Niklas Luhmanns Kritik an der traditionellen Subjektphilosophie ist einmal wegen der Fülle seiner eigenen Werke weitreichend, aber auch dank der philosophiegeschichtlichen Betrachtungen im Rahmen seiner Gesellschaftstheorie. So hat Luhmann deutlich machen können, dass eine Kritik des Subjekts sich ebenfalls gegen die Fundierung in Ontologie und Metaphysik richtet, und die kritische Auseinandersetzung in dieser Arbeit folgt in diesem Sinne seiner gesamtgesellschaftlichen Betrachtung.
Die Einleitungen in die Geschichte der Philosophie und in die Systemtheorie der ersten beiden Kapitel sollen verdeutlichen, weshalb gerade eine soziologische Theorie in der Lage sein soll, die Philosophie auf „blinde Flecken“ ihrer Beobachtung aufmerksam zu machen. Der Versuch einer Darstellung der wichtigsten Punkte der Kritik Luhmanns an Ontologie und Subjekt folgt. Wegen der Fülle subjekttheoretischer, aber eben auch metaphysischer und ontologischer Theorien der Philosophie soll im Anschluss – zur detaillierteren Analyse der „Treffsicherheit“ systemtheoretischer Vorwürfe – am Beispiel eines Philosophen - Edmund Husserls - die Erörterung der Kritik stattfinden, einmal, weil Luhmann sich in seiner Kritik mehrfach direkt gegen die phänomenologische Methode wendet, andererseits aber auch ein Reihe von Parallelen im Theoriegerüst aufzufinden sind.
Aus eben diesem Grund schließt sich die Frage an, ob Luhmann die von ihm kritisierten Probleme mit den Modifikationen und begrifflichen Verlagerungen selbst überwunden hat. Es handelt sich vor allem um das Problem der Intersubjektivität, die seiner Ansicht nach nicht aus dem Subjekt hervorgehen kann und begrifflich eine Paradoxie darstellt. In die Sprache der Theorie autopoietischer Systeme übersetzt, geht es um die Kopplung des Bewusstseinssystems mit dem Kommunikations-bzw. sozialen System. Auch bei Luhmann ist der Ausgangspunkt das geschlossen operierende System und der Übergang zur Sozialität scheint angesichts der von anderer Seite schon unterstellten monologischen Konstitution der Systeme ebenfalls problematisch. Es wird sich zeigen, dass Luhmann es nicht schafft, den Übergang vom selbstreferenziellen, psychischen System zu einem an Kommunikation teilnehmenden System zu konstruieren, ohne dass nicht das psychische System immer schon teilnehmend bzw. kommunizierend gewesen sein muss. Mit einer Erörterung dieses Sachverhalts und einem Ausblick auf einen möglichen Ausweg aus dem circulum vitiosus endet die Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
Die Ordnung des Kosmos
Leib und Seele in Athen
Die hellenistischen Naturwissenschaften
Grenzen der Erkenntnis
Der Zweifel
Das Subjekt in humanistischer Tradition
Das moralische Subjekt
Subjektivität und Individualität
Der Begriff der Ontologie
Differenzen
Zeit und Unordnung
Das ökonomische Subjekt und seine Auflösung
Das Subjekt wird pluralisiert und formalisiert
Das biologische Selbst der Evolution
Das Subjekt heute
Das Selbst in systemtheoretischer Wandlung
Selbstdarstellung in der Moderne
Das Subjekt wird durch eine Differenz ersetzt…
…und vom Gesellschaftsbegriff getrennt
Die Reflexion
Kognition
Das Individuum und die autonome Gesellschaft
Konsequenzen des verallgemeinerten Kognitionsbegriffs
Die Individualisierung des Individuums
Der Mensch als Objekt seiner Subjektivität
Das Problem identischer Individuen
Fazit
Aspekte der Systemtheorie
System und Umwelt
Selbstreferenz und Autopoiese
Selbstreferenz und Fremdreferenz
Unterscheidung und Beobachtung
Operationen und Selektionen
Freiheit und Handlung
Gedächtnis
Prozesse und Strukturen
Erwartungsstrukturen
Reflexivität oder prozessuale Selbstreferenz
Zeit
Sinn und Information
Handlung
Konsequenzen der Radikalisierung des Sinnbegriffs
Interpenetration statt Intersubjektivität
Interaktionssysteme als Grundstein für Sozialität
Kommunikation
Reflexion
Fazit
Niklas Luhmanns Kritik an der traditionellen Subjektphilosophie
Einführung
Bewusstsein, Ich und Subjekt
Symbolische Probleme des Subjekts
Semantische Probleme des Subjekts
Das Problem der Reflexion
Der logisch unmögliche Begriff der Intersubjektivität
Ontologie
Operative Geschlossenheit statt ontologischer Paradoxien
Luhmanns Einwände gegen Husserls Phänomenologie
Evidenz und Bewusstsein
Wahrnehmung und Kinästhesen
Das Problem der Monadengemeinschaft
Schlussfolgerungen
Der Weg
Selbstreferenz
Alter Ego
Doppelte Kontingenzen
Systeme in der Umwelt des Systems
Sinn als verbindende Form
Die Erwartung als kontingente Lösung
Sozialität lernen
Ein möglicher Ausweg: Husserls Kinästhesen und Bråtens Dyade
Die Annahme eines prä-kommunikativen Verstehens
Das Problem der Kommunikation
Fazit
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die traditionelle Subjektphilosophie unter Rückgriff auf Niklas Luhmanns systemtheoretischen Ansatz. Dabei wird analysiert, inwiefern die moderne Gesellschaftstheorie durch die Ablösung des Subjekts als Erkenntnisinstanz und die Einführung funktionaler Differenzierung philosophische blinde Flecken aufdecken kann, wobei insbesondere die Herausforderungen bei der Beschreibung von Intersubjektivität und der Kopplung von Bewusstsein und sozialer Kommunikation im Zentrum stehen.
