In vielen Artikeln werden u.a. die Konsequenzen der Globalisierung als Grund angeführt, warum die deutschen Arbeitsmarktgesetze einer permanenten An-passung unterliegen. Die Gefahr der Produktionsverlagerung und dass Deutschland den Ruf als Exportnation verlieren könnte sind in diesem Kontext häufig genannte Gründe. Dieser ökonomische Druck zwingt Deutschland Reformen durchzuführen, um Wettbewerbsfähig zu bleiben. Reformen in Demokratien vollziehen sich jedoch nur evolutionär, d.h. sie sind nicht zu revolutionären Veränderungen fähig, da die davon betroffenen Akteure politischen Widerstand leisten. Am Fallbeispiel der Umsetzung der Gesetze zur Reform des Arbeitsmarktes (auch Hartz-I bis Hartz-IV-Gesetze genannt) werden die Ursachen für die evolutionären Veränderun-gen dargelegt und analysiert.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitende Gedanken
A.1 Beleuchtung des verfassungsmäßigen Auftrags zur Sozialpolitik
A.2 Skizzierung der Entwicklungsphasen der Sozialpolitik in Deutschland
A.3 Problemstellung und Hypothesenentwicklung
A.4 Darlegung des Aufbaus der Analyse
A.5 Definition der Leitbegriffe „Entscheidung“ und „Inkrementalismus“
B Hauptteil
B.1 Aufbau des theoretischen Rahmens
B.1.1 Inkrementalismus
B.1.1.1 Darstellung und Zusammenfassung der Indikatoren des„Muddling Through“ von Lindblom, Popper und Scott
B.1.1.2 Die Bedeutung von „Output“ und „Outcome“ im Kontext vom „Muddling Through“
B.1.2 Erarbeitung des Governance-Bezugsrahmens
B.1.2.1 Beschreibung der Merkmale eines Policy-Feldes insbesondere des Aufbaus und der Funktion eines Policy-Netzwerks
B.1.2.2 Präsentation der zentralen Akteure im Policy-Feld der Arbeitsmarktpolitik und Herausarbeitung der Handlungsorientierung der politischen Parteien
B.1.2.3 Verknüpfung der ökonomischen Theorien der Demokratie mit den Handlungsorientierungen der politischen Parteien im Policy-Feld der Arbeitsmarktpolitik
B.2 Entwicklung des Policy-Rahmens unter Berücksichtigung des Konzepts und der Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
B.2.1 Die wesentlichen Inhalte des „Hartz-Konzepts“
B.2.2 Die Wirkungen der Hartz-Gesetze im Policy-Feld „Arbeitsmarkt“
B.2.3 Wirkungen der Hartz-Gesetze in der Gesellschaft
B.2.4 Resümee
B.3 Analyse-Teil
B.3.1 Entwicklung der Parteienlandschaft und der Regierungskonstellationen von 2002 bis 2011
B.3.2 Analyse der durchgeführten Veränderungen an den Hartz-Gesetzen innerhalb der verschiedenen Regierungsperioden
B.4 Fazit im Hinblick auf „Muddling Through“
C Abschließende Gedanken
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die Ursachen für das „Muddling Through“ (das evolutionäre „Sich-durchwursteln“) im deutschen Arbeitsmarktpolitikfeld zu identifizieren und zu analysieren. Dabei wird untersucht, inwieweit das Spannungsfeld zwischen divergierenden, nutzenmaximierenden Partikularinteressen von Interessengruppen – insbesondere politischer Parteien – als treibende Kraft hinter diesem endlosen Entscheidungs- und Modifikationsprozess bei der Implementation der Hartz-Gesetze fungiert.
- Theorie des Inkrementalismus und „Muddling Through“
- Governance-Analyse von Policy-Netzwerken und politischen Akteuren
- Anwendung der Politischen Ökonomie auf Wählerverhalten und Parteien
- Fallstudie zur Implementation und fortlaufenden Modifikation der Hartz-Gesetze
Auszug aus dem Buch
B.1.1.1 Darstellung und Zusammenfassung der Indikatoren des„Muddling Through“ von Lindblom, Popper und Scott
Lindblom entwickelte seine These, in dem er „Rational-Comprehensive comparisons“ gegenüber „Successive Limited Comparisons (Muddling Through)“ abgrenzt. Die Merkmale für „Muddling Through“ sind, dass (1) unterschiedliche Wertesysteme der Akteure unterschiedliche Lösungsansätze implizieren, dass (2) Ziele durch eine gleichzeitige Mittel-Zweck Definition festgelegt werden, dass (3) es keine Tests für die richtigen Maßnahmen gibt, sondern dass diese „Tests“ durch die Ergebnisse in der Praxis bewiesen oder falsifiziert werden. (4) Eine begrenzte Alternativensuche stattfindet und diese sich nur auf Modifikationen innerhalb des definierten Lösungsansatzes bezieht. (5) Komplexe Probleme in Bezug auf die aktuelle Relevanz vereinfacht, dadurch werden wichtige, später eintretende Konsequenzen, außer Acht gelassen. (6) Sogenannte „watchdogs“, d.h. Akteure mit einem anderen Problemlösungsansatz, aufgrund eines anderen Wertesystems, achten darauf, dass die aktuellen Lösungsansätze ihr Wertesystem nicht zerstören. (7) „Nichts ist in Stein gemeißelt“. Kleine Lösungsschritte sind leichter revidierbar als große, komplexe Lösungsschritte und (8) die Entscheidungen der Akteure beruhen auf einem paarweisen Vergleich mit den bereits durchgeführten Lösungsschritten (Lindblom 1959: 78-88).
