Die Frage danach, ob die Sprache das Denken entscheidend beeinflusse oder sogar determiniere ist eine im sprachphilosophischen Diskurs durchaus weitreichende und überaus kontrovers diskutierte. Sprachdeterministische Theorien im Sinne der starken Version des »Linguistischen Relativitätsprinzips« (LRP), welches ausgedehnte sprachphilosophische Debatten und ethnolinguistische Feldstudien nach sich zog,dauern bis heute an. Benjamin Lee Whorf gilt als derjenige, von dem das LRP in seiner starken Form als erstem formuliert wurde, wonach unterschiedliche Sprachgemeinschaften aufgrund der Grammatik ihrer Sprache zu völlig verschieden Wahrnehmungen der Welt (und damit verschiedenen Weltauffassungen) kämen.
Wir haben berechtigte Gründe, einem derartigen Sprachdeterminismus grundsätzlich zu widersprechen. Kann man nicht intuitiv handeln, Überlegungen anstellen und denken, ohne dass es dafür einer Sprache bedürfte? Können wir ohne Worte für etwas zu haben, nicht geistige Konzepte von etwas bilden, das uns sprichwörtlich »auf der Zunge liegt«? Was ist mit dem Kleinkind, dass noch keine selbstbezüglichen Wörter spricht; müssen wir ihm jegliche selbstbezogenen Gedanken absprechen, wenn es seine Hand nach einem Spielzeug ausstreckt und die Mutter auffordernd mit seinem Bick fixiert?
Der vorliegende Aufsatz stellt einen Versuch dar, die These herauszuarbeiten und zu verteidigen, dass die menschliche Sprache sein Denken nicht determiniert, wie es vor allem von Whorf in seiner Radikalisierung der Theorie des Ethnolinguisten Edward Sapirs annimmt.
Vielmehr wird das Denken als eine lebendige Wechselbeziehung einer nonverbalen (D) und einer sprachlichen Form (S) von Denken verstanden werden (S<>D). Damit würden Sprache und Denken untrennbar verwoben gedacht, als Einheit zweier Denkformen (D = D1, S = D2). Die (vor allem sprachliche) Ontogenese des so verstandenen Denkens könnte, so die vorläufige Arbeitsthese, erklären, dass das Denken nicht sprachlich determiniert ist, sondern lediglich entscheidend durch die Entwicklung des menschlichen Denkens geformt wird (O>(D1<>D2)).
Um die Funktionsweise dieser Entwicklung zu erhellen, werden die Erkenntnisse zur der Sprachentwicklung bei Kindern, im Besonderen des Psychologen Lew S. Wygotskis und des Anthropologen Michael Tomasellos kritisch zu Rate gezogen und für die philosophische Fragestellung fruchtbar gemacht werden.
Inhaltsverzeichnis
ORWELLS SPRACHZOMBIES
1 SPRACHE, DENKEN - DETERMINISMUS?
1.1 Sprache und Denken - Einige terminologische Weichenstellungen
1.2 Der Ursprung des Sprachdeterminismus - Blinde Ethnologen und schwimmende Anthropologen
1.3 Die zwei Komponenten des Denkens - Sprach-Inseln im Ozean des Schweigens
1.4 Zwischenkonklusion
2 ONTOGENESE UND SPRACHERWERB
2.1 Wygotskis kompetente Säuglinge
2.1.1 Alte Vorurteile abstreifen
2.1.2 Wygotskis Beitrag für die Moderne
2.1.3 Über Wygotski hinaus
2.2 Wissen durch Handlung
2.3 Zwischenkonklusion
3 PHYLOGENESE UND AUFMERKSAMKEIT
3.1 Tomasellos noch kompetentere Säuglinge
3.1.1 Erlebte Erfahrung - Die Grundlage der Ontogenese menschlichen Denkens
3.1.2 Die Bedeutung von Zeigegesten und gemeinsamen Hintergründen
3.2 Die neuronale Basis der Weltauffassung - Friths vorreflexive Weltmodelle
3.3 Zusammenfassung
ABSCHLUSS: CAPTAIN PICARD IST SPRACHLOS
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Hypothese, ob die menschliche Sprache das Denken determiniert. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Denken als lebendige Wechselbeziehung zwischen einer nonverbalen, vorsprachlichen Komponente und der sprachlichen Komponente zu verstehen ist, wobei die ontogenetische Entwicklung eine zentrale Rolle spielt.
- Kritik am Sprachdeterminismus (Linguistisches Relativitätsprinzip).
- Differenzierung des Denkens in vorsprachliche (D1) und sprachliche (D2) Ebenen.
- Die Bedeutung von Handeln, Erfahrung und „gemeinsamer Aufmerksamkeit“ bei Säuglingen.
- Die Rolle der sozialen Umwelt bei der Herausbildung von Denken und Sprache.
Auszug aus dem Buch
Die zwei Komponenten des Denkens - Sprach-Inseln im Ozean des Schweigens
Wollen wir einen Zugang zur Plausibilisierung der grundlegenden Denkprozesse (D1) erlangen, welche, gäbe es sie, jene »metakulturellen Gemeinsamkeiten« erklären könnten, müssen wir untersuchen, wie sie im Unterschied zu sprachlichen Denkprozessen (D2) zu verstehen sind.
