Die deutsche Wirtschaft zeichnete sich in den vier Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg als erfolgreichste der großen Volkswirtschaften aus (vgl. Streeck 1999 S. 13). Ihre spezifi-schen Merkmale sind vergleichsweise hohe Löhne bei einer geringen Ungleichheit von Ein-kommen und Lebensstandard. Erreicht wird dies unter anderem durch eine zwar kapitalisti-sche Marktwirtschaft, jedoch unter Einbeziehung einer großen Anzahl von Institutionen, die diese Marktwirtschaft organisieren und streng regulieren. Dieses ehemals so erfolgreiche deutsche System gerät jedoch mehr und mehr unter Druck, sodass zu bezweifeln ist, ob es in seiner ursprünglichen Art weiter erfolgreich sein kann.
In dieser Seminararbeit soll das System des deutschen Kapitalismus mit seinen Schwächen und Belastungen, wie der relativ hohen Arbeitslosigkeit und einer nachlassenden Innovations-fähigkeit in den achtziger und neunziger Jahren, behandelt werden. Des Weiteren wird der Fragestellung nachgegangen, inwiefern die Wirtschaftskrise im Jahr 1993 ein Ende des bishe-rigen deutschen Kapitalismus bedeutet haben könnte. Welche Auswirkungen hatte die deut-sche Wiedervereinigung auf das sowieso geschwächte deutsche System? Ein weiterer zentra-ler Themenpunkt sind die Auswirkungen der Globalisierung auf den deutschen Kapitalismus. In welche Richtung kann er sich unter diesen schweren Bedingungen weiterentwickeln? Zu-letzt wird die Thematik von einem aktuellen Standpunkt, auch in Anbetracht der gerade zu-rückliegenden Wirtschaftskrise, betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Deutscher Kapitalismus
2.1 Der deutsche Nachkriegskompromiss
2.2 Charakteristika und institutionelle Rahmenbedingungen
2.3 Der sozioökonomische Drahtseilakt
3 Schwächen und Belastungen des deutschen Systems
3.1 Arbeitslosigkeit
3.2 Erschöpfung des deutschen Innovationssystems
3.3 Deutsche Wiedervereinigung
3.4 Globalisierung
3.4.1 Folgen für den Arbeitsmarkt
3.4.2 Folgen für den Kapitalmarkt
4 Entwicklungsperspektiven des deutschen Modells nach Streeck
5 Aktuelle Perspektive
6 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert das deutsche Modell des Kapitalismus unter Berücksichtigung seiner historischen Entstehung, seiner strukturellen Stärken sowie der zunehmenden Belastungen durch sozioökonomische Herausforderungen wie Globalisierung und Wiedervereinigung.
- Historische Herleitung des deutschen Nachkriegskompromisses
- Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen des deutschen Systems
- Untersuchung systemischer Schwächen wie Arbeitslosigkeit und Innovationsstau
- Evaluierung der Auswirkungen der Globalisierung auf Kapital- und Arbeitsmärkte
- Diskussion der Überlebenschancen des deutschen Modells im aktuellen globalen Kontext
Auszug aus dem Buch
2.3 Der sozioökonomische Drahtseilakt
Streek bezeichnet die Erfolgsbedingungen, welchen die deutsche Hochlohnökonomie unterliegt, als einen sozioökonomischen Drahtseilakt (vgl. Streeck 1999, S. 25). Diese Metapher meint den Ausgleich zwischen der Notwendigkeit, internationale Märkte zu bedienen und gleichzeitig den nationalen, hohen Ansprüchen, wie der Hochlohnstruktur und der Erhaltung des Wohlfahrtsstaats, gerecht zu werden. Die Schwierigkeit dieses Ausgleichs liegt in der Erfüllung dreier Voraussetzungen (vgl. Streeck 1999, S. 25f.):
1. Das Nachfragevolumen auf den qualitätskompetitiven Produktmärkten muss groß genug sein, um die ausschließlich von diesen Märkten abhängige Volkswirtschaft mit einer Vollbeschäftigung zu versorgen. Die Größe dieses Nachfragevolumens ist von sehr vielen Faktoren abhängig. Solche Faktoren sind zum Beispiel die historische Entwicklung der internationalen Nachfragestruktur, die Wettbewerbsfähigkeit anderer Volkswirtschaften im qualitätskompetitiven Bereich, der eigene Erfolg bei Produktinnovationen und die inländischen Produktionskosten. Die Produktionskosten sind in einer Volkswirtschaft wie der deutschen zwar zwangsläufig höher als auf preiskompetitiven Märkten, dürfen jedoch eine Schwelle nicht überschreiten, an der die Nachfrage rapide abfällt.
