Politische Bildung hat in Deutschland eine wechselhafte Geschichte erlebt und wird in der Öffentlichkeit vielmals – oft aufgrund negativer Erfahrungen unter den Nationalsozialisten, der sogenannten Reeducation der Alliierten oder in der DDR – mit Skepsis betrachtet. Nach-dem in den 50er und 60er Jahr die Kindheit als un- oder zumindest vorpolitisch wahrge-nommen wurde, wuchs das Interesse an politischer Bildung erst wieder in den siebziger Jah-ren, als Folge der gesellschaftlichen und bildungspolitischen Umbrüche der 68er. Da eine durchgreifende Demokratisierung der Gesellschaft gefordert wurde, wurden gleichzeitig auch die Rufe nach Politikunterricht in den Schulen lauter. (Reeken 2007, 18-29)
Heute sind sich Fachwissenschaftler einig, dass politische Bildung für eine demokratische Gesellschaft notwendig und unumgänglich ist. Des Weiteren haben verschiedene Studien ergeben, dass diese bereits im Grundschulalter erfolgen sollte. Dennoch wird die politische Bildung in der Grundschule bis heute vernachlässigt – in die Lehrerbildung findet sie wenig Eingang, im Lehrplan ist sie nur wenig konkret und ausdifferenziert verankert, es mangelt an repräsentativen grundschulspezifischen Forschungsergebnissen und Bildungsstandards. (vgl. Reeken 2007, 44-47) Fachwissenschaftler bemängeln das Verschwinden der politischen Bil-dung aus den Schulen. (Gerold 2003, 39/40) Es besteht sogar auf die Grundschule bezogen die These, dass es „zu den tradierten Grundzügen des Sachunterrichts (…) [gehöre] politische Bildung [weitgehend zu verhindern].“ (Richter nach Gerold 2003, 40) Der folgende Aufsatz versucht zu verdeutlichen, was unter politischer Bildung zu verstehen ist und warum diese generell und speziell in der Grundschule notwendig ist. Er beleuchtet die aktuelle Stellung der politischen Bildung im Lehrplan der bayerischen Grundschule und erläutert, wie politi-sches Lernen in dieser Schulart aussehen sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Situation der grundschulbezogenen politischen Bildung in Deutschland
2. Der Begriff „Politik“
3. Die Notwendigkeit politischer Bildung in der Bundesrepublik Deutschland
4. Politische Bildung im Sachunterricht der Grundschule
4.1. Ist politische Bildung bereits in der Grundschule notwendig und auch möglich?
4.2. Wie lässt sich politische Bildung in der Grundschule durchführen?
4.2.1. Die Vorgaben des Lehrplans der bayerischen Grundschule
4.2.2. Mögliche Gefahren der praktischen Umsetzung im Sachunterricht
4.2.3. Didaktische Prinzipien der politischen Bildung in der Grundschule
4.2.4. Methodische Umsetzung im Sachunterricht
5. Bestehender Handlungsbedarf der grundschulbezogenen Politikdidaktik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Notwendigkeit und Umsetzbarkeit politischer Bildung innerhalb des Sachunterrichts an Grundschulen. Ziel ist es, die aktuelle Vernachlässigung dieses Themas aufzuzeigen, theoretische Grundlagen zu klären und didaktisch-methodische Wege für eine praxisnahe politische Bildung in der Grundschule darzulegen.
- Politische Bildung als unverzichtbarer Bestandteil der Grundschulbildung
- Analyse des Politikbegriffs und dessen Dimensionen (polity, policy, politics)
- Kritische Auseinandersetzung mit der kindlichen politischen Sozialisation
- Integration politischer Lerninhalte in den bayerischen Grundschullehrplan
- Methodische Gestaltung nach dem Dreischritt: sehen, beurteilen, handeln
Auszug aus dem Buch
4.2.3 Didaktische Prinzipien der politischen Bildung in der Grundschule
Die grundlegenden didaktischen Prinzipien des politischen Lernens wurden bereits 1976 auf einer Tagung der Landeszentrale für Politische Bildung in Baden-Württemberg festgelegt und sind bis heute unter dem Namen Beutelsbacher Konsens deutschlandweit in der Politikdidaktik anerkannt. Die dort festgelegten Prinzipien sind das Überwältigungsverbot, Kontroversitäts- und Analysegebot.
