I. Einführung
1. Theoretischer Hintergrund: Allgemeiner Intermedialitätsbegriff
Der Begriff der Intermedialität ist in den letzten Jahren zunehmend gebräuchlicher und alltagstauglich geworden. Er soll der immer offenkundigeren Tatsache, dass Medien nicht für sich alleine bestehen, sondern in komplexen, medialen Konfigurationen stets auf andere Medien bezogen sind, Rechnung tragen. Ein überstrapazierter egriff für ein Phänomen also, das sich kaum mehr eingrenzen lässt. Das dürfte zwei Gründe haben: Erstens den Boom der Neuen Medien und zweitens die daraus entstehende Notwendigkeit, alles miteinander vernetzen zu wollen.
1.1. Der Intermedialitätsbegriff in der Entwicklung
Der Intermedialitätsbegriff wurde im deutschen Sprachraum 1983 das erste Mal von Hansen-Löve verwendet und machte seitdem parallel zum Wandel des Medienbegriffs eine begriffliche und theoretische Entwicklung durch. Während Hansen-Löve seinen Intermedialitätsbegriff lediglich auf die Korrelation von Wort- und Bildkunst beschränkt, wählt Irina Rajewsky bei ihrer Definition einen anderen Weg und beschreibt Intermedialität als „Mediengrenzen überschreitende Phänomene, die mindestens zwei konventionell als distinkt wahrgenommene Medien involvieren."
Dabei grenzt sie drei verschiedene Phänomenbereiche gegeneinander ab: Die Medienkombination, d.h. ein Medienprodukt konstituiert sich aus mindestens zwei neuen Einzelmedien.
An zweiter Stelle wird der Medienwechsel genannt, d.h. Medientransformationen in weitestem Sinne wie beispielsweise Literaturverfilmungen oder Adaptionen. Den dritten Bereich bilden laut Rajewsky die intermedialen Bezüge, die beschreiben, dass sich innerhalb eines Textes eines Mediums Bezüge auf mindestens ein weiteres Medium befinden. Es geht also darum, dass ein Medium ein anderes repräsentiert und nicht etwa ein anderes enthält.
Bestimmte Aspekte eines Mediums können in einem anderen Medium mit dessen spezifischen Mitteln hervorgerufen oder simuliert werden.
Julia Kristeva beschreibt Intertextualität als eine „Transposition von Zeichensystemen“ und bezeichnet Intermedialität davon ausgehend als einen Kontakt zwischen verschiedenen Medien, als ein Zusammenspiel verschiedener Medien oder als Wechselwirkung zwischen Medien.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
1. Theoretischer Hintergrund: Allgemeiner Intermedialitätsbegriff
I.1. Der Intermedialitätsbegriff in der Entwicklung
I.2. Intermedialität und Postmodernismus
I.2.1. Der postmodernistische Text nach Jacques Derrida
I.2.2. Der postmodernistische Film und seine Merkmale
II. Der Intermedialitätsdiskurs im Film Memento: Wirklichkeitskonstruktion und Fotografie
II.1. Inhaltsangabe von Memento
II.2. Fotografie als Medium zwischen Subjektivität und Objektivität
II.3. Die Rolle des Mediums Fotografie in Memento
II.3.1. Fotografie als mediale Konservierung von Fakten und Wirklichkeit
II.3.2. Mediale Rekonstruktion der Wirklichkeit als bewusster Selbstbetrug
II.4. Mehrere Wirklichkeitswahrnehmungen als Ausdruck einer komplexen Welt
II.5. Auflösung von Zeit, Raum und Wahrnehmung durch die mediale Repräsentation
II.6. Der Aufbau des Mediums Fotografie als Äquivalent zum strukturellen Prinzip des Films
III. Fazit: Fotografie als identitätsstiftendes Medium
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Intermedialitätsdiskurs im Film "Memento" unter besonderer Berücksichtigung der Fotografie als Medium zur Konstruktion von Wirklichkeit und Identität. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie der Film das Medium Foto als Erinnerungsspeicher nutzt und inwiefern dies zur Auflösung von Zeit, Raum und einer objektiven Realität beiträgt.
- Grundlagen der Intermedialität in Theorie und Postmodernismus
- Fotografie als vermeintlich objektives Zeitzeugnis versus subjektive Interpretation
- Identitätsverlust und der bewusste Selbstbetrug durch mediale Aufzeichnungen
- Strukturelle Analogien zwischen der Fotografie und der narrativen Form des Films
- Die Auflösung von Kausalität und Zeitstrukturen durch intermediale Repräsentationsformen
Auszug aus dem Buch
2.3.2. Mediale Rekonstruktion der Wirklichkeit als bewusster Selbstbetrug
Leonard hat jedoch eine verzerrte Wahrnehmung der Welt, da für ihn der einzige Sinn des Lebens darin besteht, den Mörder seiner Frau zu finden und sich an ihm zu rächen. So versieht er Teddys Foto erst dann mit der Information „Glaub seinen Lügen nicht“, nachdem ihm Teddy offenbart, dass Leonard die Wahrheit selbst erfindet und den echten John G. bereits vor einem Jahr gefunden und ermordet hat und seither einen John G. nach dem anderen sucht, nur um seine Rachegelüste zu befriedigen.