Gipper macht für ein solches Verständnis einen durchaus ertragreichen Vorschlag, den wir im nächsten Kapitel mit Wygotski ergänzen und später mit Tomasello vervollständigen können:
Der Wortinhalt ist im Prozesse der Spracherlernung im Umgang mit den Dingen erworben worden. Er hat im Laufe der Spracherlernung in vielen ›Sprachspielen‹ seinen bestimmten Platz im Sinnpotential der erworbenen Muttersprache gewonnen. Er ist in seiner bestimmten Geltung unbewußt verfügbar, entzieht sich aber in der Regel einer zureichenden Definition. [...] Im Gegensatz dazu darf es als besonderes Kennzeichen des Begriffes gelten, daß er einer Definition, d. h. einer genaueren Umgrenzung zugänglich sein soll [und] auf die Stufe bewußter gedanklicher Durchdringung gehoben worden ist, was in der Regel damit zusammenhängt, daß er aus dem allgemeinen Sprachgebrauch herausgehoben wird und seine Bestimmtheit im Rahmen eines besonderen Denksystems, z. B. eines bestimmten Philosophen oder einer bestimmten Wissenschaft, findet (Gipper, 37)
Eine solche Unterscheidung zwischen dem »Wortinhalt« als vorsprachlich-unbewusste subjektive Denkbewegung, die wir mit D1 kennzeichneten einerseits und den konkreten sprachlichen Begriffen, mit denen wir intersubjektiv mit anderen Menschen agieren und die wir D2 nannten, scheint hier äußerst sinnvoll. Denn ein Sprachdeterminismus im Sinne Whorfs beruht auf falschen Grundannahmen über das Denken, welche eine lange Geschichte im wissenschaftlichen Kanon haben, die wir im nächsten Kapitel ansatzweise beleuchten werden.
Zusammenfassung der Kapitel
ORWELLS SPRACHZOMBIES: Dieses Kapitel stellt die dystopische Vorstellung Orwells dar, dass Sprache das Denken vollständig determiniere, und leitet die Forschungsfrage der Arbeit ein.
1 SPRACHE, DENKEN - DETERMINISMUS?: Hier werden terminologische Grundlagen geklärt und der Sprachdeterminismus (LRP) kritisch hinterfragt, wobei eine erste Differenzierung in zwei Denkkomponenten erfolgt.
2 ONTOGENESE UND SPRACHERWERB: Dieses Kapitel widmet sich Wygotskis Theorien über die frühe kindliche Entwicklung und argumentiert gegen die Auffassung, dass Kleinkinder ohne Sprache „denkunfähig“ seien.
3 PHYLOGENESE UND AUFMERKSAMKEIT: Unter Einbezug von Tomasellos Konzept der „gemeinsamen Aufmerksamkeit“ wird die ontogenetische Basis menschlichen Denkens in vorsprachlichen sozialen Interaktionen verortet.
ABSCHLUSS: CAPTAIN PICARD IST SPRACHLOS: Anhand einer Science-Fiction-Episode wird illustriert, wie auch ohne gemeinsame Sprache durch „joint attention“ Verständnis entstehen kann, was die Hauptthese der Arbeit bestätigt.
Schlüsselwörter
Sprachdeterminismus, Ontogenese, Wygotski, Tomasello, vorsprachliches Denken, Denken und Sprechen, gemeinsame Aufmerksamkeit, joint attention, Weltkenntnis, Sprachentwicklung, Kultur, intersubjektiv, Wahrnehmung, Kognition, Wissensbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob das menschliche Denken durch die Sprache determiniert wird oder ob vorsprachliche, auf Erfahrung basierende Prozesse eine fundamentale Rolle spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Sprachphilosophie, Entwicklungspsychologie, Anthropologie und die Untersuchung der frühkindlichen kognitiven Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die These zu verteidigen, dass Sprache das Denken nicht determiniert, sondern Denken als lebendige Wechselbeziehung zweier Komponenten (D1 und D2) zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die philosophische Argumentationen mit Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, Anthropologie und Säuglingsforschung verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Konzepte von Wygotski, Tomasello, Stern und Greenspan analysiert, um die vorsprachliche „Weltkenntnis“ durch Handeln und soziale Interaktion zu untermauern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Sprachdeterminismus, Ontogenese, gemeinsame Aufmerksamkeit (joint attention) und vorsprachliches Denken sind die prägendsten Begriffe.
Was besagt die „Neunmonatsrevolution“ im Kontext der Arbeit?
Sie bezeichnet einen Zeitpunkt in der kindlichen Entwicklung, ab dem Kleinkinder beginnen, ihre soziale Welt aktiv mit anderen zu teilen, was als anthropologische Grundlage menschlichen Denkens betrachtet wird.
Wie spielt das „Star Trek“-Beispiel in die Argumentation hinein?
Es dient als anschauliche Illustration dafür, wie Verständnis und Kommunikation selbst bei völlig unterschiedlichen Sprachsystemen durch das Teilen von Aufmerksamkeit und Kontext (joint attention) möglich werden.
Warum wird die „Wortbedeutung“ bei Wygotski so betont?
Sie wird als die nicht weiter zerlegbare Einheit von Denken und Sprechen verstanden, die sich im Prozess der kulturellen Entwicklung wandelbar konstituiert.
- Arbeit zitieren
- Marcel Nakoinz (Autor:in), 2011, Embodied thoughts, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/173107