft sowie die Verknüpfung von Sexualität und Körperlichkeit mit politischen Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Brussig durch die Figur des Klaus Uhltzscht und dessen groteske Erlebnisse Geschichtslügen entlarvt und ein kritisches Erinnern anstelle von nostalgischer Verklärung fordert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine textanalytische Untersuchung des Romans unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur zu den Themen Satire, Ironie und Nachwendeliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Klaus als "Dauerwitz", die Analyse der Erziehung und Literaturkritik, Klaus' Arbeit bei der Staatssicherheit, seine Selbstwahrnehmung, die Inszenierung von Geschichte sowie die Bedeutung grotesker Sexualität für den Protagonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem Satire, Geschichtslüge, DDR-Aufarbeitung, Identität, Groteske, Klaus Uhltzscht und Systemkompatibilität.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Protagonisten Klaus?
Die Arbeit charakterisiert Klaus als unsympathische Mitläuferfigur, als "Antityp", der durch seine habituelle Ahnungslosigkeit und Kompensationsversuche sowohl im System funktioniert als auch zur Parodie der Täterlegitimation wird.
Welche Rolle spielt der "Treppensturz" im Roman?
Der Treppensturz wird als entscheidender Wendepunkt markiert, an dem Klaus erstmals Schmerz empfindet, sich seiner selbst bewusst wird und die erste wirkliche Chance zur Wahrheit und Integrität erhält.
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- Hans Erdmann (Autor:in), 2010, Witz und Wende, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/174841