Ziel der Arbeit soll es sein, zu untersuchen, welchen
Einfluss Armut auf die schulischen Erfolgsaussichten
der betroffenen Kinder hat, und welche Möglichkeiten
sich im Grundschulalltag bieten, dem entgegenzuwirken.
In Kapitel 2 und 3 sollen die Voraussetzungen und
Grundlagen der Problematik erfasst werden. Zunächst
werden dazu der Begriff Armut definiert sowie Fakten
und Entwicklungen der letzten Jahre diskutiert. Welchen
Armutsrisiken sind Kinder in der Bundesrepublik
Deutschland ausgesetzt? Wie lässt sich das Phänomen
Kinderarmut adäquat erfassen?
Sodann steht in Kapitel 3 das Konzept der Chancengleichheit
im Fokus. Wie lässt sich Chancengleichheit
erfassen? Welche Bedeutung hat das Konzept für die
Grundschule? Ausgehend von der Erkenntnis, dass es
sich in diesem Zusammenhang eher um eine Chancenungleichheit
handelt, soll aufgezeigt werden, wie das
Thema im wissenschaftlichen Diskurs erscheint. Welche
Positionen und Ansätze werden vertreten?
Kapitel 4 widmet sich den konkreten Deprivationen
armer Kinder im Grundschulalter. Welche Nachteile
hinsichtlich der Entfaltung ihrer Fähigkeiten ergeben
sich für Kinder aus benachteiligten Familien gegenüber
ihren wohlhabenden Mitschülerinnen und
Mitschülern? Wie gelingt es Kindern, mit der Armutssituation umzugehen? Wie reagiert die Institution
Schule auf diese Wettbewerbsnachteile? Wie verhalten
sich Lehrerinnen und Lehrer gegenüber benachteiligten
Kindern?
Im fünften Kapitel sollen Handlungsoptionen für die
Grundschule im Mittelpunkt stehen. Welche Möglichkeiten
tun sich auf bzw. welche Maßnahmen sollten zum
Wohl der Kinder aus benachteiligten Familien ergriffen
werden?
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Gegenstand und Relevanz
1.2 Fragestellung und Herangehensweise
2 Armut und Kinderarmut
2.1 Armut: Diskurs und Definition
2.1.1 Ressourcenansätze
2.1.2 Prekärer Wohlstand und neue Armut
2.1.3 Lebenslagenansatz
2.1.4 Lebensstandardansatz
2.1.5 Dynamische Armutsforschung
2.1.6 Duale Armutsforschung
2.1.7 Armut als soziale Ausgrenzung
2.1.8 Armut als soziale Behinderung
2.2 Kinderarmut
2.2.1 Kinderarmut in Zahlen
2.2.1.1 Risikofaktoren
2.2.1.2 Regionale Unterschiede
2.2.1.3 Armutsentwicklung im Laufe der Kindheit
2.2.3 Armutskonzepte und Kinderarmut
2.2.4 Ursachen von Kinderarmut
3 Chancengleichheit
3.1 Chancengleichheit vs. Chancengerechtigkeit
3.2 Chancengleichheit in der Schule
3.3 Ergebnisse aktueller Bildungsberichte
3.3.1 Ergebnisse der PISA-Studie
3.3.2 Ergebnisse der IGLU-Studie
3.3.3 Ergebnisse der AWO-ISS-Studie
3.3.4 Ergebnisse der World Vision Kinderstudie
4 Kinderarmut in der Grundschule
4.1 Dimensionen von Armut im Grundschulalter
4.1.1 Materielle Grundversorgung
4.1.2 Kulturelle Partizipation
4.1.3 Soziale Teilhabe
4.1.4 Gesundheitliche Situation
4.1.5 Entwicklung über die Zeit
Exkurs: Hartz IV im Grundschulalter
4.2 Kindliche Bewältigungsstrategien
4.2.2 Jungen und Mädchen
4.2.3 Familiäre Situation und externe Institutionen
4.3 Benachteiligte Kinder in der Schule
4.4 Leistungsbeurteilung als sozialer Filter
4.5 Konsequenzen
5 Chancengleichheit: Ansätze für den Grundschulalltag
5.1 Einfluss der Lehrkräfte
5.1.1 Zur Zuverlässigkeit der Beurteilung
5.1.1.1 Die Herkunft der Lehrkräfte
5.1.1.2 Die Auswirkungen von Vorurteilen
5.1.2 Der Rosenthal-Effekt
5.2 Interventionsmöglichkeiten
5.2.1 Verbesserung des Kontextwissens
5.2.2 Supervision
5.3 Ganztagsschulen
5.3.1 Was ist eine Ganztagsschule?
5.3.2 Ganztagsschulen und Chancengleichheit
5.4 Vernetzung mit der Kinder- und Jugendhilfe
5.5 Resilienz
5.6 Armut als Unterrichtsthema
5.7 Möglichkeiten und Grenzen
6 Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss von Kinderarmut auf die schulischen Erfolgsaussichten und identifiziert Handlungsoptionen für den Grundschulalltag, um Chancengleichheit trotz sozioökonomischer Benachteiligung zu fördern.
