Die kritische Untersuchung des Denkens Augustins ist auf die Frage fokussiert, inwiefern sich im augustinischen Denken, das die Gottessuche und die Gotteserkenntnis als das Zentrum des Platonismus annimmt, die Ausschließungstendenz von Möglichkeiten sokratisch-problemerschlossenen Vernunftgebrauchs verstärkt als Folge einer verdichtet dogmatisch-positionellen Haltung, die diesbezüglich zur Hermetik neigt. Hierbei werden Bezüge zwischen dem augustinischen Denken nicht nur zu Sokrates-Platon, sondern auch zum plotinischen Denken hergestellt.
Die Rezeption des `Platonismus´ gegen Ende der Spätantike durch Augustin wird in den einschlägigen Aspekten aufgezeigt. Die für eine umfängliche Würdigung besonders bedeutsamen Gesichtspunkte, nämlich die Themenkomplexe Erkenntnis-, Ideen- und Aufstiegstheorie, Trinitätsdenken, mystische Elemente und `negative Theologie´ sowie Skepsis, Gewissheit und individualistisch verstandenes Glück in ihren je spezifischen Zusammenhängen werden entfaltet. Unter Zugrundelegung des Konzeptes sokratischen Problemwissens, das vom Autor bereits in anderem Zusammenhang ausführlich entfaltet wurde, ist die Fragestellung leitend, an welchen Wissensgestalten sich Augustin bei seiner Gewissheitssuche in Verbindung mit seinem Glückssicherungsbestreben orientiert, und welche Möglichkeiten für sokratisch-problematische Vernünftigkeit in seinem Denken im Laufe seiner Denkentwicklung verbleiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Augustin und die Chancen sokratisch-problematischer Bildung
1.1 Einführung
1.2 Zugänge
1.2.1 Die Suche nach dem Glück
1.2.2 Die Sicherung des Glücks gegen die Bedrohung durch Zweifel und Skepsis
1.2.3 Das Verhältnis von Autorität und Glaube zu Wissen und Vernunft
1.2.4 Die Kongruenz von Rationalität/Philosophie und Glaube/Theologie
1.2.5 Eine Vorannahme zu den Möglichkeiten sokratisch-kritischer Vernünftigkeit
1.2.6 Das Schriftverständnis und die Dienstbarkeit philosophischer Vernunft
1.2.7 Mögliche Konsequenzen aus der Depotenzierung philosophischer Vernunft
1.3 Sondierungen: `Überwindung´ der Skepsis in De academicis
1.3.1 Vorbemerkungen
1.3.1.1 Anliegen und Bedeutung von De academicis
1.3.1.2 Unsokratische Dialogizität
1.3.1.3 Der Zusammenhang zwischen beatitudo und Skepsisüberwindung
1.3.1.4 Die wahrheitsverbürgende Rolle von Mathematik und Zahl
1.3.1.5 Die Depotenzierung des `restsokratischen Moments´ durch den Primat der Glückssicherung
1.3.1.6 Die Funktionalisierung des dogmatischen `Platonismus´
1.3.1.7 Das depotenzierte `restsokratische Moment´ als Platzhalter für den Gott des Christentums
1.3.1.8 Die Gefahr des Dogmatismus
1.3.1.9 Die Rolle der mathematischen Gewissheit als Muster der Wissensgewissheit und als Glücksgarant
1.3.1.10 Der Zusammenhang von Glückskonzeption und Weltabkehr
1.3.2 Untersuchung und sokratische Bewertung der `Skepsisüberwindung´ nach Augustin
1.4. Rückblick und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die dogmatisch-hermetischen Tendenzen im Denken des heiligen Augustinus und hinterfragt, inwieweit diese die Möglichkeiten eines skeptisch-problemerschlossenen Vernunftgebrauchs behindern. Das zentrale Ziel ist es, Augustins Gewissheitssuche im Kontext seines Glücksstrebens zu analysieren und dem augustinischen Wissensverständnis das Konzept des sokratischen Problemwissens gegenüberzustellen.
- Analyse des Einflusses des augustinischen Eudämonismus auf die Erkenntnistheorie.
- Untersuchung der Depotenzierung philosophischer Vernunft durch christlich-biblische Offenbarungspositionalität.
- Kritische Sondierung der "Skepsisüberwindung" in Augustins Frühschrift *De academicis*.
- Gegenüberstellung von augustinischem "Glückspositionalismus" und sokratisch-platonischem Problemwissen.
- Reflexion über das Schicksal des "restsokratischen Moments" in der abendländischen Philosophie.