Das Überwältigungsverbot soll politische Indoktrination im Unterricht verhindern und Lehrende davon abhalten, ihr überlegenes Wissen und ihre Machtposition zu missbrauchen, um Schülern ihre persönliche Meinung aufzuzwingen. Das Kontroversitätsgebot besagt, dass sämtliche Inhalte und Sachverhalte, die in Wissenschaft und Öffentlichkeit umstritten sind, den Schülern auch als solche dargestellt werden müssen, damit diese nicht nur eine einseitige Sicht der Lage bekommen. Das Analysegebot zuletzt fordert, den Schülern die nötigen Kompetenzen zu vermitteln, um politische Situationen, aber auch eigene Interessen reflektieren und beurteilen und gleichzeitig mögliche Veränderungen aufzeigen zu können. Von manchen Autoren wird dieses letzte Gebot allerdings reduziert auf eine reine Analyse und Berücksichtigung der Interessenlage der Schüler.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Situation der grundschulbezogenen politischen Bildung in Deutschland: Dieses Kapitel thematisiert die historisch bedingte Skepsis gegenüber politischer Bildung in Deutschland und beleuchtet deren aktuelle Vernachlässigung an Grundschulen.
2. Der Begriff „Politik“: Es werden die verschiedenen Dimensionen des Politikbegriffs – Polity, Policy und Politics – erläutert, um ein grundlegendes Verständnis für die Arbeit zu schaffen.
3. Die Notwendigkeit politischer Bildung in der Bundesrepublik Deutschland: Hier wird begründet, warum politische Bildung essenziell für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft ist und warum mündige Bürger notwendig sind.
4. Politische Bildung im Sachunterricht der Grundschule: Dieser Hauptteil analysiert die Möglichkeiten der Implementierung politischer Bildung, beleuchtet Lehrplanvorgaben, Gefahren, didaktische Prinzipien und methodische Ansätze.
5. Bestehender Handlungsbedarf der grundschulbezogenen Politikdidaktik: Das Fazit fasst den dringenden Bedarf an Forschung, Bildungsstandards und besserer Lehrerausbildung zusammen, um politische Bildung als festen Bestandteil zu etablieren.
Schlüsselwörter
Politische Bildung, Sachunterricht, Grundschule, Demokratie, Beutelsbacher Konsens, Politikdidaktik, Politische Mündigkeit, Partizipation, Politische Sozialisation, Lehrplan, Handlungsorientierung, Dreischritt, Politische Kompetenz, Gemeinwohl, Reflexionsvermögen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und Relevanz der politischen Bildung im Grundschulalter, insbesondere im Fach Sachunterricht, und fordert eine stärkere Verankerung dieses Themas.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen der Politikbegriff, die Notwendigkeit demokratischer Mündigkeit, kindliche Politikvorstellungen sowie didaktische und methodische Umsetzungsstrategien für den Unterricht.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Kinder bereits im Grundschulalter politisch urteilsfähig sind und dass eine frühzeitige politische Bildung notwendig ist, um gegen Politikverdrossenheit vorzubeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erläuterung verwendet?
Es erfolgt eine fundierte Analyse bestehender fachwissenschaftlicher Literatur sowie eine Verknüpfung mit den Vorgaben des Lehrplans der bayerischen Grundschule.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Diskussion der kognitiven Fähigkeiten von Kindern, die Verankerung im Lehrplan, die Risiken der Vermischung mit sozialem Lernen sowie die Anwendung des Beutelsbacher Konsens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Politische Bildung, Sachunterricht, Grundschule, Demokratie, Partizipation und politische Mündigkeit bilden den Kern der terminologischen Ausrichtung.
Warum wird der Beutelsbacher Konsens in dieser Arbeit thematisiert?
Er dient als essenzielles normatives Grundgerüst für die politische Didaktik, um Indoktrination zu verhindern und eine sachgerechte sowie kontroverse Auseinandersetzung im Unterricht sicherzustellen.
Wie unterscheidet sich politisches Lernen von allgemeinem sozialen Lernen?
Während soziales Lernen das Sozialverhalten in Interaktionen fokussiert, zeichnet sich politisches Lernen durch ein eigenes Begriffssystem, fachspezifische Methoden und die gezielte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Macht- und Konfliktstrukturen aus.
- Arbeit zitieren
- Elisabeth Würtz (Autor:in), 2011, Politische Bildung im Sachunterricht der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/173748