- Systemtheoretische Kritik an ontologischen und transzendentalen Subjektmodellen
- Interdisziplinäre Untersuchung der Kopplung von Bewusstsein und sozialen Systemen
- Analyse von Husserls Phänomenologie als Beispiel subjektfundierter Erkenntnislehre
- Rekonstruktion der begrifflichen Auflösung des Subjektsbegriffs in der Moderne
Auszug aus dem Buch
SYSTEM UND UMWELT
Luhmann beginnt in einer Komplementärstellung zur Erkenntnistheorie, da er zuerst einmal von der Existenz der Systeme ausgeht, anstatt sie in ihrem Sein anzuzweifeln. Die Möglichkeit ihres Seins und ihrer Seinsweisen werden sich im weiteren Fragen in Wie-Kategorien ergeben, was ihm in der Hinsicht recht zu geben scheint, dass die Systemtheorie eine in sich geschlossene Theorie darstellt, die ihre Behauptungen nicht nur zirkulär hinterfragt, sondern auch das Hinterfragen selbst noch einmal analysiert. „Wenn Luhmann also vom selbstreferenziellen Systemen spricht, ist das zwar eine Aussage über die ‚Realität‘ von Systemen, aber es ist zugleich die Aussage eines beobachtenden Systems“, stell Christian Schuldt fest; Luhmann „verlagert den Erkenntnisstandpunkt vom Subjekt zurück in die beobachtete Realität und macht so die Theorie zum Bestandteil ihrer eigenen Gegenstände“. Die Systeme gewinnen Umweltdifferenzierung aus Beobachtung, interne Differenzierung aus ihrer Autopoiese. Die Umwelt muss aus diesem Grund notwendig eine strukturierte sein, denn ein strukturloses Chaos wäre in seiner absoluten Unsicherheit nicht in der Lage, systeminterne Strukturbildung anzuregen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel verortet die philosophische Entwicklung der Beziehung zwischen Objekt und Subjekt von der Antike bis zum modernen Rationalitätsbegriff.
Das Selbst in systemtheoretischer Wandlung: Hier wird diskutiert, wie moderne gesellschaftliche Strukturen das Subjekt durch Differenz ersetzen und welche Rolle die Selbstreferenz in der Systemtheorie spielt.
Aspekte der Systemtheorie: Das Kapitel erläutert die Grundkonzepte der Luhmannschen Theorie, insbesondere das Verhältnis von System und Umwelt, Autopoiese und die operative Geschlossenheit.
Niklas Luhmanns Kritik an der traditionellen Subjektphilosophie: Diese Sektion analysiert systematisch die systemtheoretischen Vorwürfe gegen die Annahme eines transzendentalen Subjekts und das Problem der Intersubjektivität.
Luhmanns Einwände gegen Husserls Phänomenologie: Das Kapitel erörtert kritisch die phänomenologische Methode Husserls bezüglich ihrer Evidenzansprüche und Wahrnehmungslehre im Vergleich zur Systemtheorie.
Schlussfolgerungen: Zusammenfassend wird bewertet, wie die Systemtheorie das Subjektproblem umformuliert und ob ein Übergang zu einer relationalen Sichtweise auf Sozialität erfolgreich gelingt.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Subjektphilosophie, Autopoiese, Intersubjektivität, Selbstreferenz, Edmund Husserl, Phänomenologie, Sozialität, Kommunikation, Bewusstsein, Differenz, Erkenntnistheorie, Ontologie, Strukturdeterminierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Kritik von Niklas Luhmann an der klassischen Subjektphilosophie und zeigt auf, wie eine soziologische Theorie autopoietischer Systeme die Tradition des Denkens vom Subjekt her durch eine differenztheoretische Betrachtungsweise ersetzen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die Ablösung des Subjekts durch systemtheoretische Konzepte, die Rolle von Bewusstsein und Kommunikation, die Bedeutung der Intersubjektivität und eine kritische Auseinandersetzung mit phänomenologischen Ansätzen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob Luhmanns systemtheoretische Modifikationen und begriffliche Verlagerungen ausreichen, um die Probleme der Intersubjektivität und der Kopplung zwischen psychischen und sozialen Systemen ohne Rückgriff auf ein traditionelles Subjekt zu überwinden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die primär die soziologische Systemtheorie nach Luhmann mit philosophischen Positionen, insbesondere Edmund Husserls Phänomenologie, konfrontiert und vergleicht.
Welche Inhalte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Einleitung, die Erläuterung systemtheoretischer Grundaspekte, die detaillierte Kritik an der Subjektphilosophie und eine spezielle Untersuchung der Luhmannschen Einwände gegen die Phänomenologie.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Die wichtigsten Schlagworte sind Systemtheorie, Autopoiese, Intersubjektivität, Selbstreferenz, Bewusstsein, Kommunikation und Erkenntniskritik.
Inwiefern spielt das Beispiel Edmund Husserls eine Rolle?
Husserls Phänomenologie dient als zentrales Vergleichsobjekt, da Luhmann sie mehrfach direkt kritisiert, aber dennoch strukturelle Parallelen im Aufbau seiner Theorie zu den phänomenologischen Ansätzen aufweist.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich der Intersubjektivität?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Luhmann das Problem der Intersubjektivität nicht vollständig löst, sondern in einen empirisch-soziologischen Sachverhalt übersetzt, wobei die operative Geschlossenheit der Systeme neue Schwierigkeiten für die Beschreibung von Verstehensprozessen schafft.
- Arbeit zitieren
- Francesca Dukagjini (Autor:in), 2007, Subjekt und System, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/174598