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Die Suche nach dem Glück
Will man die Möglichkeiten sokratisch-problematischer Vernünftigkeit bei Augustin eruieren, so ist zunächst besonders auf den Einfluss des augustinischen Eudämonismus, also seines Glückserreichungs- und Glückssicherungsbestrebens, das bei Augustin durchgängig als zentrales Motiv seines Denkens festgestellt werden kann, und in das von ihm sowohl die Philosophie als auch die Religion bzw. die Theologie eingespannt werden, auf die Ausgestaltung seiner philosophisch-theologischen Positionen zu achten. So steht v.a. Augustins christlich-biblisch und offenbarungspositionell-dogmatisch hinterlegte Interpretation des göttlichen Einen im Einflussbereich seines individualistischen Glückssicherungsbemühens und ist Ausdruck glücksgewissheitstendierender Intentionen, die bei Augustin nicht (wie bei Platon als Autor und – auf der Ebene literarischer Gestaltung – beim platonischen Sokrates) durch sokratisch-problemerschlossene Vernünftigkeit umgriffen sind.
Das augustinische Denken steht durch Aufnahme christlich-biblischer Offenbarungspositionalitätsmomente sowie durch das leitende Interesse an philosophischer Durchdringung und Interpretation des Christentums von seiner Frühphase an – legt man die Perspektive des sokratischen Problemwissens zugrunde – in der Gefahr, auch und gerade hinsichtlich des Einen-Guten das (wie für Plotin gezeigt wurde: nur noch restsokratische) wissende Nichtwissen zu exkludieren, nämlich die (hier wie bei Plotin: positionell-) skeptische Einsicht in die Unmöglichkeit, das Eine Gute per begreifendem Denken zu ergreifen und so das Begriffene dann per positionell-affirmatives Wissen als Ergriffenes in diesem Wissen und als dieses Wissen verfügbar zu haben. Die volle Höhe des restsokratischen plotinischen Problemwissens beizubehalten, liefe den augustinischen Glücksbemächtigungsbedürfnissen zuwider.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Augustin und die Chancen sokratisch-problematischer Bildung: Dieses Kapitel führt in die Problematik ein und fokussiert auf die Verengung sokratisch-kritischer Vernünftigkeit im augustinischen Denken zugunsten einer dogmatischen Haltung.
1.1 Einführung: Die Einleitung steckt den Rahmen der Untersuchung ab, indem sie Augustins Platon-Rezeption und deren Folgen für die sokratische Skepsis thematisiert.
1.2 Zugänge: Dieser Abschnitt analysiert die zentralen Motive wie die Glückssuche, das Verhältnis von Glaube und Vernunft sowie die Rolle des Schriftverständnisses.
1.3 Sondierungen: `Überwindung´ der Skepsis in De academicis: Eine detaillierte Untersuchung der Erstlingsschrift, um das Verhältnis von Glücksstreben und der Auseinandersetzung mit der akademischen Skepsis zu exemplifizieren.
1.4. Rückblick und Ausblick: Hier werden die Ergebnisse resümiert und die Verschiebung vom frühen zum späten Augustin hinsichtlich der Bewertung von Vernunft und Philosophie bilanziert.
Schlüsselwörter
Augustin, Platonismus, Sokrates, Skepsis, Problemwissen, Glückssicherung, Eudämonismus, Vernunftgebrauch, De academicis, Offenbarungspositionalität, Gotteserkenntnis, Wissensmodell, Dialektik, Christentum, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert kritisch das Denken des späten Augustinus und untersucht, inwiefern sein Streben nach absoluter Gewissheit und Glückssicherung die Möglichkeiten eines skeptisch-kritischen, sokratischen Philosophierens eingeschränkt hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die Augustinsche Erkenntnistheorie, sein Verhältnis zum Platonismus und Neuplatonismus, die Bedeutung des Glücks Strebens (Eudämonismus) sowie die Auseinandersetzung mit der antiken Skepsis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, ob Augustins Denken, das stark von christlicher Offenbarung geprägt ist, noch Raum für eine sokratisch-problemerschlossene Bildung lässt oder ob diese durch dogmatische Engführungen exkludiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-systematische Analyse, insbesondere durch die Auseinandersetzung mit Augustins Frühschriften wie *De academicis*, um die Wissensgestalten und deren philosophische Implikationen methodisch zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene "Zugänge" untersucht, insbesondere die Rolle der Mathematik, die Bedeutung der "Schau Gottes", das Schriftverständnis und der Umgang mit Zweifeln, um die Transformation des Wissensbegriffs bei Augustinus aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie sokratisches Problemwissen, Glücksstreben, Offenbarungspositionalität, Dogmatismus-Gefahr und die Abgrenzung zur akademischen Skepsis charakterisieren.
Wie bewertet der Autor Augustins "Skepsisüberwindung"?
Der Autor sieht in der augustinischen Überwindung der akademischen Skepsis keine sokratische Lösung, sondern eine Transformation in Richtung eines dogmatisch-positionellen Wissens, das den skeptischen Zweifel lediglich auszuschließen versucht.
Welche Rolle spielt das Konzept des "restsokratischen Moments"?
Das "restsokratische Moment" dient als Marker für ein philosophisches Denken, das die Grenzen des Wissens reflektiert; der Autor argumentiert, dass dieses bei Augustin durch sein Glückssicherungsbedürfnis marginalisiert und schließlich zu einem bloßen "Platzhalter" für theologische Dogmatik wurde.