2. Die Volkswirtschaft muss in der Lage sein, Produktinnovationen so schnell zu entwickeln, dass ein dauerhafter Vorsprung auf den qualitätskompetitiven Märkten ausgebaut werden kann. Hier werden langfristige und hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung nötig. Zudem müssen die Systeme der Wissensgenerierung und Wissensweitergabe funktionieren und ineinander greifen. Dies bedeutet eine Zusammenarbeit und stetige Weiterentwicklung von Management, Technologienutzung, Arbeitsorganisation und Qualifizierung.
3. Des Weiteren muss das Arbeitskräfteangebot der Volkswirtschaft auf die Anforderung eines qualitätskompetitiven Marktes passen. Da auf einem qualitätskompetitiven Markt eine stetige Produktverbesserung, in Verbindung mit Innovationen und technologischem Fortschritt, stattfindet, müssen die Arbeitskräfte genauso weiterentwickelt werden, wie es auch mit den Produkten und Herstellungsverfahren geschieht. Investitionen in eine gute und strukturierte Personalentwicklung sind daher eine Grundvoraussetzung. Gesamtgesellschaftlich darf daher auch nur eine geringe Anzahl der Arbeitssuchenden für niedrig qualifizierte Arbeitsstellen in Frage kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des deutschen Kapitalismus ein und definiert das Ziel, die Schwächen und Perspektiven des Modells vor dem Hintergrund der Globalisierung zu beleuchten.
2 Deutscher Kapitalismus: Dieses Kapitel erläutert den historischen Nachkriegskompromiss und die institutionellen Rahmenbedingungen, die das deutsche Wirtschaftsmodell als koordiniertes System etabliert haben.
3 Schwächen und Belastungen des deutschen Systems: Hier werden die zentralen Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit, Innovationsschwäche, die Folgen der Wiedervereinigung und die Auswirkungen der Globalisierung auf Arbeits- und Kapitalmärkte analysiert.
4 Entwicklungsperspektiven des deutschen Modells nach Streeck: Dieses Kapitel diskutiert die von Wolfgang Streeck aufgeworfene Frage, ob das deutsche Modell in seiner ursprünglichen Form auf die internationale Wirtschaft übertragbar ist oder durch anglo-amerikanische Strukturen verdrängt wird.
5 Aktuelle Perspektive: Eine Betrachtung der Entwicklungen seit 1999, wobei insbesondere die globale Wirtschaftskrise 2009 als neuer Faktor zur Bewertung des deutschen Systems herangezogen wird.
6 Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz der systemischen Veränderungen und der Einschätzung, dass trotz globaler Anpassungszwänge verschiedene Spielarten des Kapitalismus bestehen bleiben können.
Schlüsselwörter
Deutscher Kapitalismus, Nachkriegskompromiss, Globalisierung, Soziale Marktwirtschaft, Innovationssystem, Arbeitslosigkeit, institutionelle Rahmenbedingungen, Arbeitsmarkt, Kapitalmarkt, Wiedervereinigung, Wettbewerbsfähigkeit, Wolfgang Streeck, Strukturwandel, Deregulierung, Wirtschaftsmodell.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung, den spezifischen institutionellen Schwächen und den zukünftigen Perspektiven des deutschen kapitalistischen Systems im Kontext zunehmender globaler wirtschaftlicher Verflechtungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören der deutsche Nachkriegskompromiss, die Innovationskraft des Landes, die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung sowie die Folgen der Globalisierung für das nationale Wirtschaftsmodell.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, inwiefern das deutsche System des Kapitalismus angesichts von Wirtschaftskrisen und globalem Wettbewerbsdruck überlebensfähig ist und welche Anpassungsprozesse sich dabei abzeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die maßgeblich auf den theoretischen Arbeiten von Prof. Dr. Wolfgang Streeck und weiteren soziologischen sowie ökonomischen Fachpublikationen basiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Identifikation der "Stolpersteine" des deutschen Systems, insbesondere auf der Arbeitslosigkeit, der Erschöpfung des Innovationssystems und den transformatorischen Auswirkungen der Globalisierung auf Banken- und Arbeitsbeziehungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem "Deutscher Kapitalismus", "Soziale Marktwirtschaft", "Globalisierung", "Nachkriegskompromiss" und "Innovationssystem".
Wie bewertet der Autor die Übertragbarkeit des deutschen Modells?
Der Autor argumentiert (basierend auf Streeck), dass das deutsche Modell aufgrund seiner spezifischen institutionellen Verflechtungen und seiner kulturellen Langfristorientierung kaum eins zu eins auf die internationale Wirtschaft übertragbar ist.
Welchen Einfluss hatte die Wirtschaftskrise 2009 auf die Einschätzung des deutschen Systems?
Die Krise 2009 wirft laut der Arbeit ein neues Licht auf die Thematik, da sie die Schwächen deregulierter, anglo-amerikanischer Systeme offenlegte und die Diskussion über staatliche Regulierungsnotwendigkeiten innerhalb des deutschen Modells wieder intensivierte.
- Arbeit zitieren
- Marie Cantin (Autor:in), 2010, Deutscher Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/173501