Fast zeitgleich (1957) hat Popper seinen Ansatz des „piece-meal“ entwickelt. Er grenzt seinen Ansatz gegenüber dem holistischen Ansatz ab. Sein Hauptargument ist die Unberechenbarkeit des Faktors „Mensch“, der jeden holistischen Ansatz in der Realisierungsphase zum Kippen bringt. Er sagt, dass das Ende nicht technisch vorhersehbar ist und sich Veränderungen in einem Netz von überwiegend unintendierten Institutionen bewegen. Der „piece-meal“-Anwender instrumentalisiert die Institutionen, geht in kleinen überschaubaren Schritten vor und lernt aus den Fehlern der bereits durchgeführten Schritte (Popper: 53-64).
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitende Gedanken: Hier werden die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen für die Untersuchung gelegt, inklusive der Definition von Inkrementalismus und der Problemstellung hinsichtlich der Arbeitsmarktreformen.
B Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Erarbeitung des theoretischen Analyserahmens, die detaillierte Darstellung der Hartz-Gesetze und eine empirische Analyse der parteipolitischen Entwicklungen sowie der Modifikationsprozesse.
B.1 Aufbau des theoretischen Rahmens: Dieses Kapitel verknüpft Ansätze des Inkrementalismus mit der Politischen Ökonomie, um ein Modell zur Erklärung komplexer Entscheidungsprozesse in Politiknetzwerken zu schaffen.
B.2 Entwicklung des Policy-Rahmens unter Berücksichtigung des Konzepts und der Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt: Das Kapitel beschreibt die Inhalte, die Intentionen und die gesellschaftlichen Wirkungen der Hartz-Gesetze sowie deren kontinuierliche Nachbesserung.
B.3 Analyse-Teil: Hier erfolgt die empirische Überprüfung der theoretischen Thesen anhand der Mitgliederentwicklung der Parteien und der Regierungsentscheidungen zwischen 2002 und 2011.
B.4 Fazit im Hinblick auf „Muddling Through“: Das Kapitel resümiert die Ergebnisse und bestätigt, dass die fortlaufenden Korrekturen an den Hartz-Gesetzen als Lernschleifen im Sinne der Theorie des „Muddling Through“ zu interpretieren sind.
C Abschließende Gedanken: Dieses Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und wirft einen Blick auf künftige Forschungsfragen bezüglich der sozialen Gerechtigkeit.
Schlüsselwörter
Muddling Through, Inkrementalismus, Hartz-Gesetze, Arbeitsmarktpolitik, Politische Ökonomie, Policy-Cycle, Parteienlandschaft, Interessenkonflikte, Regierungsentscheidungen, Sozialpolitik, Politische Akteure, Entscheidungsprozess, Governance, Interessenorganisationen, Reformpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die fortlaufenden politischen Modifikationen der deutschen Arbeitsmarktreformen (Hartz-Gesetze) und interpretiert diese Prozesse als „Muddling Through“ im Sinne einer inkrementellen Entscheidungsstrategie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Theorie des Inkrementalismus, die Politische Ökonomie der Demokratie, die Dynamiken in Policy-Netzwerken sowie die praktische Umsetzung und Anpassung der Arbeitsmarktreformen in verschiedenen Regierungsperioden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob das Spannungsfeld divergierender, nutzenmaximierender Interessen von politischen Parteien eine Ursache für das „Sich-durchwursteln“ (Muddling Through) bei der Implementation und Systemerhaltung der Hartz-Gesetze ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen empirisch-analytischen Ansatz in Form einer Fallstudie („most-likely-case“), kombiniert mit einer Prozessanalyse der politischen Entscheidungen und Akteurskonstellationen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst den Aufbau eines theoretischen Rahmens, die detaillierte Vorstellung des Hartz-Konzepts sowie eine dreistufige Analyse, die Parteientwicklungen und die Modifikation der Gesetze in verschiedenen Regierungsphasen beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern zählen Inkrementalismus, Muddling Through, Hartz-Gesetze, Politische Ökonomie, Policy-Cycle und Parteienlandschaft.
Warum veränderten Parteien wie die SPD ihre Reformen mehrfach?
Laut der Arbeit geschah dies aufgrund des Drucks durch nutzenmaximierende Wähler und Parteimitglieder, die ihre Unzufriedenheit durch Abwanderung oder Stimmverlust artikulierten, was die Parteiführung zu ständigen Zielkorrekturen zwang.
Bestätigt das Fallbeispiel die Theorie des „Muddling Through“?
Ja, die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die permanente Anpassung der Hartz-Gesetze und die endlosen Lernschleifen die Theorie des „Muddling Through“ empirisch stützen.
- Quote paper
- B.A. "Politik- und Verwaltungswissenschaft" und Dipl.-Betrw. FH Hans-Juergen Klein (Author), 2011, Das „Muddling Through“ auf dem Politikfeld des Arbeitsmarktes als Folge divergierender Partikularinteressen von Interessengruppen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/174385