- Dimensionen und Definitionen von Armut und Kinderarmut
- Die Rolle der Chancengleichheit im Bildungssystem
- Empirische Erkenntnisse aus Bildungsstudien (PISA, IGLU, AWO-ISS, World Vision)
- Einflussfaktoren durch Lehrkräfte und schulische Bewertungspraxen
- Handlungsansätze: Supervision, Ganztagsschulen und Vernetzung
Auszug aus dem Buch
4.4 Leistungsbeurteilung als sozialer Filter
Neben den Nachteilen, die Kinder aus finanziell schlechter gestellten Haushalten sozusagen von zu Hause mitbringen, erwarten sie in der Schule weitere Hürden und Hemmnisse. Dem Anspruch der Realisierung von Chancengleichheit durch den Ausgleich individueller Benachteiligungen werden Schulen in der BRD leider nur sehr selten gerecht:
„Die Funktionsmechanismen unseres Schulsystems – und die weit verbreitete Mentalität der daran Beteiligten – stehen in deutlichem Gegensatz zu einer integrativen und individualisierenden Pädagogik. Vielmehr wird durch eine Vielzahl von altbekannten Organisationsmechanismen in unserem Schulsystem immer wieder versucht, die homogene Lerngruppe herzustellen, um dann den Unterricht an den ‚Mittelköpfen‘ auszurichten. Dies ist zwangsläufig mit immer neuen Schritten der Selektion verbunden.“
Mit 'altbekannten Organisationsmechanismen' meint Tillmann die Möglichkeit der Zurückstellung vom ersten Schulbesuch, das Sitzenbleiben und die Möglichkeit zur Sonderschulüberweisung, wenn das Kind den geforderten Leistungserwartungen nicht standhalten kann.
Neben den genannten strukturellen Schranken des stark gegliederten deutschen Schulsystems verweisen die Ausführungen Tillmanns hier auch auf ein weiteres, geradezu skandalöses und beschämendes Phänomen, welches die Chancengleichheit geradezu ad absurdum führt: Die schlechtere Beurteilung armer Kinder bei gleicher Leistung. So ergab eine Befragung über die Leistungseinschätzung von Lehrerinnen und Lehrern gegenüber finanziell ausreichend und schlecht versorgten Kinder Ende der 1990er Jahre für Deutschland zusammengefasst,
„[...] daß sich der finanzielle Hintergrund der Kinder unmittelbar auf ihre Leistungseinschätzung auswirkt. Die Lehrerinnen und Lehrer nehmen die soziale Benachteiligung zumindest unterbewußt wahr, indem sie sozial schwächere Kinder in ihren Leistungen abwerten und aus der Regelschule selektieren.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Infantilisierung der Armut in Deutschland und die zentrale Rolle der PISA-Studie bei der Thematisierung des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Bildungserfolg.
2 Armut und Kinderarmut: Dieses Kapitel definiert verschiedene Armutskonzepte und analysiert das Ausmaß sowie die spezifischen Risikofaktoren von Kinderarmut im deutschen Kontext.
3 Chancengleichheit: Hier wird der Begriff der Chancengleichheit im Bildungskontext theoretisch hergeleitet und die selektive Wirkung des deutschen Schulsystems durch aktuelle Bildungsberichte belegt.
4 Kinderarmut in der Grundschule: Das Kapitel beschreibt konkrete Deprivationen armer Kinder und untersucht deren Bewältigungsstrategien sowie die Auswirkungen der schulinternen Leistungsbeurteilung.
5 Chancengleichheit: Ansätze für den Grundschulalltag: Es werden praxisorientierte Lösungsansätze wie Supervision, der Ausbau von Ganztagsschulen und eine stärkere Vernetzung mit der Jugendhilfe diskutiert.
6 Resümee und Ausblick: Das Fazit fasst die Notwendigkeit eines fördernden statt selektiven Schulsystems zusammen und betont die Bedeutung einer reformierten Lehrerausbildung.
Schlüsselwörter
Kinderarmut, Chancengleichheit, Grundschule, Bildungsbenachteiligung, Leistungsbeurteilung, soziale Selektion, Resilienz, Ganztagsschule, Supervision, Bildungsberichte, sozioökonomischer Status, soziale Ausgrenzung, Pädagogik, Lehrkräfte, Schullaufbahn.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Kinderarmut und den schulischen Erfolgsaussichten in Deutschland und analysiert, welche Möglichkeiten Schulen haben, um Benachteiligungen abzumildern.
Welche zentralen Themen werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Definition von Armut, die Rolle der Chancengleichheit, die Auswirkungen von Armut auf Kinder im Grundschulalter sowie pädagogische Interventionsmöglichkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Einfluss von Armut auf die schulische Entwicklung aufzuzeigen und Handlungsstrategien für Lehrkräfte und Schulen zu entwickeln, um benachteiligte Kinder besser zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse sowie der Auswertung aktueller empirischer Bildungsberichte basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen sozialer Benachteiligung im Schulalltag, insbesondere wie durch Leistungsbeurteilungen und unbewusste Vorurteile von Lehrkräften Selektionsprozesse gefördert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Kinderarmut, Chancengleichheit, soziale Selektion, Resilienz und Supervision stehen im Zentrum der pädagogischen Auseinandersetzung.
Was ist der „Rosenthal-Effekt“ und warum ist er für diese Arbeit relevant?
Der Rosenthal-Effekt beschreibt, wie die Erwartungen von Lehrkräften die Leistungen von Schülern beeinflussen können. Dies ist relevant, da arme Kinder oft unterschätzt werden, was ihre Bildungsbiografie negativ prägt.
Welche Rolle spielt die Ganztagsschule bei der Bekämpfung von Armutsfolgen?
Ganztagsschulen bieten das Potenzial, benachteiligten Kindern durch ein strukturiertes Umfeld, zusätzliche Bildungsangebote und soziale Teilhabe bessere Startchancen zu ermöglichen.
- Quote paper
- Stephanie Wazinski (Author), 2010, Kinderarmut und Chancengleichheit - Ansätze für den Grundschulalltag, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/173223