Schlagartig wird sich Leonard bewusst, dass Teddy wohl die Wahrheit sagt, doch die Suche nach dem Mörder ist für Leonard sinnstiftend. Er begeht bewussten Selbstbetrug, indem er Erinnerungen konstruiert, die nie dagewesen sind und leugnet Teddys Worte („Darf ich zulassen, was du zu mir gesagt hast?“), der für Leonard nur zu einem weiteren John G. auf der Liste wird und am Ende der Handlung (und somit vice versa am Anfang des Films) mit seinem Leben bezahlen muss. Leonards Realität stimmt also nicht mit der Wirklichkeit überein. Es ist ihm wohl bewusst, dass er auf der ständigen Suche nach dem ‚Sinn’ sein muss, um überleben zu können. Sein ursprüngliches Ziel Rache hat er bereits lange hinter sich gelassen. Die Suche nach dem erneuten Sinn wird seine neue Lebensaufgabe und damit auch zu seiner neuen Identität.
Die Fakten, die sich Leonard tätowieren lässt, sind seine Art der Erinnerung an die Vergangenheit, der Suche nach dem Sinn. Sie bilden den Ausgangspunkt für eine erneute Identitätssuche. Weitere Belege für die Nichtvereinbarkeit von ‚objektiver Wirklichkeitskonstruktion’ und bewusstem Selbstbetrug sind die Fotos von Leonards Hotel und die Beziehung zu Natalie. Obgleich für Leonard das Foto des Discount Inn für ihn einen eindeutigen Fakt für seine Obdach darstellt, wird er vom Hotelmanager übers Ohr gehauen, indem ihm zusätzlich zu seinem Zimmer ein weiteres vermietet wird. Das Foto verweist also nicht auf die objektiven Wirklichkeitsstrukturen, sondern lediglich auf Leonards subjektive Konstruktion der Wirklichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Grundlegende Definition des Intermedialitätsbegriffs und Einordnung in den postmodernistischen Kontext.
II. Der Intermedialitätsdiskurs im Film Memento: Wirklichkeitskonstruktion und Fotografie: Analyse der medialen Funktion von Fotografie, Gedächtnisverlust und Identitätskonstruktion innerhalb des Films.
III. Fazit: Fotografie als identitätsstiftendes Medium: Zusammenführende Betrachtung der Rolle von Speichermedien für das menschliche Selbstverständnis und die Grenzen der Objektivität.
Schlüsselwörter
Intermedialität, Memento, Fotografie, Postmodernismus, Wirklichkeitskonstruktion, Identität, Erinnerungsspeicher, Selbstbetrug, Mediale Repräsentation, Subjektivität, Objektivität, Narrativität, Dekonstruktion, Gedächtnis, Christopher Nolan
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die intermedialen Bezüge im Film "Memento" und analysiert, wie das Medium Fotografie eingesetzt wird, um die Wahrnehmung von Realität und Identität zu beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Intermedialität, der Postmodernismus, die Konstruktion von Wirklichkeit durch visuelle Medien sowie die psychologische Komponente der Identitätsstiftung durch Erinnerung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Memento die Rolle der Fotografie nutzt, um die Diskrepanz zwischen einer objektiv beanspruchten Faktenlage und einer subjektiv konstruierten Realität bei einem Protagonisten mit Gedächtnisstörung darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine film- und medienwissenschaftliche Analyse, die den narrativen Aufbau des Films mit den theoretischen Konzepten der Intermedialität und Dekonstruktion verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Funktionen der Fotografie im Film, unterteilt in Themen wie Objektivität vs. Subjektivität, mediale Konservierung, bewussten Selbstbetrug und die strukturelle Analogie zwischen Fotografie und dem Filmaufbau.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Intermedialität, Wirklichkeitskonstruktion, Gedächtnis, Identitätsverlust, Polaroids, Subjektivität und Postmoderne.
Wie unterscheidet sich die mediale Rekonstruktion in Memento von einer objektiven Aufzeichnung?
Der Film zeigt, dass eine mediale Aufzeichnung, wie das Foto, in Memento nicht als objektives Beweisstück dient, sondern als ein Werkzeug, das der Protagonist manipuliert, um seine eigene, subjektive Realität und Rachemotivation aufrechtzuerhalten.
Warum spielt das "Glaub seinen Lügen nicht"-Foto eine so zentrale Rolle für die Argumentation?
Es dient als Beleg für den bewussten Selbstbetrug; Leonard konstruiert aktiv seine Erinnerung und Wahrheit, um den Sinn seines Handelns trotz seines Gedächtnisverlustes zu bewahren.
- Arbeit zitieren
- B.A. Pascal Stegemann (Autor:in), 2010, Der Intermedialitätsdiskurs im Film Memento: Wirklichkeitskonstruktion und Fotografie, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/174825